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Klaus Theweleit über Léon Degrelle : Der belgische Hitler-Sohn und der deutsche Überleib

  • -Aktualisiert am

Wasser marsch: Der belgische Rexisten-Führer Léon Degrelle setzte sich an der Ostfront als Mann der Arbeit in Szene. Bild: ullstein bild

Léon Degrelle war ein Faschist par excellence: frauenfeindlich, aggressiv und körperlich gepanzert. Jonathan Littell benutzte ihn als Vorlage für seinen Roman „Die Wohlgesinnten“. Er spielt dabei das Motiv des faschistischen Körpers durch, der aus Ekel vor allem Weichen einen Panzer um seine Seele legt.

          Als ich 1977 die Untersuchung zu den deutschen Freikorps beendete, die in den Jahren nach 1919 die deutschen Arbeiteraufstände niederschlugen und sich später selber als „die ersten Soldaten des Dritten Reiches“ feierten, hatte ich keine Ahnung, welche Rolle das Buch - veröffentlicht unter dem Titel „Männerphantasien“ - in der Geschlechterdiskussion unterm Zeichen des einsetzenden Feminismus spielen sollte. Etwas anderes wusste ich: Ich hatte etwas geliefert, was es bis dahin nicht gab, den Versuch, den Faschismus, den Nationalsozialismus, nicht als Ausgeburt einer fürchterlichen „Ideologie“ zu beschreiben, sondern, ausgehend vom Mann-Frau-Verhältnis in der europäischen Geschichte, als eine gewalttätige Art und Weise, „die Realität“ herzustellen: die politische mörderische Realität des faschistischen Gewaltstaats nicht als Folge von Ansichten, Ideen oder Industrie-Interessen, sondern als umgesetzten Ausdruck verheerender Körperzustände seiner Protagonisten - der faschistische Staat als Realitätsproduktion des Körpers des soldatischen Mannes.

          „Vielleicht die aufregendste deutschsprachige Publikation des Jahres 1977“, schrieb „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. Weniger enthusiasmiert war das Gros der deutschen Historiker. Historiker haben Vorbehalte gegen autobiographische Texte. Sie trauen Untersuchungen nicht, die vorwiegend die Affekte des historischen Personals untersuchen. Schon gar nicht trauen sie psychoanalytischen Zugängen; unter anderem, weil sie keine Ahnung von ihnen haben. Ihr schlechtes Gewissen kam dazu: Erneut kümmerte sich ein Fachfremder um ihre (versäumten) Aufgaben.

          „Männerphantasien“ als Vorbild

          Von Historikern freundlicher aufgenommen wurde das Buch in den Vereinigten Staaten. Das liegt daran, dass in Universitäten viele Kinder jüdischer Eltern, die der Schoa nach Amerika entkamen, leben und lehren; junge Wissenschaftler, die darauf warteten, dass endlich jüngere Deutsche sich mit dem Nazismus ihrer Eltern auseinandersetzten. Womöglich kamen auf diesem Weg die „Male Fantasies“ in die Hände von Jonathan Littell?

          Degrelle nach seiner Rückkehr von der russischen Front

          Als der Autor von „Les Bienveillantes“ („Die Wohlgesinnten“) im Herbst 2007 Kontakt mit mir aufnahm, hatte ich von seinem Roman gehört, ihn aber nicht gelesen; die deutsche Übersetzung sollte erst noch kommen. Jonathan Littell schickte mir ein Bild mit einem kleinen Text: ein Foto aus dem Jahr 1944; es zeigt den belgischen Faschisten Léon Degrelle mit dreien seiner Kinder bei einer Parade; alle mit ausgestrecktem Arm beim „Hitlergruß“. In der ersten Zeile des Texts entdecke ich meinen Namen - und verstehe im Weiteren, dass Littell Degrelles Buch „La Campagne de Russie“ „mit meinen Augen“ gelesen hat, das heißt mit den Kategorien, die ich in „Männerphantasien“ für die Lektüre faschistischer Zusammenhänge entwickelt habe.

          Ein Panzer gegen das Weiche

          Ein Freund übersetzt mir Littells ganzen Text; ich bin beeindruckt. Jonathan Littells close reading von Degrelles Russland-Buch parallelisiert nicht nur meinen Umgang mit den Kriegsberichten, Tagebüchern und Autobiographien der deutschen Freikorps-Soldaten der frühen zwanziger Jahre; Littell findet auch - obwohl Degrelle zwanzig bis dreißig Jahre jünger ist als die deutschen Freikorpssoldaten und Protagonist einer anderen Kultur - bei ihm die fast genau gleichen Verhaltensweisen und Wortkomplexe, angeordnet um die panische Angst vor den „Vermischungszuständen der Körperränder“.

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