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Kinderbuch „Lehmriese lebt!“ : Hier geht es nicht ins, sondern ums Auge

Verspielt und gegen den Strich: Anke Kuhls Zeichungen feiern das Ungeglättete. Bild: Anke Kuhl/Reprodukt Verlag

Ihr neuer Comic zeigt es: Niemand zeichnet so kluge Kinderbücher wie Anke Kuhl. In „Lehmriese lebt!“ erwecken zwei Kinder einen Golem zum Leben und begeiten ihn auf allerlei Abenteuern.

          Womit es beginnt? Mit den Augen, sagt Anke Kuhl und nimmt zum Beweis die oberste Mappe von einem Stapel, der aus Dutzenden von Mappen besteht und nur deswegen nicht längst unter seiner eigenen Last zur Seite gekippt ist, weil er von einem anderen Stapel aus Mappen gestützt wird, der seinerseits – aber das führt jetzt zu weit. Aus dieser Mappe jedenfalls zieht Anke Kuhl scheinbar wahllos ein Blatt Papier. Es ist das oberste, zeigt einen lehmfarbigen Golem links und, in seiner Blickrichtung, drei Augenpaare rechts, die aus je zwei Kreisen mit winzigen Pupillen-Punkten und Augenbrauen-Strichen bestehen. Was an ihnen nicht gestimmt hat? „Weiß ich jetzt auch nicht mehr“, sagt Anke Kuhl und muss beim Blick auf das zumindest in diesem Moment völlig identisch aussehende Strich-Punkt-Gewimmel selbst lachen. Hinterher lacht es sich ja immer leicht.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          In dem Augenblick, in dem die Figuren entstanden sind, mag das noch anders gewesen sein, auch wenn die vierundvierzigjährige Illustratorin, die vor Jahren in Frankfurt die Ateliergemeinschaft „Labor“ mitbegründet hat, die eigene Pingeligkeit bei den Augen mittlerweile sehr gut kennt. Sie weiß, dass sich erst der Blick richtig anfühlen muss, damit sie zu den Augen ein Gesicht und zu diesem Gesicht einen Körper zeichnen kann. Vielleicht geraten die Augen ihrer Figuren auch deswegen oft so groß, denn wie beim Golem, ihrer jüngsten Schöpfung, nehmen sie nicht selten ein gutes Viertel der Gesichter ein.

          Bilderstrecke

          Beim Golem, dessen Geschichte sie in ihrem jüngsten Kinderbuch „Lehmriese lebt!“ (Reprodukt Verlag) erzählt, wirken sie sogar noch größer, weil sein Kopf im Verhältnis zu seinem Körper so klein ist – ein echter Riese eben, wie er Anke Kuhl zuerst in dem expressionistischen Stummfilm „Der Golem, wie er in die Welt kam“ begegnet ist. Wie macht man nun aber aus diesem Klassiker über den Golem, welcher der Legende nach Unheil vom jüdischen Volk abwenden sollte, einen Comic für Kinder? Kuhls Antwort: Man macht die Kinder selbst zu Baumeistern und damit zu Herren über das seltsame Geschöpf.

          Eine Art sommerlicher Schneemann

          Wie es für einige ihrer Bücher charakteristisch ist, merkt man dabei auch der Umsetzung dieses mythisch beladenen Stoffes an, dass sie gar nicht erst versucht hat, Herkunft, Bedeutung und Rezeption der Golem-Legende kindgerecht aufzubereiten, ihrer Geschichte also irgendeine Form von frühkindlicher Pädagogik angedeihen zu lassen. Sie hält sich vielmehr an die erzählerischen Fakten, die sie hier und da gleichwohl verfremdet: Bei Anke Kuhl ist der Golem also eine Art sommerlicher Schneemann – geschaffen von zwei Kindern, die nicht ahnen können, welche Geister sie rufen, als sie am Ufer eines Flusses anfangen, einen Riesen aus Lehm zu bauen. Denn schon in der Nacht beginnt dieser Riese sich zu bewegen, und als am folgenden Morgen die neben seinem Kopf wachsende Blume einen Regentropfen auffängt und an seiner Stirn herabperlen lässt – was eine konzentrierte, aber unaufdringliche Bildersequenz über den religiösen Hintergrund der Legende ergibt –, schlägt der Golem die Augen auf. In Wald, Stadt und im Supermarkt richtet er dann allerlei Unheil an, bis er schließlich als das erkannt wird, was er ist, und man folglich auch weiß, auf wen er hört: nur auf diejenigen, die ihn erschaffen haben.

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