08.12.2004 · Katalinchen und Tante Nudel, Professor Kopf und Rosi Herz, Biba oder Johnny Maus und seine Freunde: Helme Heines Kinderbücher bebildern die Ideen Platons, Lockes und Rousseaus für geborene Metaphysiker.
Von Reinhard Brandt„Man kann für Kinder gar nicht anspruchsvoll genug arbeiten“, schreibt Helme Heine, und das erste Heine-Kinder-Büchlein, das mir in die Hände fiel, ist wahrhaft anspruchsvoll. Worum geht es? "Es ist Sommer. Katalinchen fährt in die Ferien zu Tante Nudel, Onkel Ruhe und Herrn Schlau. Tante Nudel kann nur kochen, Onkel Ruhe nur für Ruhe und Ordnung sorgen und Herr Schlau nur in Büchern blättern - meint ein jeder. Katalinchen zeigt ihnen, daß es auch anders geht", und los geht die Lektüre.
Wir Erwachsenen wissen eigentlich schon alles, aber zu dem allen gehört einiges, was vielleicht doch nicht alle wissen. Denn in den drei Tätigkeiten von Nudel, Ruhe, Schlau verstecken sich die platonische "Politeia" des Platon und die Ständeordnung Alteuropas, eine Trinitätslehre ante Christum und post Christum.
Helme Heines Ständeordnung
Da gibt es den unteren Stand, der für die Ökonomie zuständig ist, der in der späteren Ordnung als der dritte Stand galt, der "tiers état"; zu ihm zählten alle, die körperlich arbeiteten und Handel trieben, die wenig galten, alleine Steuern zahlten und am Ende, 1789, alles werden wollten und sollten. Das also ist die Tante Nudel. In der Ordnung der Kardinaltugenden kommt ihr die Bescheidung zu: Der dritte Stand soll nicht weiter nachfragen und loyal den Oberen gehorchen.
Es folgt Onkel Ruhe, denn nach dem Nährstand kommt der Wehrstand, der Stand der Wächter, der nach innen für Ruhe und Ordnung sorgt und das Gemeinwesen nach außen verteidigt. Die zugehörige Tugend ist der Mut, in der Ständeordnung ist es der Adel, der allein zum Tragen von Waffen befugt und verpflichtet ist.
Herr Schlau dagegen vertritt in den Kardinaltugenden die Klugheit, in der Polis den Lehrstand, der die politische Verwaltung in Händen hat und die übergreifenden Dinge aus seiner Einsicht bestimmt. Ihr europäischer Erbe ist die Geistlichkeit, die die Bibel in Händen hielt und verbindlich auslegte.
Und Katalinchen als König
Das einigende Band der drei Tugenden ist bei Platon die vierte Kardinaltugend der Gerechtigkeit, deren höchstes Prinzip lautet, daß jeder das Seine und nur das Seine tue. Der Nährstand darf keine Waffen tragen, die beiden anderen Stände dürfen sich nicht ökonomisch betätigen. In der europäischen Tradition wurde die die Gerechtigkeit durch den König repräsentiert, der als Vierter die Einheit des Ganzen vorstellte und verwirklichte. In der Kinder-Kultur-Geschichte von Helme Heine ist die vierte in der 1, 2, 3/4-Ordnung natürlich Katalinchen.
Statt mit knarrendem "r" in Katharina kommt kindlich labial Katalinchen, die das Prinzip "Jeder das Seine" kurzerhand aufhebt und die geteilte Arbeit wieder vereint; nicht "Jeder das Seine", sondern "Jeder alles". Alle können alles, morgens sind sie Angler und abends Kritiker, wie Karl Marx zu scherzen beliebte. Nieder mit Platon! Bevor wir jedoch den Erfolg der platonisch-antiplatonischen Gesellschaftsordnung sehen, endet die erste Woche der Neuschöpfung mit einem wohlverdienten Sonntagsspaziergang der vier Helden des Buches, an dem Kinder sich nicht satt lesen können.
Arme Tante Nudel - ein Nachtrag
Nachtrag: Xenophon, ein Zeitgenosse Platons, bewunderte den persischen Großkönig, bei dem die Arbeitsteilung in der Küche so weit getrieben war, daß ein einziger Koch nur für die Gewürze zuständig war, ein anderer nur für die Suppen. Wie verlautet, hat sich Tante Nudel wenige Jahre nach der Abreise von Katalinchen um eine Green Card für Iran beworben, um dort als Köchin tätig zu sein. 55 Bewerbungen und keine positive Antwort, sondern immer nur: Sie sei nicht ausreichend qualifiziert.
Arme Tante Nudel! Wenn sie nicht vor Gram gestorben ist, so kocht sie auch heute noch, sorgt zugleich für Ruhe und Ordnung und hat eine der vielen deutschen Professuren für "Allgemeine Didaktik, Theorie III" inne. Dank sei Heine, daß er die 1, 2, 3/4-Ordnung im Gegensatz zu unseren Suppenkasper-Intellektuellen ernst nimmt und schon den Kleinkindern verkündet. War nicht auch das Christus-Kind der Vierte, der König der Drei Heiligen Könige, die zu ihm kamen, während Katalinchen umgekehrt die drei Verwandten aufsucht?
Wieder Platon natürlich: „Der Club“
Das Gegenopus trägt den Titel "Der Club". Das bebilderte Lebensbuch von der Geburt bis zum Tod beginnt mit einer Anrede an das neugeborene Kind: "An dem Tag, an dem du geboren wirst, bekommst du drei Freunde", es sind Professor Kopf, Rosi Herz und Dick Bauch. Die drei sorgen oben und in der Mitte und im Magen für die verschiedenen Lebensaufgaben, aber: "Hin und wieder kommt es vor, daß die drei Freunde sich streiten. So etwas kann in der besten Freundschaft passieren. Wenn sie nicht mehr miteinander reden, dann wirst du krank." Da kommt der Doktor und stiftet Frieden. "Und an dem Tag, an dem du stirbst, geht der Club auseinander."
Da neuerdings alle Lehrer beschlossen haben, sich wieder mit ihren Schülern zu befreunden, wissen alle Kinder von ihren fleißigen und gebildeten Lehrer-Freunden, wie Helme Heine zu seiner Geschichte gekommen ist. Wieder Platon natürlich, wieder die "Politeia".
Die Seele und andere Gespenstergeschichten
Da will Sokrates mit seinen Gesprächspartnern untersuchen, was eigentlich die Gerechtigkeit ist, und Platon entwirft, wie wir sahen, seine Staatsgesellschaft, um gut sichtbar zu machen, wie die Gerechtigkeit im großen aussieht; aber das eigentliche Thema ist der Mensch, und seine Seele ist die Polis im kleinen. Sie zerfällt ebenfalls in drei Teile, oben die Klugheit, das ist hier der Professor Kopf, dann folgt der Mut, wie wir sahen, sie ist hier in die Liebe mutiert, und unten sitzen die Begierden, der Koch Dick Bauch. Wenn es um den Seelenfrieden gut bestellt ist, tun die drei jeder das Ihre; lassen sie davon ab und streiten, kommt es zu einem Aufstand im Menschen, einer "stasis", so daß der Mensch erkrankt. Und unser viertes? Es ist das Neugeborene selbst, der Mensch als Einheit, der den Club allererst ermöglicht.
Heines Schluß mit dem Tod hielt Platon allerdings nicht für zwingend; beim Tod löst der Club sich auf, einverstanden, aber die Frage bleibt bei ihm, ob der Mensch nicht mehr ist als die Harmonie seiner Teile. Und: Wie kommt sie zustande? Gibt es nicht einen das Ganze erst ermöglichenden Überhang? Wenn ja, dann gibt es eine Seele, die den Tod überlebt, aber wer will schon solche Gespenstergeschichten hören? Heines Naturalismus, daß die Freundschaft genügt, wird von Platon im "Phaidon" erörtert und abgewiesen. Unsere aufgewachten Lehrer sollten auch diesen Dialog in den Unterricht einbeziehen, damit die Kinder die Welt verstehen lernen.
Bibas Albtraum vom Reichtum
In der Geschichte "Die Perle" geht es ganz anders zu, kein Platon weit und breit, aber da sind John Locke und Jean-Jacques Rousseau mit von der Partie. Der Biber Biba hat eine Muschel im Wasser gefunden, eine Flußperlmuschel. Nach dem anstrengenden Suchen lehnt er sich zurück, schläft ein und träumt von seiner Perle, die wohl in der Muschel steckt. Alle Tiere der Umgebung hören, so träumt er, von dem wunderbaren Besitz und fragen ihn, wo er die Perle wohl gefunden hat. "Im Wald", lügt B. tapfer, weil er besorgt ist, die anderen Tiere könnten so reich werden wie er selbst. So entdeckt er seine Trennung von den anderen und seine Freiheit im Bösen, aber nur als geträumte Pseudosünde.
Im Wald sagte er? Das kann nicht stimmen - im Wasser hat er sie gefunden. "Das ist mein See, ich habe den Staudamm gebaut! Die Muscheln gehören mir!" Aber die Tiere hören nicht auf ihn, es setzt der große Perlenrausch ein, der alles verwüstet - und B. wacht auf vor Schrecken und wirft die Flußperlmuschel in einem großen Bogen zurück ins Wasser. Das wär's, Ende der Geschichte. Aber der Traum, den der gute Biber nur als Albtraum kennt, wurde von den Menschen verwirklicht.
Es wäre alles so einfach gewesen!
John Locke schreibt im Zweiten Traktat von der Regierung über den ursprünglichen Zustand der Menschen, daß die Natur allen ausreichende, wenn auch karge Subsistenzmittel lieferte und sich alle mit dem Naturalientausch zufriedengaben. Aber dann wurden irgendwann glitzernde Metallstücke gegen Nüsse getauscht "und Wolle gegen einen funkelnden Kiesel oder einen Diamanten", es entstand die Geldwirtschaft und damit eine neue Form der Ungleichheit unter den Menschen, die nur noch für den Gewinn und nicht mehr für ihre eigenen Bedürfnisse produzieren.
Locke begrüßt die Kulturentwicklung, die durch die Geldwirtschaft ermöglicht wird und die einen Reichtum schafft, von dem die Menschen ursprünglich nicht einmal träumen konnten: Je reicher die Reichen werden, desto reicher werden die Armen, lautet die neue paradoxe Devise. In seinem Diskurs "Über die Ungleichheit unter den Menschen" von 1755 klagt dagegen Rousseau: "Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: ,Das ist mein!' und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft."
Helme Heines guter Biba meidet lieber die Kultur und wirft die Perle, die die Tiere im Traum entzweit, zurück ins Wasser. Auch die Schafe, die Katzen und die Papageien, Einzeller und Elefanten waren klüger als die Menschen, sie warfen wie der heilige Franziskus die Kiesel zurück in die Wüste, sie lesen kaum, studieren allenfalls ein wenig Pädagogik und leben bis heute ohne Geld und Globalisierung. Es wäre alles so einfach gewesen! Hätten die Menschen doch nur auf die Stimme der Natur gehört oder sich durch ihre schlimmen Ahnungen und Träume warnen lassen!
Johnny Maus und die Freundschaftsethik
Drei ziehen in die Welt hinaus, der Hahn, das Schwein und Johnny Maus. Und da stoßen sie auf einen Bollerwagen, unseren Bollerwagen. "Das ist mein Bollerwagen", sagte Johnny Maus spitz, "die erste Fahrt mache ich allein." Das kann bei Helme Heine nicht gutgehen, und so stürzt Johnny Maus mit dem Bollerwagen tatsächlich einen Abhang hinunter und bleibt unten halb tot liegen. Aber die beiden Freunde nehmen nichts übel und helfen ihm: "Gemeinsam schafften sie ihn nach oben."
Die Moral der Geschichte "Der Rennwagen" gehört zur alten Freundschaftsethik, die lehrt, daß Freunden alles gemeinsam gehört. Kinder sind jedoch gewitzte Metaphysiker und hören noch mehr heraus: Mache nichts allein, sei kein Grübler, hänge keinen Gedanken nach, die den anderen fremd sind, setze dich in kein Schiff, um herauszufinden, ob die Welt nun eine große Ebene ist oder eine Kugel, das kann nur schiefgehen, du wirst sicher abstürzen. Spätere Historiker des Zeitgeistes werden auf Helme Heine stoßen und an ihm den Glanz und das Elend unserer Republik entdecken.