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Kommentar Entgeistert

14.09.2004 ·  Die Reich-Ranicki-Beleidigung ist fast schon ein eigenes Subgenre der Trash- und Trivialliteratur. Die neueste Variante steuerte der Schriftsteller Robert Menasse bei - ausgerechnet auf dem Germanistentag.

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Mit Literaturkritikern ist es wie mit Fußballtrainern. Obwohl es ohne sie nicht geht, schimpft mancher gern und laut über ihre Entscheidungen, und je einflußreicher der Kritiker, desto heftiger wird er attackiert.

Gerade in Deutschland vereinen sich zuweilen Schriftsteller und Germanisten, die sonst wenig miteinander zu schaffen haben, gern in einer pauschalen Schelte der Kritik. Auf der Eröffnungsveranstaltung des Germanistentags am Sonntagabend in München sollte der österreichische Romancier Robert Menasse ein "Lob der deutschen Sprache" vortragen. Doch dazu hatte er keine Lust.

Stattdessen holte er nach einer Reflexion über das im Nationalsozialismus pervertierte "Dichter-und-Denker-Label" zu einer Polemik gegen Marcel Reich-Ranicki und die deutsche Öffentlichkeit aus, die mit dem Kritiker einst einen "Vertrag zum gegenseitigen Mißbrauch der Denkwerkzeuge" geschlossen habe.

Die „Sittenverwilderung“ des literarischen Lebens

Nach dem Holocaust hätten die Deutschen als Gewissensberuhigung "einen polnischen Juden zum Literaturpapst gewählt". Dieser wiederum habe in der ihm zugewachsenen Stellung die "Katastrophe" und die "Sittenverwilderung" des literarischen Lebens perfekt gemacht. Zuvor war in den Grußworten immer wieder die nationalsozialistische Vergangenheit beschworen worden, die Bücherverbrennungen 1933 und das Schicksal der Geschwister Scholl - und dann wird einer der bedeutendsten deutsch-jüdischen Intellektuellen der zweiten Jahrhunderthälfte als größenwahnsinniger "Führer in sprachlich-geistigen Dingen" diffamiert.

Erklären, nicht entschuldigen läßt sich das als Ausbruch eines Autors, der nicht genügend beachtet oder ungerecht behandelt fühlt - er wäre nicht der erste. Zwar scheint die Reich-Ranicki-Beleidigung mittlerweile fast schon als eigenes Subgenre der deutschen Trash- und Trivialliteratur, aber als Eröffnungsbeitrag des Germanistentags war Menasses Rede nicht zuletzt deshalb so grotesk, weil mit dem Kritiker sich auch zahlreiche namhafte Germanisten diffamiert fühlen müssen.

Zum Wohl der Leser

Denn gerade Marcel Reich-Ranicki hat als Literaturchef dieser Zeitung und bis heute als Herausgeber der "Frankfurter Anthologie" eine breite und belastbare Brücke zur Philologie geschlagen. Von Helmut Koopmann über Walter Hinck, Egon Schwarz, Peter Demetz oder Peter von Matt reicht die lange Reihe der Germanisten, die er für das Feuilleton gewonnen hat, zum Wohl der Kritik, zum Wohl der Literatur und zum Wohl der Leser.

"Warum kenne ich Ihre Werke nicht?" schleuderte Menasse den Fachvertretern entgegen, als trügen diese Schuld an seinen Wissenslücken. Einmal abgesehen davon, daß man besser keine Umfrage darüber machen sollte, wie vertraut deutsche Hochschullehrer mit Menasses Tetralogie zur "Phänomenologie der Entgeisterung" sind - wenn die Germanisten mehr öffentliche Wirkung erzielen wollen, gibt es ein besseres Mittel als Menasses Unflat. Sie müßten sich nur wie Reich-Ranicki als Anwälte der Literatur verstehen.

Quelle: rik / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2004, Nr. 214 / Seite 33
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