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Lob der Kleinverlage : Sie machen die Literatur reich – nicht umgekehrt

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Nicht nur unabhängig, sondern autark: So druckte der Kleinverleger Hans Witte in Hameln noch im Jahr 1997 die Bücher seiner Edition Einstein selbst. Bild: Picture-Alliance

Dass unsere Literaturlandschaft so vielfältig ist, verdankt sie engagierten Kleinverlagen, die bei ihren Bücher auf Qualität und Originalität setzen. Hier sind drei aktuelle Beispiele.

          Wir befinden uns in den „heiligen Tagen“, jener Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönigstag, in der sich die Russen traditionell unheimliche Geschichten erzählen. Und russische Zeitschriften solche Geschichten drucken. Deshalb verfasste Iwan Bunin schon im Sommer 1914 eine Erzählung, die dann ein halbes Jahr später veröffentlicht werden sollte. Da hieß sie schlicht „Eine Geschichte für die Weihnachtszeit“, in späteren Buchausgaben sollte sie den Titel „Eine Archivsache“ tragen. Das Unheimliche kommt hier auf leisen Sohlen daher: als ein Archivar namens Fissun, der sich seiner eigenen Bedeutung als Bewahrer allen Geschehens bewusst und doch unterwürfig ist – bis er sich einmal erdreistet, die den höheren Kreisen vorbehaltene Toilette im Verwaltungsgebäude zu benutzen. Die Folgen sind drastisch.

          Bunins seltsame Weihnachtsgeschichte entstand unmittelbar vor Kriegsausbruch, als er noch allein für ein russisches Publikum schrieb. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg, und nicht nur deshalb, weil er als Gegner der Revolution ins französische Exil ging, sondern vor allem, weil seine 1915 verfasste Erzählung „Ein Herr aus San Francisco“ fünf Jahre später international Furore machte. Sie führte den weltpolitisch prekären Moment ihrer Entstehung am Beispiel eines anonymen Amerikaners vor, und als Bunin 1933 als erster russischer Schriftsteller überhaupt den Literaturnobelpreis erhielt, würdigte Per Hallström, der damalige Sekretär der Schwedischen Akademie, diese Novelle in seiner Ansprache als „Vorzeichen des Untergangs einer Zivilisation, als Verurteilung der großen Schuldigen an einem Drama, das zum Teil durch die Dekadenz der Kultur verursacht wurde“. Bunin verdankt seinen Nobelpreis entscheidend dieser Erzählung.

          Nun gibt sie dem jüngsten Band seiner im Schweizer Dörlemann Verlag erscheinenden Werkausgabe den Titel: „Ein Herr aus San Francisco“ versammelt jene Geschichten, die Bunin 1914 und 1915 schrieb; es sind nur sieben, weil ihn der Kriegsausbruch erschütterte und monatelang verstummen ließ. Aber sie bilden ein Septett, das in der Weltliteratur kaum seinesgleichen hat. Hier öffnet sich ein Meistererzähler, der sich zuvor literarisch nur für das russische Landleben und dessen Abgründe interessiert hatte, der Welt: „Brüder“ von 1914 führt das traurige Schicksal eines ceylonesischen Rikscha-Fahrers mit dem eines englischen Kolonialherren zusammen, und „Ein Herr aus San Francisco“ führt allegorische und philosophische Motive aus jener Erzählung ebenso weiter wie deren globalen Blick – Bunin fand seine Skepsis gegenüber Menschen und seine Naturbegeisterung nun auch jenseits der russischen Heimat.

          Das Bemerkenswerte an dieser Ausgabe ist nicht nur, dass hier soweit möglich jeweils die Erstausgaben als Grundlage der Übersetzungen herangezogen werden – Bunin pflegte für spätere Nachdrucke Veränderungen vorzunehmen –, Dorothea Trottenberg findet auch den richtigen sachlichen deutschen Ton für die Buninsche Präzision, aus der die Naturbeschreibungen wie Glanzlichter erstrahlen. Wobei sich die Bunin-Begeisterung bei Dörlemann dem Erfolg eines winzigen Bandes verdankt, den der Verlag 2003 herausgebracht hatte: Swetlana Geiers Übersetzung der unscheinbaren, aber umso ungewöhnlicheren Liebeserzählung „Ein unbekannter Freund“ aus dem Jahr 1923. Damit war Bunin plötzlich wieder auf Deutsch präsent, und mit der chronologisch geordneten Erzählungsausgabe, deren erster Band 2010 erschien, entsteht Stück für Stück die faszinierendste Klassikerausgabe, die wir haben – ein höchst ambitioniertes Langzeitprojekt für einen Kleinverlag, denn Bunin lebte und schrieb bis 1953, und schon die bis 1915 entstandenen Geschichten umfassen sechs Bände. Aber jeder lohnt sich, und der jüngste ist geradezu ein Wunder. Unheimlich in jeder Beziehung. (Andreas Platthaus)

          Iwan Bunin: „Ein Herr aus San Francisco“. Erzählungen 1914/1915. Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg. Dörlemann Verlag, Zürich 2017. 240 S., geb., 25 Euro.

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