18.12.2003 · Wie soll man große Literatur verfilmen? Robert Benton hat es mit Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“ versucht. In dem Film mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman kann man den Erscheinungen nicht trauen und den Gefühlen auch nicht.
Von Andreas KilbÜber diesen Film weiß man Bescheid, ehe man ihn überhaupt gesehen hat. Anthony Hopkins, das hat sich herumgesprochen, ist eine Fehlbesetzung, denn er spielt einen Mann, der ehemals schwarz war, bevor er sich als Weißer ausgab, einen Afroamerikaner, der sich in einen jüdischen Literaturprofessor verwandelt hat; Hopkins war bekanntlich niemals schwarz. Und Nicole Kidman, seine Partnerin, ist ebenfalls fehlbesetzt, denn sie spielt eine Putzfrau und Hilfsmelkerin, die keinen geraden Satz lesen kann - Kidman, das weiß man, hat nie vom vergifteten Apfel der Armut und des Analphabetismus gekostet. Außerdem wird die Frau, die sie verkörpert, als unscheinbar beschrieben; und wie könnte Nicole Kidman unscheinbar sein? Das wäre dann doch der Verwandlungen zuviel.
Schließlich ist "Der menschliche Makel" auch noch eine Literaturverfilmung, die Adaption eines Romans von Philip Roth. Wie aber soll man große Literatur verfilmen, ihren epischen Atem in zwei Kinostunden pressen? Das geht bekanntlich nicht, nur bei Visconti ist es gegangen, doch Visconti ist tot. Robert Benton aber, der Regisseur des "Makels", hat so harmlose und ordentliche Filme wie "Kramer gegen Kramer" und "Billy Bathgate" gedreht, er ist kein Gegner für einen Titanen wie Roth. Und tatsächlich sieht "Der menschliche Makel" wie der Film eines Verlierers und Nachbuchstabierers aus, jedenfalls in den ersten fünfzehn bis zwanzig Minuten, in denen er erzählt, wie Coleman Silk, gespielt von Anthony Hopkins, durch eine politisch unkorrekte Bemerkung sein Lehramt am feinen Athena College in Massachusetts und später seine Frau verliert - und wie er den Schriftsteller Nathan Zuckerman (Gary Sinise) kennenlernt, das Alter ego des Autors Philip Roth, den Mann, der am Ende die Geschichte aufschreiben wird.
Da ist es passiert
Und dann kommt die Szene, in der sich Coleman Silk und Faunia Farley alias Anthony Hopkins und Nicole Kidman zum ersten Mal begegnen. Sie spielt in einem Postamt. Eigentlich hat es schon geschlossen, aber der grauhaarige Mann bittet die magere Frau am Eingang, ihn trotzdem hereinzulassen. Sie läßt ihn herein, er kauft sich ein paar Briefmarken am Automaten und geht. Und es ist nichts passiert. Und dann fährt er mit seinem Volvo eine Landstraße entlang, und die Frau steht neben ihrem Wagen am Straßenrand, und er fragt sie, ob er sie mitnehmen könne, und sie sagt ja. Und es passiert immer noch nichts, außer daß er sie zu der Milchfarm bringt, auf der sie wohnt, und sie ihn beim Aussteigen fragt, ob er noch mit heraufkommen wolle. Und er antwortet, nachdem er einen Atemzug lang gezögert hat, daß er seit dem Tod seiner Frau keiner Frau mehr so nahe gekommen sei wie ihr. Und sie sagt, wenn er auf ihr Mitleid rechne, sei er an der falschen Adresse. Und bedankt sich. Und geht. Und es ist nichts passiert. Und er sitzt da in seinem Wagen und wartet. Dann macht er die Tür auf und geht ihr nach. Und da ist es passiert.
Philip Roth gilt allenthalben als Autor, der sich auf obsessive Weise mit Sexualität beschäftigt, und in "Der menschliche Makel" unternimmt er scheinbar nichts, um diese Einschätzung zu widerlegen. Gleich der erste Satz des Romans berichtet von Coleman Silks Affäre mit der siebenunddreißig Jahre jüngeren Faunia, und im weiteren Verlauf werden auch alle früheren Lieben und Liebschaften Colemans ausführlich beschrieben. Aber nicht nur im Kino, auch in der Literatur tut man gut daran, dem allzu Offensichtlichen zu mißtrauen. Wenn bei Philip Roth von Sex die Rede ist, geht es nie nur um Sex, und schon gar nicht im Fall von Coleman Silk. Bei Coleman geht es sogar sehr explizit um etwas anderes.
Der Dämon des Daseins
Es geht um das Überschreiten einer Grenze, um den Wunsch, ein anderer zu sein und sich in diesem Anderssein zu finden. In seinem Leben hat Coleman Silk die Grenze schon viele Male überschritten, seit er sich als Jugendlicher entschloß, auf dem Anmeldeformular der U.S. Navy bei "Rassenzugehörigkeit" das Wort "weiß" anzukreuzen, und mit Faunia Farley überschreitet er sie ein weiteres, ein letztes Mal. Der Dämon seines Daseins erwacht in ihm, als er die Treppe zur Dachkammer emporsteigt, in der Faunia auf ihrem Bett auf ihn wartet, und von diesem Dämon handelt der Roman wie seine Verfilmung.
Der Dämon heißt Identität. Sie ist das Leitthema in allen Romanen von Philip Roth, ganz gleich, ob sie von Juden oder Christen, von Schwarzen oder Weißen handeln, und so, wie Balzac eine "Menschliche Komödie" schreiben wollte, könnte man von Roth sagen, er habe die Komödie der menschlichen Identität verfaßt. "Be yourself", heißt es in Amerika. Aber wie? fragt Roth zurück. In "Der menschliche Makel" erzählt er von einem Mann, der sich selbst findet, indem er sich verleugnet, und schon deshalb ist Anthony Hopkins in der Hauptrolle des Films keine Fehlbesetzung, ebensowenig wie der weiße Engländer Wentworth Miller, der den jungen Coleman Silk verkörpert. Die beiden sind so offensichtlich nicht schwarz, daß sie ihrer Geschichte ebenjenen Webfehler einziehen, auf den es der Roman abgesehen hat. Sie bringen die Oberfläche der Bilder zum Zittern. In "Der menschliche Makel" kann man den Erscheinungen nicht trauen und den Gefühlen auch nicht. Das einzige, dem man trauen kann, ist der Sex, weil er die Sehnsüchte der Menschen zum Vorschein bringt, und hier haben Hopkins und Nicole Kidman ihre besten Momente. Sie spielen die körperliche Beziehung zwischen einem alten Mann und einer jungen Frau mit genau der hemmungslosen Vorsicht, die solche Beziehungen auszeichnet, und Bentons Kamera schaut ihnen ebenso vorsichtig zu.
Die klingende Landschaft
Es gibt noch eine weitere große Szene in "Der menschliche Makel" - die letzte. Sie spielt auf einem zugefrorenen See. Nathan Zuckerman (Gary Sinise) trifft Les Farley (Ed Harris), dem er die Schuld am Unfalltod seiner Exfrau Faunia und ihres Liebhabers gibt, und wie im Buch hält Farley einen Eisbohrer in der Hand, mit dem er Zuckerman, der ihn aushorchen will, einschüchtert. Aber man sieht vor allem dies: zwei Männer auf einem zugefrorenen See. Eine Totenlandschaft. Eis und Einsamkeit. Und Ed Harris, den sich die Academy in Los Angeles für ihren Nebenrollen-Oscar vormerken sollte, spiegelt dieses Abgestorbensein so deutlich in seiner Körperhaltung und seinem Gesicht, daß es fast weh tut. Für diese Szene gilt, was Fritz Lang in einem alten Film von Godard unumstößlich formuliert hat: "In the script it's written, and on the screen it's pictures." Und diese Bilder sind unendlich reicher als alles Geschriebene, weil sie die Landschaft, in der Roths Roman spielt, zum Klingen bringen, weil sie den Winter in Massachusetts aus einem Wort in eine Wirklichkeit verwandeln.
Das Buch geht nicht gut aus. Aber es bietet, wie alle großen Bücher, den Trost der Gelungenheit, der vollendeten Form. Die Verfilmung hat es da weniger leicht. Sie kann sich kein Happy-End zurechtlügen, ihr bleibt nur, die Katastrophe so zu zeigen, als steckte selbst in ihr ein Triumph. Und so zeigt Benton, wie Coleman Silk am Abend vor jener winterlichen Autofahrt, die seine letzte sein wird, mit Faunia Farley glücklich ist. Und wie er in diesem Glück schließlich findet, was er vor Jahrzehnten bei anderen Frauen in anderen Städten gesucht und nie ganz gefunden hat: sich selbst. Und wie er deshalb den Tod nicht mehr zu fürchten braucht. Natürlich, das wissen wir, bleibt große Literatur auch in Zukunft unverfilmbar. Aber "Der menschliche Makel" ist jetzt ein Film.