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Jürgen Habermas über Kenichi Mishima : Er zeigt auf unseren blinden Fleck

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Der geehrte Gelehrte: Kenichi Mishima Bild: Tim Wegner/laif

In Kenichi Mishima begegnet uns ein Literaturwissenschaftler und ein Philosoph, ein Sozialwissenschaftler und ein Historiker politischer Ideen und in allem der Komparatist, der vergleichende Kulturwissenschaften betreibt. Dieser Gelehrte macht die Welt bewohnbarer - sagt Jürgen Habermas in seiner Laudatio.

          Ich erinnere mich an eine merkwürdige Erfahrung im Jahre 1982, während meiner ersten, sehr aufregenden fünf Wochen in Japan. Als ich in dieser undurchdringlich fremden, damals noch sehr förmlichen kulturellen Umgebung mit einem fließend Deutsch sprechenden Kollegen, Kenichi Mishima, ins Gespräch kam, durchzuckte mich der Gedanke: Der spricht ja besser Deutsch als wir. Nicht phonetisch, aber in den komplexen grammatischen Formen hörte ich ein literarisch gehobenes, ein gezirkeltes Thomas-Mann-Deutsch, dem noch etwas von der Distanz des Schriftlichen anhaftete, das aber im kolloquialen Fluss des gesprochenen Wortes seine natürliche Eleganz entfaltete.

          So perfekt konnte zwar nur einer sprechen, der nicht in dieser Sprache aufgewachsen war - aber wie konnte es ein Ausländer zu dieser Perfektion bringen?

          Nicht nur diese Naturbegabung hat Kenichi Mishima im interkulturellen Diskurs zu einer Ausnahmeerscheinung gemacht. Gleichviel, zu wem und über welches Thema er in aller Welt spricht, er tut es immer auch als Japaner, und zwar in dem hochreflektierten Bewusstsein, dass niemand aus seiner kulturellen Haut heraus kann; aber ich bin bisher keinem Japaner begegnet, der sich unter uns Europäern, besonders unter uns Deutschen, intellektuell so bewegt, als stecke er in unserer Haut.

          Der Laudator Jürgen Habermas
          Der Laudator Jürgen Habermas : Bild: Helmut Fricke

          Kein selbstkritischer deutscher Intellektueller hätte beispielsweise bei einer Veranstaltung zur fünfzigsten Wiederkehr des 8. Mai 1945 aus intimerer Kenntnis und in engerer Tuchfühlung mit den kulturellen Verwerfungen der jüngeren deutschen Geschichte eine genauere Rede auf die mentalen Entwicklungen der alten und der damals beginnenden neuen Bundesrepublik halten können als Mishima.

          Keiner von uns hätte wortgewaltiger die selbstbewusste Normalität des Alltags als Kern einer subversiven Demokratie feiern können - Stichwort: „Der Nexus von großer Kunst und großer Politik ist gerissen.“ Und doch wäre es nicht dieselbe Rede geworden, wenn, bei aller Übereinstimmung im Tenor, Heinrich Böll oder Günter Grass die Redner gewesen wären.

          Gefehlt hätte nämlich der herbe Stich des Blickes von außen. Denn Mishima mokiert sich bei dieser Gelegenheit auch über unseren ethnozentrischen Aufklärungsstolz: „Damit reklamieren sie die europäische Aufklärung für sich. Die Beschlagnahmung geistiger Güter ist aber immer problematisch, wenn sie aufgrund einer gemeinsamen Sprache vollzogen wird.“

          Auf Zivilisationspfaden

          Wir feiern jetzt nicht nur den demokratischen Intellektuellen, der im Nachkriegsjapan bis heute seine kritische Stimme gegen die Gebildeten unter den Verächtern der Moderne erhebt. Denn lernen können wir nicht nur von dem intellektuellen Zeitgenossen, der uns hinsichtlich der mentalitätsbildenden Diskurse im Nachkriegsjapan und im Nachkriegsdeutschland über Parallelen und Unterschiede unterrichtet. Belehrt werden wir erst recht durch den Gelehrten. Doch hier ist Vorsicht geboten.

          Der Umstand, dass der japanologische Fachbereich der Freien Universität heute einen Kollegen ehrt, könnte den Eindruck erwecken, Mishima würde für seine großen Leistungen auf dem Gebiet der japanischen Deutschlandstudien und als der geniale Vermittler zwischen unseren Kulturen ausgezeichnet. Das mag schon so sein, und diese Verdienste will ich nicht schmälern. Ich weiß nur, dass kein disziplinär eingeschränktes Urteil der Substanz und der Wirkung von Mishimas verzweigtem Opus gerecht werden kann.

          In dieser einen Person begegnen uns nämlich ein Literaturwissenschaftler und ein Philosoph, ein Sozialwissenschaftler und ein Historiker politischer Ideen und in allem der Komparatist, der vergleichende Kulturwissenschaften betreibt. Diese fachübergreifenden Interessen kreisen allerdings um einen Fokus, um die kulturellen Bedingungen der gesellschaftlichen Modernisierung, für die Max Weber Mishima die Augen geöffnet hat. Seit einigen Jahren gehört Kenichi Mishima dem internationalen Beirat des Instituts für Sozialforschung an; auch wenn diese Rolle eher dekorativer Natur sein sollte, beflügelt sie meine Phantasie.

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