Also, sind da irgendwelche Magneten drin versteckt in diesen Büchern? So Jungsmagneten, die männliche Minileser magisch anziehen, wie von einer unsichtbaren Macht angesaugt, und sie dann hineinverschlingen in eine andere Welt? Es wirkt fast so, wenn eins dieser neuen Superhelden-Bücher auf einem Tisch oder auf dem Boden so herumliegt. Da kommen sie alle ran, die schon mit zwei, drei Jahren die Daumen-Zeigefinger-Bewegung des Bilderdehnens auf dem iPhone beherrschten und seitdem vor allem von kleinen Bildschirmen angezogen werden: sechsjährige, siebenjährige Jungs, die in der Pädagogik seit Jahren als die problematische Geschlechterhälfte in dieser Altersklasse gelten. Denn: Jungs lesen nicht. Das ist die Problemformel der ersten Schulklassen.
Klar, das war schon immer so, zumindest nach dem Klischee: Lesen ist was für Mädchen. Jungs haben anderes im Kopf. Für sie ist das Lesen Mühe, für Mädchen ist es Spaß. Und in der Tat ist die Lesekompetenz unter den Geschlechtern schon seit langem ungleich verteilt. Doch in den letzten Jahren ist die Schere immer weiter auseinandergegangen. Immer mehr Jungs verlieren schon in den ersten Lesejahren den Anschluss. Für sie ist das Lesen mühselig, langweilig, anstrengend, blöd; und die Probleme, die daraus folgen, potenzieren sich mit den Jahren. Den Jungs fehlt die Grundlage für fast alles. Und die Qual des Lesenmüssens ist der Basisärger und die Basishürde in fast allen Fächern.
Muskelmädchen als Heldinnen
Es fehlt vielen Jungs vor allem das Gefühl, dass Lesen Spaß machen kann. Dass es beim Lesen genau um die Dinge geht, die sie in diesem prägenden Alter am liebsten machen. Also: kämpfen, mit dem Schwert oder mit anderen Waffen, Superhelden-Geschichten nachspielen, mit Raumschiffen fliegen, Raumschiffe bauen. Die Kinderbuchverlage haben sich mit den Jahren auf diese - nun ja - Marktsituation eingestellt und immer mehr Erstlesebücher herausgebracht, die vor allem für Mädchen geschrieben worden sind. Also einerseits die klassischen Pferde-, Prinzessinnen- und Lotte-Bücher, aber andererseits natürlich auch immer mehr Geschichten mit den neuen Muskelmädchen als Heldinnen, die in den Büchern die klassischen Jungsrollen übernehmen.
Wie schon in dem Janosch-Klassiker „Löwenzahn und Seidenpfote“, von 1978, mit den traurigen Mause-Eltern, die sich so sehr Nachwuchsmäuse wünschen. Herr Mauser will einen Sohn, damit der endlich den frechen Fuchs weghaut und in seinem Männermäusetraum dem Fuchs schon mal drohend zuruft: „Der würde dich von der Erde pusten, dass du bis Hannover fliegst. Und zwar ohne Flugzeug, du Zwerg!“ Und Frau Maus will unbedingt ein Mäusemädchen, und das soll Seidenpfote heißen, „weil ein Mädel zart und lieblich sein muss. Und fleißig und klug.“ Als dann endlich tatsächlich Minimäuse auf die Welt kommen, kommt es natürlich genau umgekehrt: „Löwenzahn wuchs nicht und blieb klein und schmächtig. Dafür wurde er aber schlau. Seidenpfote wurde auch nicht zart und lieblich und schon gar nicht wollte sie nähen. Aber sie wurde mutig und verwegen wie ein Räuberhauptmann.“
„Nur für Jungs“
Die Geschlechterrollen wurden in den Kinderbuchjahren darauf kräftig durcheinandergewirbelt, und das Prinzip Seidenpfote - also Mädchen als Muskelmäuse und Jungs als schmächtige Schlaumeier mit Hang zur Handarbeit - wurde das bestimmende Prinzip in vielen neuen Büchern. Ein sich selbst bestätigendes System. Das mit Sicherheit zu der abnehmenden Leselust und Lesekompetenz der Jungs beigetragen hat.
Das soll jetzt anders werden. Zum Beispiel mit den oben erwähnten Magnet-Büchern, die von der kommenden Woche an als Serien-Bücher im Verlag S. Fischer erscheinen. Die Serie heißt ausdrücklich „Nur für Jungs“, was in der Welt der Muskelmädchen und Geschlechternivellierung schon mal eine Provokation an sich darstellt. Der Fischer-Verleger Jörg Bong schreibt in einem Text, der die neue Buchreihe begleitet: „Kann es sein, dass gerade im überspannten Bemühen, auch aus der Vorstellungswelt von Kindern ,die Gewalt’ strukturell zu verbannen, inzwischen auch die Geschichten nicht mehr erzählt werden können, die gerade Jungs so faszinieren, dass sie sich dem Abenteuer des Lesens aussetzen?“
Die Interessewelten der sechs- und siebenjährigen Jungs von heute, schreibt Bong, seien geprägt von Filmwelten wie „Star Wars“, „Fluch der Karibik“, von Spiderman und Superman, und zwar lange bevor die Kinder die entsprechenden Filme kennen. Die Mythen populärer Kultur der letzten Jahrzehnte haben sich längst verselbständigt und führen ein Eigenleben in den Kinderköpfen, sie sind ein Sprungbrett für die eigene Superhelden-Phantasie. Und spätestens seitdem es bei der marktführenden Textilkette „Hennes und Mauritz“ kaum noch superheldenfreie Jungskleidung gibt, sind die Muskelmänner in dieser Welt ohnehin allgegenwärtig. Und Jungs, die im frühen Alter besonders unauffälligen Muskelwuchs haben, können sich seit einiger Zeit mit extra Muskelkostümen mit Schaumstoffverstärkungen an den richtigen Stellen als Spiderman auch in faschingsfreier Zeit optisch in Superform bringen.
Abschied von den Klassikern
Und jetzt gibt es also die Bücher dazu. Natürlich gibt es Superhelden-Bücher seit Ewigkeiten. Diese neuen Bücher sind aber für Erstleser konzipiert. Nicht als Leselernbücher, sondern für die zweite und dritte Klasse, also die klassische Zeit des ersten Selberlesens. Der erste Band heißt „Superman - Der Meteor des Verderbens“. Die Bücher sind 2010 zuerst in Amerika erschienen. Leo H. Strohm hat sie übersetzt. Und Eltern, die das Buch so zum Anfang vielleicht erst mal vorlesen wollen, werden daran keinen großen Spaß haben. Bekannte Superman-Episoden werden hier auf ein Minimaß an Geschichte kondensiert. Die Sprache ist einfach, die Schrift sehr groß, die Spannung für Profis minimal.
Das ist jetzt eine harte Zeit, gerade auch für Extremvorlese-Eltern. Denn es heißt erst mal Abschied nehmen von den klassischen Vorlesebüchern wie „Pettersson und Findus“, den tollen Tierhelden von Axel Scheffler, auch erst einmal vom großartigen Ritter Trenk und seiner Freundin Thekla von der Autorin Kirsten Boie. Gerade der zwischenzeitliche Abschied von Trenk fällt schwer, auch weil es Boie in ihren Büchern gelungen ist, ganz unangestrengt einen Jungen und ein Mädchen als Helden nebeneinanderzustellen, ohne dem kleinen Ritter Trenk sein Schwert aus der Hand zu nehmen.
Ein Riesenerfolg scheint fast unausweichlich
Aber Trenk ist ja nicht aus der Welt. Das werden die Kinder - Jungs und Mädchen - bald wieder ganz von selbst zur Hand nehmen. Aber fürs erste selbständige Lesen ist es nichts. Für diese Phase braucht es einfache, klare, kurze Geschichten, aufregende Bilder auf den Seiten. In den vorliegenden Büchern wird der Text immer mal wieder mit grafischen, großen, bunten Comic-Wörtern unterbrochen: „KNIRSCH! Der erste Angreifer krachte mit voller Wucht gegen Supermans Brust. Doch er prallte einfach ab und seine Rüstung wurde zerbeult wie eine Blechbüchse. Superman schwankte nicht einmal.“ Er schwankt nie. Spannungsbögen sind hier nur winzige Bögelchen. Jede Gefahr wird in Supergeschwindigkeit aus der Welt geschafft. Am Ende gibt es - so viel Pädagogik muss sein - noch ein Leserätsel, einen Erklärungsindex für schwierige Wörter (“Genie: Ein besonders kluger Mensch. Redaktionsraum: Hier arbeiten die Reporter der Zeitung“) und Meinungsfragen wie diese: „Lex Luthors größtes Ziel ist es, Superman endlich zu besiegen. Warum ist ihm das so wichtig?“ Und nur die mysteriöse Frage, warum eigentlich der Reporter Clark Kent nie da ist, wo Superman auftaucht, die wird nicht gestellt.
Mal sehen, ob die Bücher ein Erfolg werden. Erste subjektiv-empirische Jungsbefragung in kleinstem Kreis lässt einen Riesenerfolg fast unausweichlich erscheinen.
Neue Welten entdecken
Vielleicht so groß, wie der märchenhafte Erfolg, der den Verlag Dorling Kindersley vor einigen Jahren völlig unerwartet ereilte, als man dort beschlossen hatte, das „Lego Star Wars Lexikon der Minifiguren“ herauszubringen. Mit zwei- bis dreitausend Exemplaren hatte man zunächst kalkuliert. Inzwischen wurden allein in Deutschland 320.000 Bücher verkauft. Es ist eines der populärsten Kinderbücher der letzten Jahre. Auf den ersten Blick kann man es nicht fassen. Die ersten Seiten sind gestaltet wie ein Lego-Katalog, mit den Seriennummern der einzelnen Bausätze und den Lego-Packungen dazu.
Aber dann kommen die Geschichten. Und die sind einfach so liebevoll, zugleich lexikalisch und lustig beschrieben, dass es eine Riesenfreude ist, das zu lesen. Außerdem können da auch Erwachsene mit „Star Wars“-Wissenslücken durchaus Wesentliches noch nacharbeiten. Vor allem aber vermittelt die Lektüre dieses Buches so etwas wie eine Simulation der Freude, die die Lego-Figuren-Entwickler empfunden haben müssen, als sie diese Figuren entwarfen. Wenn Han Solo so eingeführt wird: „Han Solo ist ein Schurke und Halunke. Schlimmer noch: Prinzessin Leia nennt ihn widerwärtig.“ Am Mund der Figur ein Hinweispfeil und die Worte: „Selbstgefälliges Grinsen.“ Daneben dann ein schwarzer Lego-Block mit Schemenschurken, dazu die Beschreibung: „Han Solo in Karbonit eingefroren.“
Der Mythos „Star Wars“, der in der Kinder- und vor allem Jungswelt als Lego-Welt neu erfunden wurde, findet hier endlich den Anschluss zur wahren, zur ursprünglichen Geschichte. Und das nicht nur als Lego-Lexikon, sondern auch als Erstlesebücher mit den echten Filmbildern und kurzen Geschichten unter so einladenden Titeln wie „Ich will ein Jedi werden“. Die Bücher sehen großartig aus, auf jeder Doppelseite wird ein Begriff der „Star Wars“- Welt erklärt, und es gibt jede Menge Leuchtschwerter. Mindestens 150.000 Mal hat sich jeder dieser Bände in kürzester Zeit verkauft. Und die „Stiftung Lesen“ empfiehlt sie als Erstlesebücher. Auch wenn das manchen Eltern vielleicht nicht so gut gefällt.
Lesen, das ist: sich selbst wie schwerelos von einer Liane zu einer anderen zu hangeln. Neue Welten zu entdecken auf der hellen Seite der Macht. Dafür braucht es am Anfang einen kräftigen Schubs. Und dann kommen Mühelosigkeit und Freude wie von selbst.
Kleine Leser dieser Bücher entwickeln Superkräfte wie von selbst. Zumindest im Lesen.
Hauptsache, keine Rollenfixierung
Björn Hiemer (bhiemer)
- 08.08.2012, 11:24 Uhr
Heldinnen
Katja Schaffrath (Schaffi2012)
- 08.08.2012, 10:37 Uhr
helden tuen gut
Armin Geißler (navras)
- 08.08.2012, 10:12 Uhr
Genau so ist es, aber
Karl Altmann (Sahrib)
- 08.08.2012, 10:11 Uhr
Jungen werden benachteiligt und umerzogen
Wolfgang Tibianski (woffi22)
- 08.08.2012, 09:20 Uhr