14.03.2006 · Ein Märchen, das fetzt: James Thurbers „Ein Mond für Leonore“. Selbiger will beschafft sein, denn nur er kann die Prinzessin heilen, die zu viel Himbeertorte aß. Die wissenschaftlichen Hofschranzen des Reichs aber kommen mit ihren Theorien nicht weiter.
Ich bin aus Lübeck. Ich mochte lieber Sagen. Schwerter mußten geschwungen werden und Löwen berungen, Dietrich von Bern und Perseus waren meine Helden, dazu jener adlige Römer, der sich aus Überlebenszwecken dumm stellte, bis er endlich auf dem Kaiserthron gelandet war - Name vergessen. Das Fantastische kam erst zum Schwingen, wenn es sich verorten ließ, ich war in sagensatter Backsteinhistorie aufgewachsen. Märchen aber spielen im Ungefähren, und das Ungefähre fetzt nicht.
Das erste Märchen, das fetzte, war ein Kunstmärchen, geschrieben vom amerikanischen Autor und Journalisten James Thurber: „Ein Mond für Leonore“. Es spielt an irgendeinem Königshof. Doch der Leser kann die Vorhänge lupfen und erkennt, daß der Hof als ein kleiner Theaterkasten in unsere Wirklichkeit hineingezimmert worden ist: Auf seiner Bühne wimmelt ein Sammelsurium serviler Hofschranzen, die sich um den König herum angelagert haben und die allesamt von immensem Fachwissen und gigantomanem Mitteilungsbedürfnis aufgebläht werden: Jeder hat seine höchst eigene, höchst ausgefeilte Theorie, wie groß und wie weit weg eigentlich der Mond ist und wie außerordentlich unmöglich es daher sei, ihn zu beschaffen. Beschafft aber muß er werden. Denn die Prinzessin Leonore hat zuviel Himbeertorte gegessen, liegt krank danieder - und nur der Mond kann sie kurieren. Indem man ihn herholt. Alle höfischen Meinungshaber werden befragt. Bald ist die Lage zum Verweifeln. Der Mond ist 35.000 Meilen beziehungsweise 150.000 Meilen beziehungsweise 300.000 Meilen entfernt, er besteht aus Kupfer respektive Käse respektive Asbest, er ist größer als das Schlafgemach der Prinzessin sowie zweimal so groß wie der Palast sowie so groß wie das gesamte Königreich, und unter dem Strich ist er also: unholbar.
Das Prinzeßchen muß weiter schwächeln, mit ihr wird auch der Herr Papa immer fahler. Bis sich endlich der Hofnarr in Leonores Zimmer schleicht und sie mal selbst fragt: wie groß denn der Mond sei. Die Prinzessin weiß es. „Er ist ein bißchen kleiner als mein Daumennagel“, sagt sie, „denn wenn ich meinen Daumennagel gegen den Mond halte, deckt er ihn gerade zu.“ Am nächsten Tag bekommt sie ihn: einen kleinen, feinen, goldenen Anhänger an einer zarten Halskette. Den Mond. Und der Mond droben am Himmel, weiß Leonore, ist nachgewachsen. Wie ihre Zähnchen. Leonore lehrt uns die erste merkenswürdige Märchenmoral: Was die Wichtigtuer und die Fremdwortstapler verblasen, darf uns Wurst sein. Wir leben im Prinzessinnenreich eines Menschenverstands, der feste flüstert: Glaub lieber dir selbst.