11.10.2007 · Michael Klett spricht im Interview über kluge Schüler, ehrgeizige Eltern, mühsame Geschäfte mit dem Schöngeistigen und sein Comeback mit neunundsechzig Jahren.
Michael Klett spricht im Interview über kluge Schüler, ehrgeizige Eltern, mühsame Geschäfte mit dem Schöngeistigen und sein Comeback mit neunundsechzig Jahren.
Herr Klett, bei allem Respekt. Sollten Sie mit Ihren 69 Jahren nicht auf einer Finca sitzen und Bücher lesen, statt ein Unternehmen zu führen?
So hatte ich mir das ja auch vorgestellt. Ich hatte mich lange darauf gefreut, endlich die Augustinus-Biographie des englischen Gelehrten Peter Brown zu lesen. Ich war nach den ersten Seiten begeistert, musste aber die Lektüre abbrechen.
Und in die Niederungen herabsteigen. Jetzt managen Sie wieder Schulbücher, Fernschulen und Fachinformationen für Asphalt, Deponie-Technik und Aluminium.
Ja, jetzt stecke ich wieder in der Mühle.
Wie konnte das passieren?
Es ist dieses Unglück, dass die Klett-Familie sich mit dem familienfremden Vorstandsvorsitzenden nicht vertragen hat. Jeder Mensch hat eine kulturelle Ausstrahlung. Seine Art passte einfach nicht zu der in diesem Unternehmen über Generationen gewachsenen Kultur.
Ist es nicht viel einfacher? Deutsche Familienunternehmen neigen dazu, familienfremde Vorstände zu mobben.
In unserem Fall wirklich nicht. Er konnte mit der Familie nicht. Alles, was Klett kulturell ausmacht, hat ihm offenbar widerstrebt.
Jetzt haben Sie wieder die Macht?
Ja.
Wie lange bleibt das so?
ch will nicht sagen, solange ich noch Puste habe. Denn ich will ja mein Buch noch weiter lesen.
Wie viel Puste hätten Sie denn noch?
Ich bin sehr fit. Ich wundere mich über mich selbst. Am Anfang meiner Laufbahn war ich ziemlich krank. Ich bin eigentlich immer gesünder geworden.
Also, wie lange wollen Sie noch führen?
Ich bin keine Perspektive für das Unternehmen. Langsam wird es auch ein bisschen komisch, weil ich inzwischen fünf Jahre älter bin als unser ältester Mitarbeiter. Eigentlich ist meine Zeit vorbei. Themen wie das elektronische Publizieren finde ich ja hochinteressant, aber ich kann da keine kreativen Anstöße mehr geben. Da fällt mir einfach nichts ein. Bei Büchern ist mir immer etwas eingefallen.
Gibt es nicht die kleine Genugtuung, dass Sie wieder gebraucht werden?
Wirklich nicht. Ich bin nicht der alte Löwe, der, glücklich über das Straucheln seines Nachfolgers, seinen alten Platz wieder einnimmt.
Jetzt harren Sie aus, bis Familienmitglieder reif genug sind für die Leitung?
Das wird man sehen.
Aber Ihr Nachfolger soll nach den jüngsten Erfahrungen schon ein Familienmitglied sein?
Gute Frage. Großunternehmen sollten von familienfremden Topmanagern geführt werden. Es wäre der pure Zufall, wenn ein Familienmitglied das Zeug dazu hätte, einen Konzern mit 15 Milliarden Euro Umsatz zu lenken. Bei mittelständischen Unternehmen wie dem unsrigen allerdings kann es mit Familienmitgliedern klappen, wenn die Kandidaten gut ausgebildet und vorbereitet werden. Und wenn familienfremde Manager faire Bedingungen vorfinden. Dann kann es das Beste überhaupt sein.
Kaum haben Sie das Heft wieder in der Hand, findet die Stiftung Warentest in Schulbüchern gravierende Fehler und stellt den Verlagen ein schlechtes Zeugnis aus.
Das hat uns sehr überrascht. Wir kennen bisher nicht die Kriterien der Stiftung Warentest, sie wurden uns zunächst nicht offengelegt. Und die Prüfberichte bekamen wir auch nicht. Das finde ich zumindest merkwürdig. Und den Kern des Problems hat die Stiftung Warentest gar nicht erkannt.
Und der wäre?
Dass von allen Schulbüchern, die heute verwendet werden, wahrscheinlich rund die Hälfte fehlerhaft sind - weil die Zeit über sie hinweggegangen ist. In manchen Bundesländern werden Schulbücher zehn Jahre und länger ausgeliehen. Die neue Rechtschreibung zum Beispiel findet in diesen Werken gar nicht statt.
Grundsätzlich sind deutsche Schulbücher gut oder schlecht?
Sie sind im Prinzip gut, nur gelegentlich veraltet.
Können Sie das belegen?
Der beinharte Wettbewerb macht unsere Bücher gut. Wir werden sofort abgestraft, wenn unsere Bücher fehlerhaft, konzeptionell schlecht oder langweilig sind. In Österreich hatten wir früher Staatskartelle für Schulbücher mit der Folge, dass die Werke lange schlechter waren als die deutschen Pendants. Sie waren langweilig und altväterlich. Ich glaube, manch einer in diesem Land hat die Komplexität der Branche nicht durchdrungen. Schulbücher sind keine Wasserkocher.
Aber die Warentester treffen einen Nerv. Die Gesellschaft sucht nach Gründen, warum deutsche Schüler immer dümmer werden.
Ich widerspreche. Die Schüler hierzulande mögen in einzelnen Fächern schlechter abschneiden als Finnen oder Koreaner. Über die gesamte Breite sind sie gut ausgebildet. Die Bildungsleistung der deutschen Schulen ist immer noch gut. Das Problem unserer Schulen ist, dass sie so reguliert sind und verkrampft wirken. Der Spaß am Lernen kommt zu kurz.
Trotzdem ist die Meinung vieler Eltern, dass die Schulen nicht gut genug sind. Das dürfte Ihre Geschäfte stimulieren.
Natürlich. Immer wenn der Staat anfängt zu stottern, haben wir Verlage eine Chance. Zurzeit verkürzen Gymnasien die Schulzeit von neun auf acht Jahre. Die Lehrer hasten jetzt schneller durch den Stoff. Schüler, die nicht mitkommen, müssen nachmittags Extraschichten einlegen in Nachhilfestunden, mit Kompendien und vor allem neuen Lernmaterialien. Das sogenannte Nachmittagsgeschäft ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen.
Der Ehrgeiz bildungsbeflissener Eltern hilft Ihrem Geschäft.
Ja, eindeutig. Wir haben viel mehr Akademiker als früher. Die bimsen mit ihren Kindern.
Eine grundsätzliche Frage: Gewinnen Sie die Schüler noch mit dem gedruckten Wort?
Die Schüler gewinnen muss der Lehrer. Gute Schüler werden nicht durch gute Schulbücher gemacht, sondern durch Lehrerpersönlichkeiten. Aber gute Schulbücher helfen. Dort gibt es den eindeutigen Trend zu elektronischen Medien. Es gibt kaum noch Schulbücher ohne ergänzende DVD oder CD. Das ist keine Spielerei mehr. Das unterstützt die Anschaulichkeit. Wir haben einen digitalen Weltatlas im Programm, der mit Google Earth verknüpft wird und immer aktuell sein kann.
Doch ein betriebswirtschaftliches Problem bleibt: Ihre wichtigste Zielgruppe, die der Schüler, schrumpft.
Ja. Aber es findet sich Ausgleich. Das lebenslange Lernen wird immer mehr zur Realität. Das erleben wir in unseren Fernschulen und Fernhochschulen. Die Nachfrage nach Zusatzqualifikationen boomt geradezu. Wir haben dort phantastische Zahlen.
Fernschulen, Schulbücher und Fachinformationen verdienen das Geld in der Klett-Gruppe. Aber Ihr Herz gehört, so der allgemeine Verdacht, dem schöngeistigen Verlag Klett-Cotta.
Ja, so lautet der Verdacht.
Wie geht es Klett-Cotta?
Es könnte bessergehen. Der Verlag befindet sich in einer personellen und inhaltlichen Umbruchphase. Wir werden uns im Sachbuchbereich stärker auf das Segment Geschichte konzentrieren. Aber wir haben ein paar vielversprechende Autoren. Vielleicht schreiben wir dieses Jahr sogar schwarze Zahlen.
Wenn unsere Recherchen stimmen, besuchen Sie dieses Jahr Ihre 57. Buchmesse.
Das könnte hinkommen.
Gibt es noch etwas, worauf Sie sich freuen?
Sonntags in der Frühe auf den Ständen stöbern, wenn das Publikum noch nicht da ist, das macht mir immer noch Freude.
Und sonst?
Man kennt ja kaum mehr jemanden aus den anderen Verlagen. Aber das ist ganz normal in meinem Alter. Das spricht nicht gegen die Buchmesse.
Nächstes Jahr, wenn Ihre 58. Buchmesse bevorsteht, sitzen Sie da noch an Ihrem Platz?
Das Büro werde ich noch haben. Zur Position kann ich nichts sagen.