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Joshua Cohens neuer Roman : Californication für Fortgeschrittene

Wie wurde aus der Gegenkultur der Hippies die Generation Hightech? Joshua Cohens Roman kennt die Antwort. Bild: Getty

Joshua Cohens verrücktes „Buch der Zahlen“ könnte der bislang wichtigste Internet-Roman unserer Zeit sein: eine Art „The Circle“ für Menschen mit Gehirn.

          Dass Joshua Cohen zu den wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren zählt, hat sich inzwischen auch in Deutschland herumgesprochen. Aber welch überragende Bedeutung er für die literarische Reflexion der von Amerika über die ganze Welt gekommenen Internetgegenwart hat, das ist vielleicht für manche noch zu entdecken. Sein 2015 erschienener und nun übersetzter Mammut-Roman „Book of Numbers“ bietet dafür die beste Gelegenheit und wird keinen Zweifel mehr daran lassen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Um eine erste Einordnung dieses Romans zu geben, könnte man sagen: Er ist so etwas wie „The Circle“ für Leute mit Gehirn. Immerhin, Dave Eggers hat es mit seinem Buch vielleicht geschafft, mehr kritische Aufmerksamkeit gegenüber dem großen Google zu erzeugen. Doch Joshua Cohens Roman lässt die reichlich plakative und geheimnislose Fiktion von Eggers schon auf den ersten hundert Seiten weit hinter sich: Er ist so viel witziger, schärfer, überraschender, spannender – und mit über siebenhundert Seiten freilich auch komplexer. Im Grunde enthält er gleich mehrere Bücher.

          Aber der Umfang muss hier, im Gegensatz zu vielen anderen postmodernen Romanen, nicht abschrecken. Und er erscheint sofort gerechtfertigt, wenn man noch dazu sagt, was dieser Roman vorhat. Nicht weniger nämlich, als die Geschichte des Personal-Computers von etwa 1971 bis 2011 zu erzählen und alle Revolutionen und Niedergänge, die damit verbunden sind: Programmiersprachen, Hardware, Software, E-Mail, Suchmaschinen, Kabellosigkeit, Cloud, New Economy, Buchkrise, Zeitungskrise, Überwachungskrise.

          Joshua Cohen

          Wer nun denkt, das würde eine recht trockene Schilderung, liegt falsch. Denn Joshua Cohen erzählt das nicht anhand eines allwissenden Chronisten, sondern maximal perspektiviert. Um die Ambivalenz des Netzzeitalters in krassesten Gegensätzen auszustellen, hat er sich eine Doppelgängerfiktion einfallen lassen, die an Motive der Romantik, Nabokov oder auch Philip Roth erinnern mag: Das Buch handelt von zwei etwa gleichalten Männern, geboren Anfang der siebziger Jahre, deren Leben sich nicht unterschiedlicher hätten entwickeln können. Der eine wird Computer-Guru und Chef eines großen Unternehmens, das hier „Tetration“ heißt, der andere Schriftsteller jüdischer (Familien-)Geschichten, Ghostwriter von Erzählungen Holocaustüberlebender, freier Journalist. Und beide tragen den Namen ihres Erfinders: Joshua Cohen. Welcher Figur der Autor nähersteht, ist nicht schwer zu erraten, auch weil es einige biographische Parallelen gibt. Aber vom jüngst so gehypten Genre des Memoir ist das Buch denkbar weit entfernt, es ist vielmehr die Parodie des Memoir-Kults.

          Die Schriftstellerfigur liefert die Rahmenerzählung des Buches, zurückblickend am Ende des Jahres 2011 – und diese Figur ist von Grund auf angeekelt von dem, was sich für sie als kultureller Niedergang darstellt, insbesondere einer der Buchkultur, von welcher der Roman auch zentral handelt. „If you’re reading this on a screen, fuck off“, so lautet ihr erster Satz, der wohl besser unübersetzt bleibt. Der Grund für die Frustration fällt für diesen Erzähler mit der Katastrophe des elften September 2001 zusammen, die ihm nicht nur einen geliebten Menschen raubt, sondern auch sein just zu diesem Zeitpunkt veröffentlichtes Buch marginalisiert: „Mein Buch wurde zerstört“, schreibt er, „mein Leben hat sich nie wieder davon erholt.“

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