26.01.2006 · Colombine, eine Wäscherin ausschließlich weißer Wäsche, erliegt den bunten Verlockungen des fahrenden Malers Harlekin. Michel Tourniers „Pierrot oder Die Geheimnisse der Nacht“: ein kleines Meisterwerk über den Narzißmus.
Pierrot hat seine Bäckerei aus Liebeskummer geschlossen. Colombine, die er seit der gemeinsamen Schulzeit liebt, arbeitet als Wäscherin. Sie wäscht und bügelt ausschließlich weiße Wäsche - bis sie eines Tages der fahrende Maler Harlekin mit den Verlockungen seiner bunten Farben zu verführen versteht. Colombine folgt ihm. Zwar ist das Leben anderswo weniger farbig, als ihr der Künstler vorgegaukelt hat. Doch lange bleiben Pierrots Liebesbriefe ungelesen und unbeantwortet.
Auch die Romane, die Michel Tournier für Erwachsene schreibt, sind Märchen und handeln von Mythen: Im „Erlkönig“ geht es um den Menschenfresser (und den Faschismus), in „Freitag“ um den wilden Robinson und die Zivilisation, in „Les Météores“ um den Archetypus Zwillinge (die erst durch den Bau der Berliner Mauer getrennt werden). Tournier hält Selma Lagerlöf und Charles Perrault für die besten Dichter und seine eigene Prosa für um so besser, je jünger ihre Leser sind.
Triumph der Bilder
Bei Pierrot und Colombine geht es um den Gegensatz von Tag und Nacht, während der der Bäcker arbeitet und auflebt. Sie ist nicht schwarz, sondern blau - blau wie der Schnee. Eindrücklich ist ihr Reiz beschrieben. Tournier wendet bei aller Schlichtheit der Dramaturgie sehr raffinierte Erzähltechniken an. Er beantwortet schließlich sogar die Frage, warum im berühmtesten französischen Kinderlied „Au clair de la lune“ Pierrot im Mondschein dem Freund für ein Weilchen seine Feder leihen soll.
Es ist dann doch nicht der Triumph der wahrhaftigen Worte über die trügerischen Farben der Bilder, der zum glücklichen Ende führt. Pierrot hat Colombine gebacken, mit goldbrauner Rinde holt er sie aus dem Ofen. Sie ist entzückt von ihrem Ebenbild in Butterkuchen. „Schmeck' ich aber herrlich“, freut sie sich, und die erotische Anspielung ist so deutlich, wie es sich für die Gattung noch immer gehört: „Eßt mich!“ Das Märchen ist ein kleines Meisterwerk über den (weiblichen) Narzißmus. In der Logik seiner eigenen Maßstäbe ist es auch das beste Buch von Michel Tournier, den Mitterrand für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen hatte; ab sechs Jahren.