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Katharina Hacker Geweckte Angst: „Herr Korbes“

08.02.2006 ·  Warum einen dies Märchen entzücken kann, ist nicht leicht erklärt, es muß wohl mit dem Maß des Schreckens, der willkürlich lautlosen Gemeinheit zusammenhängen: „Herr Korbes“ der Brüder Grimm.

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Herr Korbes muß ein recht böser Mann gewesen sein“: So beschwichtigt ein von den Brüdern Grimm noch angefügter Satz, nachdem Herr Korbes gepiesackt und erschlagen worden ist.

Ohne ein Wort, als wäre es gerade so abgesprochen, haben Katze, Ei, Nähnadel, Stecknadel und Mühlstein sich im Haus plaziert, um Herrn Korbes in den Tod zu treiben. Hühnchen und Hähnchen, die alles auslösten, indem sie ein Reise machen wollten, sitzen indes auf der Stange, beobachten allenfalls, was geschieht - wie die Katze dem Herrn Korbes Asche ins Gesicht wirft, die Ente ihn mit Wasser spritzt, das Ei im Handtuch lauert, seine Augen zu verkleben, vom Stuhl die Stecknadel ihn vertreibt, aus dem Bett die Nähnadel. Als endlich Herr Korbes, außer sich geraten, aus seinem eigenen Haus, in das er eben erst nichtsahnend zurückgekehrte, fortlaufen will, springt von der Haustür der Mühlstein.

Heiterer Anfang

Angefangen hat dies knappe Märchen, in dem außer Herrn Korbes Menschen nicht vorkommen, unternehmungslustig, heiter und in freundlichem Ton. Einen schönen Wagen baut Hähnchen, rote Räder hat er auch, vier Mäuschen sind davorgespannt, und als die Katze fragt, ob sie mitdarf, wird ihr „recht gerne“, beschieden, nur hinten solle sie sitzen, daß sie vorn nicht herabfällt. Nichts bereitet auf den Mordanschlag vor. Keine Begründung gibt es, überhaupt keinen anderen Zusammenhang als den zeitlicher Abfolge. Und weniger als sonst sind die Handelnden greifbar, sind nicht einmal Figuren, sondern bloß Ding und Name: Nähnadel. Mühlstein.

Es kommt mir vor, wäre dies Märchen eines der anderen Seite: nicht von Menschen, sondern Märchenfiguren erzählt, vom Lumpengesindel etwa aus dem gleichnamigen Grimmschen Märchen oder, um einem Verweis umgekehrt zu folgen, vom Bucklicht Männlein, das Benjamin zitiert und bespricht. Das unheimliche Männlein piesackt zwar nicht tödlich, dafür über viele Strophen lang, und ähnlich wie bei Herrn Korbes fällt der letzte Satz heraus: „Liebes Kindlein, ach, ich bitt, / Bet fürs bucklicht Männlein mit.“ Vielleicht ist das nicht geschehen, und deswegen verfährt nun das Märchen, das vom Bucklicht Männlein selbst erzählt wird, so gnadenlos mit Herrn Korbes.

Warum einen dies Märchen entzücken kann, ist nicht leicht erklärt, es muß wohl mit dem Maß des Schreckens, der willkürlich lautlosen Gemeinheit zusammenhängen, deren ausführende Figuren Albtraumfiguren sind. Indem man von ihnen liest, merkt man mit Entsetzen, daß sie da sind, längst eingerichtet im eigenen Inneren. Die Angst wird nicht erzeugt, sondern bloß geweckt, und deswegen lacht man wie befreit, weil endlich der böseste Verdacht ausgesprochen und offenkundig ist. Jederzeit können die Dinge feindselig bis zum Mord werden. Und nichts mehr braucht es am Ende, um höhnisch Ordnung und Sinn nach unserer Weise wieder herzustellen, als einen lapidaren Satz: „Der Herr Korbes muß ein recht böser Mann gewesen sein.“

Katharina Hacker, geboren 1967 in Frankfurt und derzeit amtierende Stadtschreiberin in Bergen-Enkheim, veröffentlicht in diesen Tagen den Roman „Die Habenichtse“. Die Märchen der Brüder Grimm gibt es, illustriert von Nikolaus Heidelbach, bei Beltz & Gelberg für 19,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 08.02.2006, Nr. 33 / Seite 36
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