25.11.2005 · Das Vermächtnis des bedeutendsten deutschen Lyrikers, ein junger Dichter aus Litauen und eine große alte Dame aus Polen: die wichtigsten Gedichtbände des Jahres.
Die deutsche Literatur verlor im Frühjahr ihren bedeutendsten Lyriker: Thomas Kling verstarb nach langem Leiden im Alter von nur 47 Jahren.
Sein letzter Gedichtband erschien unmittelbar vor seinem Tod und bekam den Charakter eines Vermächtnisses. Daß seine Krankheit ihm nichts von seiner Sprachkraft zu nehmen vermocht hat, beweist etwa der einleitende Zyklus „Gesang von der Bronchoskopie“, in dem Kling dem körperlichen Verfall einen künstlerischen Triumph abringt.
Wie sehr das mythische Erbe der Antike, das Kling in einigen Prosatexten des Bands mustert, Europas Dichtung heute noch prägt, beweist der zweisprachige Band des jungen Litauers Eugenijus Alisanka, der literarische Tradition auf die Gegenwart eines neu zusammenwachsenden Kontinents prallen läßt.
Damit steht er nicht zuletzt in den Fußstapfen der großen polnischen Lyrik, deren wichtigste lebende Vertreterin Wislawa Szymborska einen Band mit neuen Gedichten vorgelegt hat, die seit der Verleihung des Nobelpreises 1996 entstanden sind. Wie gewohnt übersetzt von Karl Dedecius, zieht die große alte Dame der polnischen Literatur darin die Bilanz eines dichterischen Jahrhundertlebens.