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Höflich und wohlerzogen : Jugend ohne Plot

Die Schriftstellerin und Journalistin Ronja von Rönne Bild: Holger Talinski/laif

Jung zu sein: Ist das eine Störung, die man heilen kann? Ronja von Rönnes erster Roman „Wir kommen“ erzählt von einem trotzigen Sommer.

          Als Ronja von Rönne schlagartig, wie man so sagt, berühmt wurde vor etwa einem Jahr, zumindest bekannt oder berüchtigt, wie viele fanden; als also in der „Welt am Sonntag“ die junge Autorin einen Text veröffentlichte, welcher, ohne sich mit Begründungen lang aufzuhalten, behauptete, dass Feminismus eklig sei, eine Weltanschauung für Zurückgebliebene und Verlierer; als daraufhin in den sozialen Netzwerken, wo diese Fragen verhandelt werden, so mancher Mann die Telefonnummer der Autorin wissen wollte und so manche Frau, wann sie ihre Tassen zurückräumen werde in den Schrank; als schließlich der Sommer kam und Ronja von Rönne beim Bachmann-Preis in Klagenfurt einen eher stillen, konzentrierten Text vorlas, in welchem es um den schlimmen Morgen nach einer schlimmen Nacht ging, einen Text, den die Jury zum Anlass nahm, sich heftig zu blamieren, schon weil ihr, außer einem fast schon wieder historisch gewordenen Roman von Christian Kracht, kein Referenzpunkt, kein Kriterium, kein Maßstab zur Verfügung stand, was ja, 32 Jahre nach Rainald Goetz’ Auftritt am selben Ort, besonders hilflos wirkte; als also die Aufregung groß war um diese Autorin, da fragte sich der Leser naturgemäß, wer diese Ronja von Rönne sei: Eine Journalistin, die es auch mal mit der Literatur versuche? Oder eine Schriftstellerin, die halt auch mal für die Zeitung schreibe?

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass das egal sei, solange die Zeitungsartikel interessant und die Prosatexte lesenswert seien: Das ist eine Antwort, die naheliegt – die aber von zu wenig Kunstsinn zeugt. Dass sie ihre seltsamen Meinungen zum Feminismus nur mal ausprobiert habe, so wie man einen Mantel anprobiert, sagte später, scheinbar kokett, Ronja von Rönne – und vermutlich lag da tatsächlich eine Art Verwechslung vor.

          Meinungen zum Ausziehen?

          All die Meinungen, die einem im Journalismus so auf den Geist gehen, weil ihnen zu wenig Gedanken vorausgegangen sind, all die schnellen, bösen, ungerechten, idiosynkratischen, völlig haltlosen und unbegründeten Meinungen und Beschimpfungen, sind in der Literatur eine wunderbare Strategie. So eine Meinung, hineingeschrieben in einen Prosatext, kann Seiten voller Psychologie und feinsinniger Charakteristik ersetzen. So eine Beschimpfung schafft ein scharfes Bild, vom Beschimpften und vom Schimpfenden, und stellt verbindliche Verhältnisse zwischen den beiden her.

          Das Meinen und das Schimpfen haben eine große, wunderbare Tradition in der deutschsprachigen Literatur – aber wenn man Thomas Bernhardsche Sätze vor Augen hat oder den Zorn und die Unversöhntheit des jungen Rainald Goetz noch im Ohr: dann ist man fast erstaunt darüber, wie höflich, fast schon wohlerzogen jetzt die Romanautorin Ronja von Rönne klingt, wenn ihr Text schimpft, meint, zurückweist und nein sagt. „Wir kommen“ heißt das Buch, was eher das Genre als die Handlung beschreibt. „Ich gehe“ könnte es genauso gut heißen, und das Ich, das da spricht, heißt Nora und kann sich nicht dagegen wehren, wenn Leser es mit der Autorin verwechseln.

          Ronja von Rönne: „Wir kommen“
          Ronja von Rönne: „Wir kommen“ : Bild: Aufbau Verlag

          Nora schreibt auf, was sie erlebt, und vor allem, was sie nicht erlebt, weil der Therapeut ihr das empfohlen hat. Das Buch behauptet also, eine Art Tagebuch zu sein, ein Bericht für den Mann, der Nora von ihren Panikattacken befreien soll, die sie fast jeden Morgen überfallen, wie man sagt.

          Man kann, wenn das klar ist, das Buch gleich wieder zuklappen – falsch verbunden, ich bin Leser und kein Arzt, ich kann diesen Text nicht heilen. Man kann das aber auch als ziemlich gut brauchbare Konstruktion betrachten, um vom Jungsein zu schreiben, ohne literarischen Jugendschutz für sich zu beanspruchen. Hier spricht ein Ich zu einem älteren Leser, dem es sich erklären und gegen den es sich zugleich behaupten will. Hier wartet ein Leser, dem die Sprache bloß ein Vehikel ist zur Beschreibung von Sachverhalten, die außer ihr liegen.

          Nette Idioten und alte Säcke

          Aber es spricht ein Ich, das schon die Wörter und Sätze als Tatsachen begreift, als Bausteine einer Welt, in der Nora fremd ist und fremd bleiben will, schon weil sie nicht so alt und verbraucht und so grundsätzlich falsch sein will, wie sie, anscheinend, die Welt, die aus diesen Wörtern gebaut ist, empfindet. Das ist, als Grundkonflikt, nicht unbedingt neu, Karl Marx, als er jung war, hat es so beschrieben: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“

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