16.03.2006 · In Leipzig wird derzeit wieder die Vielfalt der Kinderliteratur gefeiert - während eine Buchserie ein Millionenpublikum jenseits von Qualitätsansprüchen fasziniert. Warum „Die wilden Fußballkerle“ so erfolgreich sind.
Von Monika OsberghausWenn dieser Tage wieder alles, was Leseförderung betreibt, in Leipzig zusammenkommt und dies tatsächlich auch mit lesehungrigem jungem Publikum, dann ist das sicher beruhigend für alle, die sich um die Lage des Lesens im Lande sorgen. Der Wirklichkeit entspricht es nicht. Mit der Vielfalt des Angebots ist es auf den Buchhandelstischen nicht weit her, mit der Lesebereitschaft der meisten Kinder noch weniger. Was aber tatsächlich gekauft und gelesen wird, braucht keine Förderung.
Einer, der die Kinderbuchlandschaft der letzten Jahre entscheidend mitgeprägt hat, kommt zum Beispiel gar nicht erst nach Leipzig; er hat derzeit Wichtigeres zu tun. Joachim Masannek, Autor und Drehbuchautor, Erfinder und Trainer der „Wilden Fußballkerle“, ist unterwegs und wirbt für seinen dritten „Wilde Kerle“-Film, der vor zwei Wochen angelaufen ist und bereits Zuschauerrekorde bricht. Wenn Masannek zusammen mit den jungen Darstellern, zu denen auch seine beiden Söhne gehören, bei einer Filmvorführung erscheint, kreischen die Kinder wie bei einem Konzert der Gruppe „Tokio Hotel“. Auf dem Messestand in Leipzig ginge es ruhiger zu.
Die „Wilden Fußballkerle“ erobern zwar die Welt, wie der Umschlag des neuesten Bandes verkündet, machen dabei um Ostdeutschland aber noch einen Bogen. Dies Schicksal teilen sie allerdings mit vielen Titeln; für die Kinderbücher ist die Mauer noch nicht gefallen. Sie bröckelt nur langsam.
Eine neue Farbe im Kinderbuch: schwarz
Im Westen der Republik aber hat Joachim Masannek eine neue Farbe ins Kinderbuch gebracht: Schwarz. Auch wenn die Buchhändler zunächst dagegen waren, haben sie inzwischen wohl alle Platz eingeräumt für den schwarzen Block der bislang dreizehn Bände. Rund zweieinhalb Millionen Exemplare sind in vier Jahren verkauft worden. Erwachsene ohne Kinder nehmen das Phänomen nicht wahr. Erwachsene mit Kindern freuen sich, wenn diese lesen, und kümmern sich selten um das, was zwischen den Buchdeckeln steht. Wie bei „Harry Potter“ sind es auch hier die Kinder selbst gewesen, die den Erfolg der Bücher ins Rollen gebracht haben, gefolgt von einer Merchandising-Kampagne, die im Gegensatz zu der mit den Potter-Produkten prächtig funktioniert.
An der Farbe Schwarz kann es nicht liegen; die ist im Kinderbuchhandel eigentlich ein Todesurteil. Joachim Masannek hat aber passend zur Farbe auch einen neuen Ton in die Kinderbuchwelt gebracht. Auf ihn haben offenbar vor allem die Jungen nur gewartet, denn sie - die großen Sorgenkinder der Leseförderer - sind Masanneks eifrigste Leser. Man kann diesen Ton mit der Lieblingsvokabel der Helden wohlwollend als „wild“ bezeichnen. Tatsächlich ist die Sprache, mit der sich die kleinen Fußballhelden durchschlagen und mit der Masannek von ihren Schlachten erzählt, voller Klischees, Wiederholungen und rhetorischer Gemeinplätze.
Am Schluß ein Schlenker ins Korrekte
Wer nach Trivialem im Kinderbuch sucht, braucht nur eine beliebige Seite eines beliebigen Bandes der Serie aufzuschlagen und hat schnell die komplette Liste beisammen. „,Hi!' grinste das Mädchen mit der glasklaren Stimme, die wie Wasser über Sandpapier floß. ,Schön, daß ihr da seid. Ich heiße Lissi. Lissssiih, die aus der Hüfte schießt', zischte und grinste sie wie eine Schlange.“ Sätze wie diese füllen die Seiten, und man muß zusehen, daß man zwischen all den rhetorischen Hülsen noch etwas von der Handlung mitbekommt. Am phantasievollsten sind noch die Schimpfereien und Flüche, aber nach der fünfzehnten „Hühnerkreuzkümmelnden Kümmelkacke“ hat man auch davon genug. Seine Lektorin, sagt Masannek, rede ihm schon lange nicht mehr rein.
Inhaltlich geht es in jedem Band hauptsächlich darum, daß die „Wilden Fußballkerle“ (eine Mannschaft, die tatsächlich in München existiert und in der auch die beiden Söhne des Autors von diesem trainiert wurden) irgendeine Herausforderung zu bestehen haben. Sie siegen am Ende immer, müssen aber vorher oft Niederlagen einstecken und Fehler eingestehen, aus denen es dann zu lernen gilt. Die Tugenden dieser Mannschaft sind Teamgeist, Fair play, Aufrichtigkeit, Anstrengung, Selbstbewußtsein und Kampfesmut. Das sind löbliche Werte, wie man sie im Fußball und im richtigen Leben schätzt. Die Handlung der „Wilden Fußballkerle“ tippt sie stets gegen Ende eines Spannungsbogens kurz an.
Zuvor geht es um so ausgiebiger um die spannungsantreibenden Konfrontationen. Diese - vergleichsweise langen - Passagen haben oft wenig mit Fußballspielen zu tun und sind voller Häme, Aggression, Gewaltphantasien und -androhungen. Kinder, die eine sadistische Ader haben, und das sind wohl die meisten, werden gut bedient. Die korrekten Schluß-Schlenker nehmen sie dann auch noch mit. Da die Handlungskurve wie ein Flummi auf und nieder hüpft, überliest man sie in der Eile aber auch gern.
Mischung aus blindem Aktionismus und Resignation
Noch vor zwanzig Jahren hätte weniger ausgereicht, um große Empörung auszulösen. Die Kampagne gegen Schmutz- und Schundliteratur wurde in den fünfziger Jahren geführt, aber für die „Wilden Fußballkerle“ wäre sie - zumindest von den frauenbewegten Buchhändlerinnen - auf kleinerer Flamme wieder aufgewärmt worden. Doch im Lager der Leseförderer und -innen bleibt alles still. Eine ernsthafte Kritik gab es an der Serie noch nicht, wohl auch deshalb, weil kaum ein Erwachsener die Bücher liest. Wer immer sich professionell mit Kinderliteratur beschäftigt, wendet sich nach ein paar Seiten mit Grausen ab und lieber wieder den poetischen, ernsten, klugen Kinderbüchern zu, die vorzugsweise von ernsten, klugen Mädchen gelesen werden. Allerdings in kleineren Auflagen.
Pisa-Schock und Lesemisere haben bei den damit befaßten Erwachsenen zu einer Mischung aus blindem Aktionismus und Resignation geführt. Kinder, die nicht gerne lesen, werden mit allen möglichen Verrenkungen dazu überredet. Lesen sie aber, dann gilt das an sich schon als Tugend. Die Qualität der Lektüre ist zweitrangig. Man ist froh, wenn die kleinen Jungen, sonst große Lesemuffel, zu Joachim Masanneks Büchern greifen. Die Frage, warum sie das tun, stellt dann kaum jemand mehr.
Der Erfolg zeigt, was fehlt: eine gekonnte Boulevardschiene
Dabei haben sie gute Gründe: Die Bücher erzählen ihnen von Gegenwart, Zugehörigkeit, Männlichkeit, Wettbewerb. Jungen, sagt Joachim Masannek, leiden unter der Übermacht der Frauen in ihrem Alltag. Lehrerinnen, Erzieherinnen, Mütter - alle pochen bei Konflikten auf Friedfertigkeit, bei Spielen darauf, daß „keiner verliert“ und daß keine Waffen benutzt werden. Jungen aber messen sich gerne, gewinnen gerne, interessieren sich für Waffen - und tun dies alles gern zusammen mit Gleichgesinnten, ohne ständige Kontrolle ihrer Worte und Taten.
Mit den „Wilden Fußballkerlen“ kann etwa der einzige Sohn einer alleinerziehenden Mutter dies alles ausleben - wenn auch leider auf einer sehr trivialen Ebene. „Vielleicht müssen sie dann später nicht gewalttätig werden“, meint Masannek. Grundsätzlich verweist er die Erwachsenen in seinen Geschichten hinter die Außenlinie des Geschehens, doch die Väter spielen zuweilen eine größere Nebenrolle - als Sehnsuchtsziel. Wichtig ist auch, daß der Leser mit dieser Lektüre nicht in Zauberwelten versinkt. Sie werden zwar von Band zu Band unrealistischer - aber Ausgangspunkt der Geschichten sind Alltag und Gegenwart.
Der immense Erfolg der „Fußballkerle“ spricht nicht in erster Linie für sie, sondern sagt viel mehr darüber aus, was fehlt. Es ist dasselbe, was auch dem Kinderfilm und dem Kindertheater fehlt: eine Boulevard-Schiene, die den Kindern zwischen den Extremen der anspruchsvollen und pädagogisch wertvollen Produkte und dem lieblos zusammengestoppelten Mainstream etwas über ihr Leben im Hier und Heute erzählt, lässig, lustig und trotzdem nicht doof. Christian Bieniek, der Autor, der dies konnte, ist im vorletzten Jahr viel zu früh gestorben. Wo sind seine Nachfolger?