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Karl May als Sexualaufklärer : Schamlosigkeiten auf Farbtafeln

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Karl May: Beschreiber von Geschlechtsakten? Bild: ddp

Seine Trapper und Rothäute leben in der Regel unbeweibt und jugendfrei zölibatär. Umso überraschender kommt jetzt die Nachricht, dass Karl May sich in seinen Lehrjahren als furchtloser Sexualaufklärer hervorgetan hat.

          Old Shatterhand ließ bekanntlich in seinen frühen Kolportageromanen gern Busen wogen und büßte dafür im Alter schwer. Für Arno Schmidt waren Winnetou und sein Bruder Scharlih verklemmte Schwule, ihr Wilder Westen eine gigantische Sexuallandschaft. Karl May mag Mythomane und Hochstapler gewesen sein; aber er war kein Sittenstrolch. Seine Trapper und Rothäute leben in der Regel unbeweibt und jugendfrei zölibatär. May war, anders als seine Frau Emma Pollmer, in erotischen Dingen ein Freund „einfacher, gesunder Hausmannskost“. Ausdrücklich billigte er das psychoanalytische Gutachten eines zeitgenössischen Sexualforschers, seine Autobiographie „Mein Leben und Streben“ entwerfe das „ganz vortreffliche Bild eines schwer belasteten Neurotikers, der seine durch eine verpfuschte Jugend krankhaft gesteigerte Sexualität endlich zu einem religiös mystischen Edelmenschentum sublimiert hat“.

          Umso überraschender kommt jetzt die Nachricht, dass der Jugendbuchautor sich in seinen Lehrjahren als furchtloser Aufklärer, Eheberater, ja, Sexualwissenschaftler hervorgetan hat: May alias Dr. Dr. med. Heilig - der Oswalt Kolle von Dresden, der Dr. Sommer der Heftchenliteratur? Eine verräterische Notiz im Nachlass, neuere Funde und philologische Studien von Dieter Sudhoff lassen daran keinen Zweifel: „Das Buch der Liebe“, das 1875 anonym bei Münchmeyer erschien, unter Pornographieverdacht eingezogen und von May selber als scheußliches „Schund- und Schandwerk“ qualifiziert wurde, darf als sein erstes und, trotz schamloser Plagiate, eigenes Buch gelten. Das bislang apokryphe Werk ist jetzt durch die Aufnahme in die Gesammelten Werke geadelt worden; auf dem angemessen kitschigen Titel sieht man statt Indianer und Beduinen Adam, Eva und die züngelnde Schlange lächeln. Der junge Leser wird dennoch enttäuscht sein: Statt neuer Reiseabenteuer bekommt er ältere Warnungen vor Selbstbefleckung und Harnröhrentripper und jene anatomischen Schautafeln, die einst pubertierende Westmänner in die Mysterien des Geschlechtslebens einweihten.

          Die Geheimnisse der Venustempel

          Enttäuschend war „Das Buch der Liebe“ wohl schon für den Wollüstling seiner Zeit. Karl May war jung und brauchte das Geld, aber er war nicht so tief gesunken wie sein Verleger Münchmeyer. Nachdem zwei seiner Bestseller, die pikante Studie „Die Geheimnisse der Venustempel aller Zeiten und Völker“ und „Die Geschlechtskrankheiten und ihre Heilung“, verboten und konfisziert worden waren, wollte Münchmeyer sie unter neuem Titel und in veränderter Aufmachung wieder in Umlauf bringen. May fiel die Aufgabe zu, den für heutige Begriffe harmlosen harten Kern mit kulturgeschichtlich-philosophischen Alibi-Texten zu camouflieren. Als ehrgeiziger Jungautor und Ex-Zuchthäusler unter Polizeiaufsicht nahm er die Sache doppelt ernst: Statt nur ein Feigenblatt zu liefern, begann er die unsittlichsten Stellen zu streichen, retuschieren und sublimieren. Wo der „Venustempel“ mit üppigen Farbtafeln und „Schamlosigkeiten“ aufwartete, gab es jetzt nur noch „Vorgänge“ und Schwangerschaftskalender, und wo „Die Liebe in ihren geschlechtlichen Folgen“ in die Details der Penetration („Die Ruthe wird nun ähnlich einem Spritzenstempel unter der sich auf- und niederwärts bewegenden Bewegung des Mannes hin- und herbewegt“) ging, glaubte May „eine nähere Hindeutung füglich wohl unterlassen“ zu dürfen. Beim „bekannten Mechanismus“ des Begattungsakts finden „die beiderseitigen Geschlechtsorgane diejenige Vereinigung, deren Art und Weise von der Natur dem Menschen durch die Gestaltung der betreffenden Organe deutlich gezeigt und vorgeschrieben ist“.

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