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Kafkas Nachlass Ein längst bekanntes Manuskript?

 ·  Vier Schließfächer in Zürich bergen seit Jahrzehnten ein Geheimnis, das die literarische Welt elektrisiert. Am Montag wurden sie geöffnet, über ihren Inhalt wurde nichts bekannt. Israel will erben, aber es ist nicht allein.

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Das Geheimnis ist gelüftet, aber es bleibt weiter geheim. Am Montag wurden in der Anwesenheit von israelischen Anwälten, Literaturwissenschaftlern und Manuskriptexperten in der Bank UBS an der Zürcher Bahnhofstraße vier Schließfächer geöffnet. Seit mehr als fünfzig Jahren ruhten in ihnen Teile des Nachlasses von Franz Kafka und Max Brod. Eisern schweigen alle Beteiligten bisher über den Inhalt. Die israelische Zeitung „Haaretz“ will dennoch erfahren haben, dass sich in dem Konvolut auch ein handschriftliches Manuskript einer bekannten und längst veröffentlichten Erzählung Kafkas befindet.

Zuvor hatte es schon Spekulationen darüber gegeben, dass in Zürich der Urtext von „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ liegen könnte. Einzelheiten nannte „Haaretz“ aber nicht, die als einzige israelische Publikation ausführlich über den seit Jahren andauernden Streit um das Erbe des Autors und seines Freunds Max Brod berichtet. Auch eine Sammlung von Zeichnungen des 1924 gestorbenen Autors aus Prag vermuteten Fachleute in dem Schweizer Tresor.

Bizarrer Streit um seine Hinterlassenschaft

Nur eine Tel Aviver Richterin soll demnächst Einblick in die detaillierte Aufstellung dessen bekommen, was sich tatsächlich in den Schließfächern in Zürich und weiteren Safes in zwei Tel Aviver Banken befindet, die zum Teil bereits geöffnet wurden. Denn die israelischen Erbinnen des Nachlasses von Max Brod, zu dem auch die Werke Kafkas gehören, hatten vor Gericht eine Nachrichtensperre über den Inhalt der Bankschließfächer beantragt. Die Zeitung „Haaretz“ legte Rechtsmittel dagegen ein, der Gerichtsbeschluss steht noch aus. Bis dahin halten sich jedoch alle Beteiligten mit der Preisgabe jener Informationen zurück, auf die die literarische Welt seit Jahren wartet.

Geheimnisvoll und bizarr wie vieles in Kafkas Werk bleibt deshalb der Streit um seine Hinterlassenschaft. Sein Freund Max Brod hatte sie in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Palästina gerettet. Dort vermachte der 1968 verstorbene Brod die Schriften und seinen eigenen Nachlass seiner Sekretärin und Vertrauten Esther Hoffe, die selbst vor drei Jahren gestorben ist. Als Erbinnen hatte sie ihre beiden Töchter Eva und Ruth eingesetzt, die inzwischen beide selbst schon über siebzig sind und endlich über ihr Erbe verfügen wollen.

Die Erbinnen wollen nach Marbach verkaufen

Eva Hoffe sollte in Zürich ebenso wie zuvor in Tel Aviv bei der Öffnung der Schließfächer zugegen sein. In Zürich verweigerte man ihr aber angeblich zu ihrer großen Verärgerung die Anwesenheit, als die Fachleute das Material sichteten. Anhand der Inventarlisten aus den Safes soll nun das Gericht in Tel Aviv endgültig entscheiden, was davon Privatbesitz der Erbinnen ist, den sie verkaufen können, oder ob sie alles der israelischen Nationalbibliothek überlassen müssen.

Die Anwälte der Nationalbibliothek und israelische Intellektuelle fordern, die Schriften in Israel der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Erbinnen neigen hingegen dazu, Teile des Nachlasses an das Literaturarchiv in Marbach zu verkaufen. Dort befindet sich auch das Manuskript von Kafkas „Prozess“, das Esther Hoffe schon 1988 versteigern ließ und auf das in Israel ebenfalls Ansprüche erhoben werden.

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20.07.2010, 18:28 Uhr

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