24.06.2010 · Erster Tag der Klagenfurter Literaturtage, die Schriftsteller proben das Fußballmodell: Sybille Lewitscharoff beschwört die großen Niederlagen und denkt sich einen Literaturwettbewerb auf Leben und Tod aus. Interessant, auf welche Ideen Schriftsteller in ihren stillen Stunden so kommen.
Von Richard KämmerlingsKlagenfurt begann mit einem Fernduell. Die Veranstalter hatten die Eröffnung der 34. Tage der deutschsprachigen Literatur mit perfektem Timing, auf Mittwoch, 20.30 terminiert - ob das aus Ignoranz gegenüber dem fussballerischen Weltgeschehen, Boshaftigkeit gegenüber den deutschen Gästen oder, so die gutwilligste Lesart, aus dem festen Glauben an leichte deutsche Siege geschah, blieb offen. Jedenfalls hielt Sibylle Lewitscharoff ihre Rede zur Literatur pünktlich zum Anpfiff, und die trug den Titel „Über die Niederlage“. Eine Konferenzschaltung war nicht vorgesehen. Ihr Powerplay begann mit Sätzen wie: „Wenn Fortuna mit dem Stecken ihr Rad antreibt, müssen die obenauf liegende Schicksale hinab, während die in den Staub gedrückten wieder empor gelangen“, oder: „Aber Niederlage ist nicht gleich Niederlage, und was daraus erwächst erst recht nicht.“
Das war nicht das, was die meisten in diesem Moment hören wollten. Da sich man sich bereits vorab entscheiden musste, ob man den Abend im ORF-Theater oder beim Public Viewing auf dem Neuen Markt verbringen sollte, ergaben sich SMS-Wechsel wie der folgende: „Bitte Tormeldung schicken - hier bekommt man gar nichts mit“ - „Riesenchance für Ghana“, „Wieder eine und Özil völlig frei vor dem Tor, vergeben“, „Lahm rettet auf der Linie, meine Fresse“ - „Hilfe!“ - „Ghana stark, wir ratlos“ - „Hier werden Hiob und Jesus angerufen.“ - „Özil macht das Tor.“ - „Geil!“.
Auf Leben und Tod
Sibylle Lewitscharoff beschwor indes mit dem der Schicksalsstunde angemessenem Pathos die großen Niederlagen der Geschichte, von Keitels bedingungsloser Kapitulation 1945 bis zum Harakiri des japanischen Schriftstellers Yukio Michima. Vor diesem Hintergrund ließ sie dann den Verriss durch eine Kritikerjury als harmlos erscheinen, nicht ohne die übliche Dosis Lewitscharoffschen Gifts unterzumischen: „Trotzdem, wer vom Kindergarten an immer nur laue Ermunterungen zu hören bekommen hat, alles sei kreativ und gut, was er male, kritzele, dahinschwätze, für den wird selbst das gelinde Klagenfurter Maß an Zurechtweisung massiv sein.“
Als Lewitscharoff dann ihre „Lieblingsphantasmagorie“ eines Literaturwettbewerbs auf Leben und Tod ausbreitete, war Schluss mit Lustig. Was immer der deutschen Elf im Fall eines sang- und klanglosen Vorrunden-Ausscheidens geblüht hätte, will man sich nicht so gern vorstellen. Doch selbst in Nordkorea dürfte es (hoffentlich) glimpflicher ablaufen als im Traum der Literatin: Alle zehn Jahre sollten die besten zehn Autoren ausgewählt und vor eine erlesene Kritikerwand gestellt werden: „Ganz nach dem Klagenfurter Modell werden die Erwählten gebeten, eine halbe Stunde aus ihrem Werk vorzutragen. Es wird diskutiert, der Sieger wird gekürt. Die neun Verlierer werden erwürgt.“ Interessant, was sich Schriftsteller in diesem scheinbar langweiligen Literaturbetrieb in ihren stillen Stunden so ausdenken.
Vorzüge, die zum Nachteil gereichen
Am ersten Lesungsmorgen schloss Volker H. Altwassers Wettbewerbstext aus der - im Gegensatz zum Schreiballtag - abenteuerlichen Welt der Hochseefischerei nahtlos an : „Die Kurznasenseefledermaus musste sich, quasi in Todestrance, bei sterbendem Leib häuten lassen. Freiwillig.“ Na, dann doch lieber erwürgen, auch wenn die Jury das Marsyas-Motiv beiseite ließ und es kurz- und schmerzlos machte. Überhaupt fanden die ersten Autoren wenig Gnade. Sabrina Janesch, die den Anfang machen musste, las eine der unter deutschsprachigen Jungautoren so beliebten Opa-erzähl-uns-was-vom-Krieg-und-vom-Pferd-Geschichten, und bekam dafür die verdiente Quittung. Allerdings sollte man vielleicht auch Strafen für Juroren überlegen, die Sätze sagen wie: „Das Problem dieses Textes ist, dass sich seine Vorzüge immer in Nachteile verkehren.“ Erst Sonntag ist Schicksalstag. Bis dahin können sich alle wie Sieger fühlen.