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Sonntag, 19. Februar 2012
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Katharina Hacker Onkel Henry war einfach zu gut

27.12.2006 ·  Seit Katharina Hacker im Oktober den Deutschen Buchpreis erhalten hat, steht ihr Roman „Die Habenichtse“ auf den Bestsellerlisten. Dabei hatte sie einmal Geigerin werden wollen. Hausbesuch bei einer Erfolgsautorin.

Von Marius Meller
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Frau Hacker empfängt in ihrer blitzblank aufgeräumten großen Berliner Küche. Zwei Digitaluhren - eine im Herd, eine im Radio - zeigen exakt die gleiche Zeit an. Die Barockmusik dreht die Autorin aus; sie meint, wenn Philippa losbrülle, sei man abgelenkt genug. Philippa ist Katharina Hackers Tochter, und sie kam fast zeitgleich mit der Nominierung ihrer Mutter für den Deutschen Buchpreis 2006 zur Welt.

Als die Auszeichnung schließlich dreieinhalb Wochen später während der Frankfurter Buchmesse an Katharina Hacker verliehen wurde, war Philippa mit auf der Bühne, gut verpackt und wohlgeschützt gegen das Blitzlichtgewitter. Jetzt ist Philippa schon ein richtiges Persönchen, mit einem kugelrunden Gesicht und blitzenden Äuglein. Den ganzen Vormittag über sei Philippa bestens gelaunt gewesen, dann mürrisch und jetzt wieder gut. Nach den ersten Fragen und einer eingehenden Musterung des Porträtisten schläft sie leise muckernd ein.

Rückzug statt Rampenlicht

Mit dem Säugling im Arm klappt die Autorin vorsichtig den Laptop zu und räumt ihn weg. Sie genieße es, ab und zu den Schreibort zu verlagern, sie könne sogar gut mit dem Töchterchen auf dem Schoß schreiben. Und sie schätze die enorme Strukturiertheit, die so ein neuer Erdenbewohner für seine Eltern mit sich bringe.

Katharina Hacker hat sich nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises für ihren Roman „Die Habenichtse“ erst einmal zurückgezogen. Das Buch landete auf der Bestsellerliste, wo es sich seitdem ausdauernd hält. Normalerweise organisiert ein Verlag in so einem Fall sofort Lesungen, um mit Autor und Buch präsent zu bleiben. Das wollte Frau Hacker nicht. Erst im Februar wird sie auf Lesetour gehen, mit ihrem Mann, der mit Philippa notfalls ins Hotel verschwinden kann. Der Suhrkamp Verlag druckte ihre früheren Bücher nach und trifft die nötigen Vorbereitungen für die Zeit, wenn Familie Hacker auf Lesereise gehen kann.

Eigentlich nichts für den großen Rummel

Von den „Habenichtsen“ sind inzwischen 150.000 Exemplare verkauft. Der Deutsche Buchpreis, dotiert mit 25.000 Euro, etabliert sich, seit er 2005 zum ersten Mal an den Autor Arno Geiger verliehen wurde, offenbar gut. Er funktioniert als zuverlässiges Bestseller-Katapult, obwohl die Jury mit ihren Entscheidungen bisher Bücher ehrte, die Lektoren und Verleger normalerweise nicht als bestsellerverdächtig einschätzen würden.

Katharina Hacker ist klar, daß ihre Literatur an sich nichts für den großen Literaturrummel ist. Sie freut sich natürlich über den Preis und den Verkaufserfolg, aber sie weiß, daß ihre kompromißlose Prosa etwas für Kenner und Liebhaber und kaum etwas für das Massenpublikum ist. „Ich begrüße jede Maßnahme, jeden Trick, um Leute dazu zu bringen, Bücher anzuschauen, die sie sonst vielleicht nicht wahrnehmen würden.“

Ein Lebensgefühl, in Watte gepackt

„Die Habenichtse“ (siehe auch: Hacker, Katharina: Die Habenichtse) ist ein Generationsporträt der - wie Katharina Hacker - um 1965 Geborenen. Es gibt zwei Hauptfiguren, aber eigentlich geht es um ein ganzes Netzwerk von Personen. Der 11. September 2001, Afghanistan- und zweiter Golfkrieg - diese Daten setzen den zeitlichen Rahmen, und sie bedeuten auch eine bedrohliche Realitätsverdichtung des wie in Watte gepackten Lebensgefühls der kreativen, nicht mehr ganz so jungen Mittdreißiger.

Jakob, Isabelle und ihre Freunde wabern in der Berliner Wohlstandssphäre, hadern mit ihren Lebensentwürfen. Isabelle und Jakob heiraten, weil es „gut zu passen“ scheint und obwohl der Rechtsanwalt wie auch die Graphikerin homosexuelle Neigungen unterdrücken. Die beiden ziehen nach London, wo Jakob in einer Kanzlei arbeitet, die sich um die Rückgewinnung enteigneten jüdischen Besitzes in Ostdeutschland kümmert. Der Chef der Kanzlei ist ein Holocaust-Überlebender, der seinen Lebensgefährten bei einem Autounfall verloren hat. Durch die Freundschaft zu ihm nähert sich Jakob seiner durch die Heirat verdrängten Homosexualität wieder an, und Isabelle fühlt sich wiederum von einem gewalttätigen Dealer aus der Nachbarschaft erotisch angezogen.

Alles wegen Onkel Henry

Entscheidungen werden nicht getroffen. Man läßt sich treiben. Was ist es, was diesen Habenichtsen fehlt? Sie haben kein Zentrum, keine Mitte, sie sind metaphysisch unbehaust. Am Anfang und am Ende des Romans taucht als Reminiszenz der vergangenen Glaubenssicherheiten, als eine Art Signatur, ein Pfarrer auf, der anfangs „freundlich winkt“ und am Schluß „wild gestikuliert“.

Katharina Hacker, die in Frankfurt am Main ein humanistisches Gymnasium absolvierte, hat Judaistik, Philosophie und Geschichte studiert. Sie sagt, daß ihr Interesse an der Judaistik sich durchaus einer adoleszenten mystischen Ambition verdanke. Besonders die Bücher des Kabbala-Forschers Gershom Scholem faszinierten sie ungemein. Ein weiteres Moment sei die Freundschaft mit dem Geiger Henry Meyer gewesen, der kürzlich dreiundachtzigjährig verstorben ist und ein Freund der Familie war.

Katharina Hackers Augen füllen sich mit Tränen, als sie das erzählt. Meyer war der zweite Geiger des legendären LaSalle-Quartetts, das 1946 gegründet wurde und bis zur Auflösung 1988 eines der berühmtesten Streichquartette der Welt war. Katharina Hacker erzählt, daß sie wegen „Onkel Henry“ auch Geigenunterricht genommen habe - seinetwegen aber auch wieder aufgehört habe, denn Henry habe so perfekt musiziert, daß er als Vorbild einfach zu gut gewesen sei. Sie habe so sehr unter ihren schiefen Tönen gelitten, daß sie nur noch pizzicato, gezupft, habe üben können. Irgendwann habe sie das Musikmachen ganz eingestellt.

Was sie am Judentum fasziniert

Henry hat Auschwitz überlebt. Ein KZ-Arzt, der den jungen Geiger einmal im Konzert erlebt hatte, hat den damals Neunzehnjährigen wiedererkannt und in einer abenteuerlichen Aktion die Identitäten von Henry und einem bereits Gestorbenen vertauscht. Henry hat die junge Katharina mit halb Jerusalem bekannt gemacht, als sie dort 1990 ihr Studium fortsetzte, das sie in Freiburg begonnen hatte. Bei dem Historiker Saul Friedländer, der seinerseits in diesem Herbst mit dem zweiten Band seines Werkes über das Dritte Reich und die Juden einen großen Erfolg feiert, besuchte sie Kolloquien, es entstand eine Freundschaft. Ihm widmete sie ihren zweiten Roman „Eine Art Liebe“ aus dem Jahr 2003, eine anrührende Geschichte über eine junge Frau, die mit einem älteren Juden befreundet ist, der, wie Friedländer, als Kind den Krieg in einem französischen Internat überlebt hat.

Was sie am Judentum fasziniert? Die Offenheit der Metaphysik. Im Judentum gebe es Gruppen, die an Seelenwanderung glauben, oder andere, die überzeugt sind, daß es nach dem Tod ganz aus ist, da gebe es alles Mögliche. Weil es das zweite Gebot, das Bilderverbot gebe, ist auch der Gottesbegriff ein offener. Aber alle Juden hätten die Schrift, das Gesetz, die Thora. Ein Jude glaube nicht, er sei höchstens fromm. Und von Ben Gurion, dem Staatsgründer Israels, stamme der Satz, jeder, der sage, er sei ein Jude, sei ein Jude. Katharina Hacker aber sagt nicht, daß sie Jüdin sei.

Griechische Mythen, gegenwärtig

In Israel habe sie angefangen zu schreiben, zunächst „Kritzeleien“, wie sie jeder an Literatur Interessierte wohl so fabriziere. Später entwickelte sie aus den Vorstudien eine Art Stadterzählung in Prosaskizzen, die 1997 als ihr erstes Buch in der Edition Suhrkamp unter dem Titel „Tel Aviv“ erschien. Ein tastender, dann immer entschiedenerer Versuch, sich als Deutsche der israelischen Stadt zu nähern, und als Noch-nicht-Schreibende dem Schreiben.

Neben ihrem Studium in Israel unterrichtete sie Deutsch und lehrte als Dozentin an der Tel Aviver School for Cultural Studies. Als ihr Doktorvater starb, kehrte sie nach Deutschland zurück, zog nach Berlin und arbeitete als freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie übersetzte zwei Bücher hebräischer Autoren, von Lea Aini und Jossi Avni. 1998 erschien ihr zweiter Edition-Suhrkamp-Band: „Morpheus oder Der Schnabelschuh“. Nach der intensiven Auseinandersetzung mit der jüdischen Überlieferung vertiefte sie sich mit dem Erzählband in die griechische Mythologie und transponierte die Geschichten von Sisyphos, Ariadne, Morpheus und Charon in die Gegenwart.

Und jetzt? Prosagedichte, was denn sonst!

Sie hat sich eines Tages ihrer humanistischen Schulbildung wiedererinnert und die prachtvolle Metamorphosen-Ausgabe mit den Illustrationen von Picasso aus dem Regal genommen. Die Schönheit der Ovidschen Hexameter hat sie zu einer eigenen Mythen-Metamorphose inspiriert. Ausgerechnet bei der Erwähnung des Namens „Morpheus“, des Gottes des Traums, wacht das Philippakind auf und fängt an zu krähen. Ein einschläfernder Schnuller ist schnell zur Hand, und Philippa gluckst zufrieden.

In Berlin hat Katharina Hacker lange Zeit in der Metzer Straße in Prenzlauer Berg gewohnt, als die Mieten noch niedrig waren. Das Wohngeld konnte sie von einer bescheidenen Erbschaft bestreiten, das Schreiben und Übersetzen sorgte, mehr schlecht als recht, für den Rest. Im Jahr 2000 erschien ihr erster Roman „Der Bademeister“ bei Suhrkamp im Hardcover, ein melancholischer Monolog eines alten Bademeisters, dessen von ihm betreutes Schwimmbad geschlossen wird und verfällt. Zuletzt verläßt er das Schwimmbad nicht mehr, läßt in das leere Becken wieder Wasser ein und wird sich wohl ertränken. Für ihr Romandebüt bescheinigte man der Autorin Genauigkeit, Klugheit und tragische Komik.

Was sie als nächstes nach dem großen Erfolg von „Die Habenichtse“ vorhat? Typisch Katharina Hacker: Sie wird nicht etwa noch einen massenkompatiblen Gesellschaftsroman nachlegen, sondern im Herbst 2007 mit einem Band von Prosagedichten auftreten. Wie sie ihren Erfolg verkrafte? Gut. Aber der größte Erfolg sei Philippa, das Beste, was sie und ihr Mann jemals gemacht hätten.

Quelle: F.A.Z., 28.12.2006, Nr. 301 / Seite 36
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