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Klagenfurter Bachmannpreis: Erster Tag Texte lesen, Texte essen

26.06.2009 ·  Am ersten Tag des Klagenfurter Wettlesens gab es allzu brave Texte zu hören. Und auch eine kleine Performance des Wiener Autors Philipp Weiss reichte nicht an Provokationen früherer Jahre heran.

Von Sandra Kegel
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So massiv sind die Überschwemmungen in Österreich, dass ganze Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten sind, Hausbewohner evakuiert und das Depot der Albertina geräumt werden müssen. Auch in Klagenfurt fällt der Regen seit zwei Tagen ununterbrochen, und wie ein unerwarteter Kommentar auf die dramatische Lage mutet es an, dass die Studiokulissen des ORF-Theaters, dem Schauplatz der 33. Tage der deutschsprachigen Literatur, als blaugrüne Wasserlandschaft gestaltet wurden. Noch aber sitzt man hier im Trockenen.

Der furiosen Eröffnungsrede des in Klagenfurt lebenden Autors Josef Winkler, der in seiner poetologisch ausgefeilten wie politisch einschlagenden Rede die Missstände in der Stadt geißelte, wofür er vom überwiegend ausländischen Publikum mit donnerndem Applaus, von der Lokalprominenz hingegen mit bitterem Schweigen bedacht wurde, wussten die eigentlichen Hauptakteure des Lesewettstreits am ersten Tag nicht wirklich Bewegendes entgegenzusetzen. Natürlich muss Literatur nicht, wie die Moderatorin Clarissa Stadler es sich eingangs erhoffte, auf das aktuelle Weltgeschehen reagieren. Aber wo, wenn nicht in Klagenfurt ist der Ort, an dem Literaten den Mut aufbringen sollten, etwas zu riskieren, mit Worten, Stimmungen, Situationen zu zaubern, zu verblüffen, mithin ein literarisches Wagnis einzugehen.

Streitlustige Jury und allzu brave Texte

Was die ersten fünf Teilnehmer jeweils eine halbe Stunde lang aus unveröffentlichten Werken lasen, waren sauber gearbeitete, aber doch allzu brav ausgearbeitete Motivgeschichten, manche erinnerten an Schulaufsätze. Dass Burkhard Spinnen, der Vorsitzende der überwiegend neu besetzten und erfrischend streitlustigen Jury, ein ums andere Mal anmerkte, dass er das doch schon zigmal irgendwo gelesen habe, war ein running gag, dem man nur zustimmen konnte.

Da ließ der neunundzwanzigjährige Bühnenautor Lorenz Langenegger seinen Helden, einen Schweizer Ritter der traurigen Gestalt, an der eigenen Kauzigkeit scheitern. Bei dem zwei Jahre jüngeren Pilipp Weiss verzweifelt der Protagonist am Handwerk des Schriftstellerns, ein klassischer „Klagenfurt-Text“. Bruno Preisendörfer hat die kürzlich erreichte Schallmauer des fünfzigsten Geburtstags zum Blues eines Psychiaters verdichtet, der an sich, mehr noch aber an der Sinnlosigkeit der Welt verzweifelt. Der Berliner Autor Karsten Krampitz strickte aus seiner Beschäftigung mit dem Feuertod des ostdeutschen Pfarrers Oskar Brüsewitz eine Rollenprosa, die 1974 in Nürnberg geborene Christiane Neudecker überführte das Schlemihl-Motiv vom verlorenen Schatten in einem artifiziell-sterilen Text ins Internet-Zeitalter.

Die Hostie macht nicht den Dichter

Was denn noch kommen werde, raunten beim Empfang des Klagenfurter Bürgermeisters auf Schloss Maria Loretto am Wörthersee die Gäste, um sodann übers Wetter zu sprechen und zu rätseln, warum der Gastgeber zur Party nicht erschien. Während an diesem Abend das erste Drittel der Autoren es bereits hinter sich hatte, konnte man von anderen hören, wie sie der Herauforderung dieser ältesten Casting-Show des Fernsehens begegneten. Dass auch die Hilfe von Fernsehcoaches in Anspruch genommen wird, zeugt nicht nur von einer medialen Professionalisierung der eben gar nicht so weltfremden Autoren, sondern zeigt auch, dass es in Klagenfurt eben um mehr geht als nur darum, Texte für sich sprechen zu lassen. Philipp

Weiss jedenfalls wollte der Beurteilung seiner Performance nicht tatenlos zusehen, weshalb der Wiener, noch ehe das letzte Wort der Juroren gesprochen war, selbst die Stimme erhob und sodann scheinbar ein Papier hervorzog, das er sich in den Mund stopfte. Kurz herrschte Irritation im Saal, bis sich herausstellte, dass es sich dabei nicht um sein Manuskript, sondern lediglich um ein essbares Fake handelte, nämlich Oblatenpapier. Keinesfalls hat Philipp Weiss damit „Klagenfurt-Geschichte geschrieben“, wie Clarissa Stadler behauptete. Denn das gelingt nur jenen, die wirklich etwas wagen.

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Jahrgang 1970, Redakteurin im Feuilleton.

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