27.06.2010 · Gute Prosa entsteht aus Niederlagen, und es gibt noch Gerechtigkeit: Peter Wawerzinek gewinnt in Klagenfurt den Bachmann-Wettbewerb mit seiner Kindheitsgeschichte aus der DDR.
Von Richard Kämmerlings, KlagenfurtWas würde man sehen, wenn man den Bachmann-Wettbewerb mit Google Earth verfolgen würde? Von ganz weit droben gesehen, würde Klagenfurt an einen Bienenkorb erinnern. Das Auffälligste wären die Trauben von Fahrradfahrern, die des Nachmittags, nachdem die letzte Lesung gelesen und der letzte Juror gesprochen hat, vom ORF-Theater in der Innenstadt so schnell wie möglich raus zum See brausen. Und später wieder zurück. Und dann wieder hin, zum wunderbar gelegenen Fischrestaurant „Maria Loretto“. Und wieder zurück, zum Public Viewing, nun nicht von Literatur, sondern von gehobener Ballkunst.
Doch jeden Tag würde man zwei, drei einsame Radler ausmachen können, die den Pulk meiden, sich einen stillen Ort am See suchen und ihre Wunden lecken. Kaum eine Niederlage ist für einen Autor so demütigend, so traumatisch wie die öffentliche Bloßstellung durch eine ganze Runde von Kritikern, vor dem Saalpublikum, den Fernsehzuschauern, den Literaturinteressierten von Mexiko City bis Manila.
Ein gar nicht unpassender Versprecher
Dass Sibylle Lewitscharoff in ihrer Eröffnungsrede das Scheitern der Wettleser in den Rahmen der Weltgeschichte stellte, war als Trost gedacht. Schriftsteller seien Chimärenkünstler der Niederlage: „Ein Schriftsteller, der von Triumph zu Triumph forttaumelte, wäre eine zutiefst alberne Figur.“
Mit einem Freudschen Versprecher benannte die Moderatorin Clarissa Stadler die Veranstaltung am letzten Tag in „Klage der deutschsprachigen Literatur“ um – gar nicht unpassend angesichts des in Sprache transformierten Leidensdrucks vieler Beiträge. Dass die Literatur von Niederlagen lebt, wird den durchgefallenen Autoren ein schwacher Trost sein – dafür brauchte es nicht die Satellitenperspektive, sondern eine Wahrnehmung sub specie aeternitatis.
„Google Earth“ hatte Aleks Scholz, Lebensgefährte von Kathrin Passig, der Siegerin von 2006, seinen Text genannt, der tatsächlich aus größtmöglicher Entfernung das seltsame Geschehen in Nachbars Garten verfolgt. Zwei Männer, Trampke und Liebke, in einem beharrlichen Stellungskrieg um Hecken und Grundstücksgrenzen, von denen sich der eine schließlich in einer trickreichen Anordnung in einer Grube selbst kompostiert: „Eine Lage Beton, eine Lage Rüben, eine Lage Holz, eine Lage Trampe.“ Für diese konsequente Entpsychologisierung eines dramatischen Geschehens gab es immerhin einen Trostpreis.
Nah an der Gegenwart und doch seltsam zeitlos kamen einige Texte daher. Die mit dem zweiten Preis bedachte junge Schweizerin Dorothee Elmiger entwarf in einem wüsten Posthistoire das Prosa-Mosaik einer Kindheit, die sich die Welt aus zufälligen Bücherfunden von Grund auf neu zusammensetzen muss. Thomas Ballhausen führte durch ein apokalytisches Szenario zwischen dem alten Rom und moderner Dekadenz.
Leidenschaftslose Jury
Die mit großem Sachverstand ausgestattete, aber überwiegend leidenschafts- und humorlos agierende Jury setzte, zumal bei Elmiger, das hermeneutische Besteck an und wollte Zeitdiagnostisches erkennen. Eher waren das Symptome für die Sterilität einer jungen Literatur, die jenseits der eigenen Familiengeschichte keine Stoffe hat – oder wenn, dann nur als künstliche Drastik einer zur reißerischen Story aufgebrezelten „Vermischten Meldung“ wie bei Josef Kleindienst, der von der sadistischen Erniedrigung einer jungen Frau erzählte.
Am anderen, sozusagen heißen Ende der literarischen Leidensskala befand sich Daniel Mezgers litaneihafter Monolog eines Dorflehrers, dessen Frau ihn mit Selbstmorddrohungen erpresst. Das hatte immerhin emotionale Wucht. Nur wenige Figuren kamen dem Zuhörer so nahe. Die elegisch bis gelangweilte Grundstimmung steckte auch die Jury an; auch sonst recht temperamentvolle Kunstrichter wie Burkhard Spinnen oder Hubert Winkels wirkten am Ende nur noch genervt. Ohnehin funktioniert die Konstellation nicht. Karin Fleischanderl gibt etwas zu oft die beleidigte Leberwurst; Alain Claude Sulzer ist nur zu oberflächlichen Geschmacksurteilen in der Lage, Hildegard Keller hört zwar noch beim schlechtesten Text jede Menge „Echos“, hat aber ansonsten kaum nachvollziehbare Kriterien. Es fehlte an Spannung, an polemischen Geistern, die sich auch mal mit guten Gründen aufregen können. Der ausgeschiedene Ijoma Mangold wurde schmerzlich vermisst.
Der beste Text bekommt den Preis
Als am letzten Tag Peter Wawerzinek zu seiner dichten und intensiven DDR-Kindheitsgeschichte anhob, hatte man – zum ersten Mal in drei Tagen – das Gefühl, hier habe jemand wirklich etwas zu erzählen. „Schnee ist das Erste, woran ich mich erinnere“, begann der Romanauszug „Rabenliebe“, wie eine Anspielung an Elias Canettis „Die gerettete Zunge“, wo die erste Erinnerung in Rot getaucht ist. Und auch bei Wawerzinek geht es um die Wiedergewinnung der Sprache, die Selbsterziehung eines stummen und zurückgebliebenen Waisenkindes in den fünfziger Jahren. Früheste Bilder von Schnee und Nebel stehen neben hart-realistischen Szenen des Heim-Alltags, Eichendorff-Zeilen neben aktuellen Zeitungsmeldungen von zu Tode gequälten Kindern. In dieser Montagetechnik hat der 1954 geborene Autor, der schon 1991 in Klagenfurt angetreten war, nach langem Ringen eine Form für seinen Lebensstoff gefunden. Es überraschte nicht, dass Wawerzinek neben dem Bachmannpreis auch noch den durch Internetabstimmung ermittelten Publikumspreis gewann.
Wenn der beste Text den Hauptpreis kriegt, hat die Jury das Wichtigste richtig gemacht. Dennoch erntete sie am letzten Tag noch einmal einiges Kopfschütteln – darüber, dass Verena Rossbacher mit ihrem atemlosen, lyrischen Prosa-Parforceritt durch Heilsgeschehen, Kunstgeschichte und Geschlechterkampf noch nicht einmal in die engere Auswahl kam. Sicherlich war die überdrehte und theatralisch-exaltierte Lesung gewöhnungsbedürftig (Maike Fessmann fühlte sich gar an das Tröten einer Vuvuzela erinnert), doch dass dieser Romanauszug in der Finesse seiner Konstruktion, seinem Sprachwitz und Dichte in einem schwachen Gesamtfeld herausragte, hätte man erkennen und vom riskanten Bühnenauftritt abstrahieren müssen.
Auch bei Verena Rossbacher wurde ein Leiden Ausdruck, eine Verführung, deren Faszination sich auch in der Erinnerung nicht verliert, die aber zugleich verdunkelt ist von der quälender Erfahrung der eigenen Schwäche. Dass Schriftsteller, wie Lewitscharoff wusste, „Kränkungen des Leibes, schmachvolle Liebesabweisungen, düstere Herkünfte, Geldmangel, eine Unbehaustheit in der modernen Welt und wer weiß was noch alles“, all diese Niederlagen „in sublime ästhetische Gewinnste“ verwandeln, war bei den besten Prosastücken idealtypisch nachzuvollziehen. Alles Leid kann Kunst werden. Peter Wawerzineks später Triumph beweist, dass es, von sehr weit oben, aus dem All betrachtet, auch in der Literatur Gerechtigkeit gibt.