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Bohrers Erinnerungen : Die ganze Unerheblichkeit des sogenannten Lebens

Es geht um das Selbst: Karl Heinz Bohrer Bild: Isolde Ohlbaum

Sinnsuche als Paradox: Der frühere F.A.Z.-Literaturchef und spätere Universitäts-Professor Karl Heinz Bohrer gibt sich in seinem Erinnerungsbuch als Don Quijote der Geistesrepublik.

          Was wäre aus Karl Heinz Bohrer geworden, wenn diese Zeitung ihn nicht 1975 als Feuilletonkorrespondenten nach London entsandt hätte? Als Joachim Fest Herausgeber wurde, ersetzte er ihn als Literaturchef durch Marcel Reich-Ranicki. 2012 veröffentlichte Bohrer seine Kriegskindheitserinnerungen. „Jetzt“, sein zweites autobiographisches Buch, enthüllt, dass an ihm ein Doppelgänger von Wilhelm Genazino verlorengegangen ist. „Die Wochenenden, an denen man draußen auf der Straße umherging, waren so deprimierend. Warum? Ich hatte die Vorstellung, dass der nicht arbeitende, feiertägliche, eintagsferiengelaunte Mensch dann die ganze Unerheblichkeit des sogenannten Lebens offenbarte. Denn eigentlich ereignete sich nichts.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Mit dem Koller des Frankfurter Flaneurs erklärt Bohrer, wie er seine Lebensarbeitsaufgabe fand: das Projekt hinter den literaturkritischen Bemühungen um die Rettung der ästhetischen Autonomie. „Es ging letztlich gar nicht um literarische Urteilskriterien. Es ging um das Selbst. Die Priorität von Alltäglichkeit war unerträglich geworden.“ Langeweile und Ekel: Diese Ur-Reflexe gegen das Gesellschaftliche begründen Bohrers Interesse am „Ereignis“. Als „gewissermaßen asozial begabt“ charakterisiert er sich – und erkannt haben soll dieses Talent zum Brückensprengen eine Frau, die der Gesellschaft den Krieg erklärte: Ulrike Meinhof.

          Paradox über den Theoretiker

          Bohrer erinnert sich an eine wechselseitige Attraktion. „Als ob sie die Absicht verfolgte, meinen analytischen Literaturinstinkt anzuwenden auf die politische Situation, die sie umtrieb.“ Bevor Meinhof untertaucht, gibt es ein letztes Gespräch über die Vergeblichkeit von Bildungsreformen. Bei ihm bleibt ein „schlechtes Gewissen“ zurück, weil er die „arbeitenden Massen“ verdrängt hat. „Als Zehnjähriger hatte ich einmal, in aller Frühe, aus dem Eisenbahnfenster gesehen, wie in den Badezimmern, an denen wir vorbeifuhren, sich Männer zur selben Zeit rasierten. Ich fand das deprimierend und dachte nur: Niemals einen Beruf ergreifen wie alle anderen und mit ihnen zur selben Zeit aufstehen!“ Also wurde er Journalist.

          Bild: Verlag

          Die Versetzung bot die Chance, die Priorität der Alltäglichkeit zu überlisten. Bohrers „ganze England-Existenz war nichts anderes“ als „eine neue Form, den Wochenenden mit fröhlichen, nichtarbeitenden Menschen zu entkommen“. Dort gab es zwar auch Alltag; aber der blieb dem Deutschen fremd, der die Sprache nicht genau genug beherrschte. Seiner Abneigung gegen Hegel zum Trotz möchte Bohrer nämlich immer in Begriffen reden. Das Sinnliche, die Erscheinung, der Moment sind seine Themen. Aber er ist besessen von der Vorstellung, dass diese Ideen sich fixieren lassen. Daher der Wechsel von der Zeitung in die Universität, von London nach Bielefeld. „Wenn irgendetwas einen von den Tautologien des Alltags entfernte, wenn irgendetwas einen auf das Unerwartete stoßen ließ, wenn irgendetwas einen selbst verwandelte in ein anderes Selbst, was war es anderes als die Theorie?“

          Ein Paradox über den Theoretiker steckt in dieser Verwandlungslehre. In der klassischen Philosophie richtet sich das theoretische Vermögen auf die Erkenntnis der wahren Welt. Für Bohrer ist die Theorie die Chiffre einer Gegenwelt, die er sich ausgedacht denkt. Er assoziiert die Theorie mit dem Theater. Dem Schleier der metaphysischen Tradition entspricht in Bohrers postmetaphysischem Denken der Vorhang. „Ja, die Theorie hatte, wenn sie wirklich eine Erfindung war, etwas Theatralisches.“ Bohrer blieb in England ein Zuschauer. Er füllte die Rolle des Korrespondenten brillant aus, weil er, seit er als Student Laurence Olivier auf der Bühne gesehen hatte, das Schauspielerische für den Schlüssel zum englischen Nationalcharakter hielt. Aus Westminster und Oxford berichtete er wie ein Theaterkritiker.

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