17.02.2006 · Bücher wiederzulesen war Zeitverschwendung. Nur Märchen mußten wiederholt werden, bis zum Exzeß, vor allem „Brüderchen und Schwesterchen“ von den Brüdern Grimm.
Es gibt so etwas wie Vater- und Mutter-Märchen. Wenn mein Vater mir vorlas, am Bett unter der Dachschräge, in meinem Reich, dann waren das immer Märchen von Wilhelm Hauff: „Das Wirtshaus im Spessart“, „Die Geschichte von der abgehauenen Hand“, „Der kleine Muck“ und natürlich „Das kalte Herz“.
Sie funktionierten nur mit der Vater-Stimme, und der Schauer war jedesmal so groß, wenn im „Kalten Herz“ der Holländer-Michel seinen kühlen Stein eintauschen wollte gegen ein pochendes Ding: „Warum soll denn ein Herz warm sein? Im Winter nützt dir die Wärme nichts, da hilft ein guter Kirschgeist mehr als ein warmes Herz, und im Sommer, wenn alles schwül und heiß ist - du glaubst nicht, wie dann ein solches Herz abkühlt.“ Das durfte niemand anderes lesen. Unser beeindruckender Berg an Hörkassetten war nichts dagegen.
Bis zum Exzeß
Die Andersen- und Grimm-Märchen gehörten der Stimme der Mutter. Auf die Wiederholung kam es an. Bücher wiederzulesen war Zeitverschwendung. Besser war etwas Neues. Nur Märchen mußten wiederholt werden, bis zum Exzeß, vor allem „Brüderchen und Schwesterchen“ von den Brüdern Grimm. Da waren erst mal die Eltern tot, und komischerweise war es genau das, was wir draußen im Garten immer spielten: Die Eltern sind tot, und wir müssen uns allein durchschlagen, uns alleine ernähren, so daß wir ganze Nachmittage lang Unmengen von Sauerampfer aßen und abends magenkrank in die Betten fielen. Wir überlebten immer. Das war das Spiel.
Wenn in „Brüderchen und Schwesterchen“ die böse Stiefmutter die Quellen vergiftet und das Brüderchen in ein Reh verwandelt, bindet das Schwesterchen dem Reh sein goldenes Strumpfband um den Hals und verspricht, es nie mehr zu verlassen. Doch will das Reh frei sein, will im Wald herumlaufen, obwohl doch dort die Jäger sind. Das war die schönste, wichtigste und traurigste Stelle: Wo das Schwesterchen das Brüderchen gehen läßt, damit es „lustig sein kann an freier Luft“. Ich habe das Brüderchen sehr oft gehen lassen. Jeden Abend, immer wieder.