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Konstanze Crüwell Zerbrechliche Ware: „Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen“

19.02.2006 ·  Die Märchen Richard von Volkmann-Leanders sind heute ziemlich vergessen. Schade, denn nicht nur seine „Drei Schwestern mit den gläsernen Herzen“ bergen schönste Erkenntnisse für Kinder, die sich später wie von selbst in deren Weltbild einbauen.

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Eine antiquierte Vorliebe: Die Märchensammlung „An französischen Kaminen“ von Richard von Volkmann-Leander, einst ein Bestseller, ist heute ziemlich vergessen. Zu Unrecht: „Wie der Teufel in's Weihwasser fiel“ (ausgerechnet im Kölner Dom!), wie sein Rock von des Teufels Großmutter durch den abscheulichsten Höllenschlamm gezogen und über ein Kohlebecken voll kleingehackter Hundehaare und geraspelter Pferdehufe gehalten wurde, um den gräßlichen Kirchengeruch loszuwerden, das ist eine saftige Geschichte von nachhaltiger Faszination.

Daß ein Kind aus einem Märchen Erkenntnisse gewinnt, die sich später wie von selbst in sein Weltbild einbauen, dafür sind „Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen“ aber ein geeigneteres Beispiel: Im Märchen meiner Wahl geht es freundlich zu. „Kinder“, sagte die Königin zu ihren drei Töchtern, „nehmt euch mit euren Herzen in acht. Sie sind eine zerbrechliche Ware.“ Doch leider paßt die älteste Schwester nicht auf; als sie sich aus dem Fenster lehnt, zerspringt ihr Herz, und sie fällt tot um. Die zweite Schwester trinkt zu heißen Kaffee, ihr Herz bekommt einen Sprung, sie muß sich immer schonen, darf auch nicht heiraten. Der König hat jetzt „nur noch eine ganze Tochter“, die nur einen König ehelichen darf, der auch Glaser ist.

Eine hübsche Lebensweisheit. Und noch eine

Zum Glück geht ein junger Edelknabe, im Schloß zum Edelmann erzogen, nach einem Flirt mit dieser Tochter bei einem Glaser in die Lehre, muß im ersten Jahr die Semmeln vom Bäcker holen, die Kinder waschen und anziehen, wird nach vier Jahren Meister und darf - obwohl kein König - die Tochter heiraten. Und damit hat der Autor die Lebensweisheit, daß klein anfangen muß, wer etwas werden will, unauffällig und hübsch verpackt. Eine weitere, sehr tröstliche Lebensweisheit: Manchmal halte das, was einen Sprung bekommen hat, nachher gerade noch recht lange, sagt die zweite Prinzessin und „allerbeste Tante der Welt“, die steinalt wird.

Das Rätsel des seltsamen Titels der Sammlung hat sich durch den Erwerb eines ebenfalls steinalten Exemplars gelöst: Volkmann-Leander war Generalarzt beim IV. Armeekorps im Krieg 1870/71 und hat die Märchen wirklich „an französischen Kaminen“, im Schloß Soisy bei Paris, dem Hauptquartier des Generalkommandos, erzählt und per Feldpost nach Hause geschickt. Ergoogelt wurde, daß der berühmte orthopädische Chirurg die „antiseptische Wundbehandlung“ Listers propagiert und den Teerkrebs, das „Schornsteinfegerkarzinom“, erforscht hat.

Das Märchen findet sich in Richard von Volkmann-Leanders Buch „Träumereien an französischen Kaminen“, Artemis & Winkler, 14,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 20.02.2006, Nr. 43 / Seite 36
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