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Veröffentlicht: 11.11.2005, 16:30 Uhr

Klassiker der Comic-Literatur Gebrauchsanleitung für den Corto-Kosmos

Wenn es eine Geschichte gibt, die den Namen Comic-Roman verdient, dann „Die Südseeballade“ von Hugo Pratt - der Beginn der Abenteuerserie um den Seemann Corto Maltese.

von
© Castermann

Meisterwerke brauchen bisweilen Zeit, um sich durchzusetzen. Und Hugo Pratt konnte von Glück reden, daß es im Falle von „Corto Maltese“ nur wenige Jahre dauerte. Denn fast hätte ihn der ausbleibende Erfolg des ersten Abenteuers der Serie ruiniert.

Andreas Platthaus Folgen:

Dabei hatte alles so gut begonnen: Im Juli 1967 erschien in der Debütnummer des italienischen Comic-Magazins „Sgt. Kirk“ die erste Fortsetzung einer Erzählung, die den Titel „Una ballata del mare salato“ (Eine Südseeballade) trug. Pratt hatte noch keine Ahnung, wohin ihn die Geschichte führen würde, mußte es auch gar nicht wissen, denn der Gründer der Zeitschrift war ein Bewunderer seiner Comics und hatte „Sgt. Kirk“ nur ins Leben gerufen, um Pratts Werk auch im heimischen Italien bekannt zu machen. Bislang hatte der Zeichner vor allem in Südamerika gearbeitet, und dort gehörte er zu den festen Größen im Comic-Geschäft.

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In Europa war das anders. Auch wenn Pratt mit seinen Arbeiten sowohl in England wie in Italien regelmäßig in Zeitschriften und Zeitungsbeilagen präsent war, kannten nur Eingeweihte seinen Namen. Sein Stil stach in den sechziger Jahren nicht hervor, weil er am klassischen Vorbild des Amerikaners Milton Caniff geschult war, der durch den Belgier Jije und dessen Schüler auf dem Alten Kontinent verbreitet worden war. Auch die „Südseeballade“, die einzige Geschichte, die Pratt eigens für „Sgt. Kirk“ zeichnete, stand zu Beginn noch in dieser Tradition.

1Corto Maltese © Castermann Vergrößern

Wahrer Schaffensrausch

Im zweiten Heft des Magazins fehlte die erwartete Fortsetzung des Abenteuers; erst für die vierte Ausgabe raffte Pratt sich wieder auf, brachte die Geschichte dann aber in einem wahren Schaffensrausch bis Februar 1969 auf nie zuvor dagewesene 170 Seiten. Sein Erzählstil wurde dabei immer elegischer, in die anfangs noch schlagartige Handlungsabfolge schlichen sich Schilderungen ein, die ohne Belang für das eigentliche Geschehen, aber immens wichtig für dessen Stimmung waren.

Pratt arbeitete nolens volens an einer Neudefinition dessen, was man unter Abenteuercomic verstand - er griff auf Joseph Conrad, Robert Louis Stevenson und Herman Melvilles Vorbilder zurück, als es um die Ausgestaltung seiner Südsee ging. Von diesen Romanciers lernte er, wie stimulierend Abschweifungen sein konnten, um dem Leser die exotische Kulisse glaubhaft zu vermitteln. Plötzlich gab es zum Beispiel seitenlange stumme Sequenzen unter Wasser, in denen Pratt nur noch Schemen aufeinandertreffen ließ: Ein Kampf zwischen Mensch und Hai fand so zu beinahe abstrahierter Form.

Das Meer war sein Held

Doch aus der Fülle des eigenen Materials in „Sgt. Kirk“ stach die „Südseeballade“ nicht hervor, zumal sich Pratt den Luxus geleistet hatte, auf einen ausgewiesenen Helden zu verzichten. Das Meer war sein Held, und auf ihm trafen sich ein halbes Dutzend Akteure, deren Handeln von jeweils unterschiedlichen Interessen bestimmt war: der Freibeuter Rasputin, der deutsche Marineleutnant Slütter, die jungen Geschwister Pandora und Cain Groovesnore, der geheimnisvolle Monaco, der von einer unbekannten Insel aus Kaperfahrten befehligt, und schließlich der Seemann Corto Maltese.

Die Handlung setzt ein am 1. November 1913, und der Weltkrieg des kommenden Jahres wirft seine Schatten schon bis Mikronesien. Die Kolonialmächte belauern sich gegenseitig, und der Monaco kungelt mit allen Seiten. Aber das weltpolitische Geschehen ist nur der Rahmen für ein Psychogramm von sämtlichen Akteuren, die Pratt alle als gleichermaßen durch Schicksalsschläge vereinsamte und melancholische Figuren inszeniert - mit der Ausnahme des skrupellosen Rasputin, dem es nicht um höhere Werte, sondern einzig um den eigenen Vorteil geht. Für diese gleichermaßen epische wie persönliche Erzählweise war das italienische Publikum noch nicht reif. „Una ballata del mare salato“ wurde zwar abgeschlossen, blieb aber ohne Wirkung, und im Januar 1970 ging auch „Sgt. Kirk“ ein. Pratt stand vor dem Nichts.

Unverbindliches Interesse

Doch 1968 hatte er auf dem damals einzigen Comic-Festival in Europa, dem Salon von Lucca, die französischen Verleger des Comic-Magazins „Pif“ kennengelernt und ihnen die „Südseeballade“ für deren Heft schmackhaft machen wollen. Mehr als unverbindliches Interesse hatte er damit nicht geweckt, aber nach dem Aus für „Sgt. Kirk“ war das die einzige Option auf ein neues Publikationsforum. Pratt fuhr nach Paris, und obwohl sich im Verlag niemand mehr an ihn erinnerte, erhielt er den Auftrag, für „Pif“ eine Serie zu entwickeln - auf eigenes Risiko. Den Abdruck der abgeschlossenen „Südseeballade“ hatte man abgelehnt; sie schien zu umfangreich, und die italienische Resonanz auf ihre Publikation verhieß nichts Gutes. Aber der Seefahrer Corto Maltese hatte dem Chefredakteur gefallen. So stellte Pratt nun diese Figur in den Mittelpunkt der neuen Geschichten, die er für „Pif“ zeichnete.

Schon im April 1970 erschien die erste davon. Auf Anraten des Verlags wählte Pratt nach dem Exzeß der „Südseeballade“ nun eine knappe Form: novellenartige Erzählungen in einer Länge von jeweils zwanzig Seiten, die Corto Maltese diesmal nach Südamerika verschlugen. Die Leser waren begeistert. Der rätselhafte Charakter des einerseits poetisch veranlagten, andererseits eiskalten Kapitäns wurde in Verbindung mit der schwarzweißen Strenge und der grandiosen Leichtigkeit von Pratts Pinselführung als Idealbild eines geheimnisvollen Helden empfunden, der perfekt in die Szenerien aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert paßte. Pratt hatte aus der „Südseeballade“ das Prinzip der relativ statischen Graphik übernommen, das die Bilder zum Stillstand verurteilte, den er ganz bewußt nur selten durch aktionsreiche Szenen unterbrach. „Corto Maltese“, wie die Serie nun hieß, sollte bis zum Schluß geprägt sein durch diesen somnambulen Erzählstil, der die Geschichten selbst dann noch als Nocturnes erscheinen ließ, wenn sie am hellen Tag spielten.

Exemplarisch schöne Publikation

Der erste Sammelband mit den neuen Kurzgeschichten wurde 1971 veröffentlicht - ohne jede Honorarzusage an Pratt, aber immerhin mit der Versicherung, man werde eine exemplarisch schöne Publikation daraus machen. So geschah es. Der ungewohnte Umfang von hundertzwanzig Seiten im Großformat ebnete den Weg für die französische Ausgabe der noch längeren „Südseeballade“, die allerdings erst 1975 erschien. Doch dann gab es kein Halten mehr. Frankreich vergötterte Pratt als den Erneuerer des Comics - und das wollte etwas heißen in einer Zeit, die Moebius auf dem Gipfel seines Erfolgs und einheimische Debütanten wie Enki Bilal oder Jacques Tardi erlebte.

Doch gerade die Überraschung, aus dem Ausland Anregungen in einer Kunstform zu erhalten, in der sich die Franzosen längst führend wähnten, mag zur immensen Wirkung der „Südseeballade“ entscheidend beigetragen haben. Pratt genoß dabei einen winzigen Zeitvorteil, denn in Amerika entwickelte Will Eisner, dessen Werk wir in dem in zwei Wochen erscheinenden dreizehnten Band unserer Comic-Klassiker vorstellen werden, gerade das Prinzip der „graphic novel“. Manche Begriffe liegen in der Luft: Die französische Kritik, immer schon ambitioniert in ihrer Terminologie, rief unter dem Eindruck von Pratts „Südseeballade“ ein neues Genre namens „roman B.D.“ aus - den Comic-Roman.

Literarisches Vexierspiel

Pratt nahm die Bezeichnung begeistert auf. Von nun an betrieb er in seinen Comics ein literarisches Vexierspiel und stilisierte sich selbst immer mehr zum Abenteurer eigenen Rechts - als Wiedergeburt der großen Voyageure. Seine erstaunliche Kindheitsgeschichte, die ihn nach Abessinien und in die Wirren des Krieges geführt hatte, wurde ebenso in einen wohlkonstruierten persönlichen Mythos einbezogen wie seine venezianische Abstammung von einer angeblich alteingesessenen jüdischen Familie. Pratt begann dementsprechend damit, in seine Serie kabbalistische Motive einzuführen, er plünderte darüber hinaus den Sagenschatz ganzer Kulturen und ließ Corto Maltese auf eine Fülle von historischen Figuren treffen, darunter zum Beispiel der Schriftsteller Hermann Hesse oder der im russischen Bürgerkrieg engagierte Baron von Ungern-Sternberg.

Nun kam Pratt die eigene Unrast zugute, die ihn zeit seines Lebens zum Reisen trieb. Aus seinen Fahrten quer durch alle Kontinente brachte er immer neue Ideen mit, und da er mit unersättlichem Lese- und Kinoappetit ausgestattet war, wurde „Corto Maltese“ zu einem eklektischen Gesamtkunstwerk. 1969, kurz nach dem Abschluß der „Südseeballade“, besuchte er den Victoriasee und besichtigte dort das Wrack des deutschen Kreuzers „Königsberg“, der im Ersten Weltkrieg von den Briten gesprengt worden war. Was schon zur Vorlage für den Film „African Queen“ geworden war, gab nun auch die Anregung für eine Kurzgeschichte in dem 1978 erschienenen Band „Die Äthiopier“ ab. Was Pratt jemals beeindruckte, hatte gute Chancen, in den Corto-Kosmos aufgenommen zu werden: Die Biographie des deutschen Generals Lettow Vorbeck etwa, der in Afrika bis zum letzten Tag des Krieges gekämpft hatte und von dem Pratt als Kind in einem Geschichtsbuch gelesen hatte, inspirierte ihn mehr als zwanzig Jahre nach dieser Lektüre zu seinem Leutnant Slütter aus der „Südseeballade“.

Kühles Kalkül

Dennoch beruht der Charme der Serie mehr auf der kruden Faszination ihres Autors fürs Phantastische als auf den hochgelehrten Motiven, die Pratt in den Begleitmaterialien freigebig ausbreitete, die er seit den achtziger Jahren den Publikationen beigab. Dem Reiz des Exotischen und Esoterischen zum Trotz darf aber nicht übersehen werden, wie kühl Pratt als Zeichner kalkulierte. Seit seinen südamerikanischen Jahren (1949 bis 1962) hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Comic-Seiten architektonisch derart aufzubauen, daß man sie ohne Kürzungen auf verschiedene Formate ummontieren konnte.

Davon profitiert auch die Ausgabe unserer „Klassiker-Bibliothek“, die die einzelnen Bildformate erhalten konnte, ohne das ursprünglich größere Seitenformat zu übernehmen. Pratt hatte dafür gesorgt, daß er mit denselben Geschichten auf dem vielfältigen lateinamerikanischen Markt in den unterschiedlichsten Heften gedruckt werden konnte. Dieser Pragmatismus setzte sich auch in der Motivwahl seiner Abenteuer fort: Um nicht auf nationale Stereotypen zurückgreifen zu müssen, die eine Veröffentlichung in anderen Staaten erschwert hätten, siedelte er seine Geschichten gerne in fernen Gegenden oder vergangenen Zeiten an. Und Corto Maltese selbst ist ein Globetrotter, der in seinem Charakter Einflüsse aus allen wichtigen Weltkulturen versammelt - nicht umsonst dichtete ihm Pratt eine Zigeunerin als Mutter und jüdische Ahnen an, ließ ihn chinesische Weisheiten ebenso sicher zitieren wie europäische Literatur und gestand ihm polyglotte Fähigkeiten in einem Ausmaß zu, das ähnlich dreist ansonsten nur von Karl May für seine Erzähler in Anspruch genommen worden war.

Der Blick sucht die Weite

„Corto Maltese“ befriedigt in der Tat ähnliche literarische Interessen wie Karl May - im Guten wie im Schlechten. Doch im Comic zählt auch noch die Graphik, und die ist über jeden Zweifel erhaben. Pratt hat die Not einer ausufernden Produktion - er behauptete, insgesamt mehr als fünfzehntausend Seiten gezeichnet zu haben - zur Tugend erhoben, indem er die immer wiederkehrenden Posen seines Kapitäns zum Stilelement erhob. Die nur minimal variierten Profil- und Frontalansichten verleihen den einzelnen Bildern etwas Emblematisches. Der Blick von Corto Maltese geht bisweilen über die Bildgrenzen hinaus, fixiert den Betrachter oder scheint jene Weite zu suchen, die man als Leser von einer Geschichte namens „Südseeballade“ erwarten darf. Dann aber wieder zeichnet Pratt seinen Helden als in sich selbst versunkenen Mann, dessen halbgeschlossene Lider alle Konzentration auf die innere Stimme lenken.

Mit dem Monaco, dessen Gesicht unter der tiefen Kapuze seiner Kutte nie gezeigt wird, hat Pratt einen idealen Gesprächspartner für Corto Maltese geschaffen. Beide Männer sind von Geheimnissen umgeben, hinter beiden steht eine dunkle Vergangenheit, und doch ist selbst der Pirat Monaco eine Figur, die beim Leser Sympathie erweckt - weil er einem in der Romantik begründeten literarischen Archetyp entspricht, der in der Titulierung als Mönch genauso herbeizitiert wird wie in dessen freiwilligem Exil auf einer Insel, die auf keiner Landkarte verzeichnet ist.

Die Farbgebung unserer Ausgabe entspricht natürlich nicht dem Original, das in „Sgt. Kirk“ ja schwarzweiß abgedruckt wurde. Die Beschäftigung seiner wechselnden Gattinnen und Gespielinnen als Koloristinnen war ein subtiler Köder beim Liebeswerben von Pratt. Doch dieser amouröse Antrieb hat zur Herausbildung einer eigenständigen Farbkunst beigetragen, in der sich Pratt versucht hat. Denn um die persönlichste aller seiner Serien kolorieren zu lassen, entwickelte er seine eigene Aquarellmalerei zu großer Virtuosität. Nun entstanden begleitende Illustrationen zu den jeweiligen Buchprojekten, die zugleich auch als Muster für die Stimmungen dienten, die er in der Farbgebung ausgedrückt sehen wollte. Keine andere Serie hat sich dadurch ihren Werkstattcharakter über Jahrzehnte hinweg so sehr bewahrt wie „Corto Maltese“.

Hugo Pratt: Geboren am 15. Juni 1927 in Rimini, gestorben am 20. August 1995 in Pully (Schweiz). Als Pratt zehn Jahre alt war, zog seine Familie aus Venedig ins italienisch besetzte Abessinien um, wo der Vater 1942 in einem Internierungslager starb. 1945 arbeitete Pratt, nach Italien zurückgekehrt, als Teil des „Gruppo Venezia“ erstmals als Comic-Zeichner. 1949 wanderte er nach Argentinien aus, wo er einer der meistbeschäftigten Illustratoren Südamerikas wurde. Erst 1962 ging er wieder nach Venedig zurück. Mit der französischen Publikation seiner schon 1967 in Italien begonnenen Serie „Corto Maltese“ wurde er in den siebziger Jahren berühmt. Fortan sollte er sich bis 1992 fast ausschließlich diesem Zyklus widmen. Bis zu seinem Tod gelang Pratt dann noch die Fertigstellung einiger einzelner Abenteuercomics, die aber erst postum veröffentlicht wurden.

Corto Maltese: Der junge Seefahrer wurde von seinem Schöpfer Hugo Pratt nach und nach mit einer kompletten Biographie ausgestattet, wobei der größte Teil davon nicht in den Comics, sondern in Begleittexten und -büchern zur Serie zu finden ist. Am 10. Juli 1887 auf Malta geboren, ging Corto Maltese schon als junger Mann auf große Fahrt. Später sollte man ihn mit seinem zwielichtigen Partner Rasputin in allen Krisengebieten der Welt treffen. Im Jahr 2000 kam der nach der Vorlage des Abenteuers „Corto Maltese in Sibirien“ gestaltete hervorragende Zeichentrickfilm „Corto Maltese - La Cour secrete des arcanes“ in die französischen Kinos.

Glosse

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Von Jan Brachmann

Oslo hat eine großartige Oper. Doch was auf dem Programm steht, ist vernichtend: Intriganz, Missgunst, Hoch- und Kleinmut legen den Betrieb lahm. An die Musik scheint niemand zu denken. Mehr 1 0

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