23.01.2006 · Was macht der kleine Däumling mit den Siebenmeilenstiefeln des Menschenfressers? Spätere Fassungen des Märchens sehen ihn als Weltenbummler oder Boten. Charles Perrault allerdings ist unschlüssig - wunderbar!
Gewiß streut der Kleine seine Kieselsteine und Brotkrümel auf Waldwege, vertauscht nachts in der Hütte des Menschenfressers die Mützen seiner Brüder mit den Goldkrönchen der schlafenden Töchter des Ungeheuers, zieht am Schluß diesem selbst die Siebenmeilenstiefel aus. Doch was fängt er mit diesen Stiefeln an?
Er sei zur Frau des Menschenfressers zurückgekehrt und habe ihr mit der Lüge, ihr Mann sei in Lebensgefahr, alles Geld abgejubelt, erzählt Charles Perrault. Spätere Fassungen Mittel- und Nordeuropas lassen den Däumling statt dessen als Schnellspediteur zwischen Königen, Armeen und Liebenden hin und her reisen oder zum eigenen Vergnügen durch die Welt bummeln. Perrault selbst zögert. Manche behaupteten, so fügt er in seiner Fassung hinzu, das mit der Lüge stimme gar nicht, man habe ihn nach einem ehrlich ausgeübten Broterwerb mit den Stiefeln schließlich wieder glücklich zu Hause im Kreis der Familie gesehen.
Spagat zwischen Wunder und Vernunft
Unschlüssige Märchenerzähler sind selten - sie, die ihre Sache sonst stets so sicher wissen. Gerade diese Unschlüssigkeit ist wunderbar. Es ist, als erzählte Karl Kerenyi uns eine griechische Sage in ihrer nicht nur von der Ausdeutung, sondern schon von den Fakten her ungesicherten Vieldeutigkeit: Leben als ständige Variante seiner selbst. In den gesammelten Märchen wollte Perrault zeigen, wie überlegen die französische der griechischen Kultur sei, wo doch schon das ungebildete Volk sich so reizvolle Geschichten erzähle. Nur durften da Lüge, Diebstahl und Totschlag nicht zu massiv auftreten, das paßte nicht in den vernunftorientierten Optimismus des grand siècle.
Daher kommen Perraults Märchen so geschniegelt daher. Wo die großen Märchensammler des neunzehnten Jahrhunderts eine spätmittelalterlich verzauberte derbe Volkstümlichkeit zeigen, tritt bei Perrault der gestiefelte Kater gepudert auf, spricht der Holzfäller in Wendungen der Académie Française. Wunder- und Vernunftwelt müssen in jedem Satz neu miteinander auskommen, nichts ist gesichert.
Im „Kleinen Däumling“ wird vor der Verschleppung der Kinder zwischen den Eltern hart verhandelt, und zunächst scheint es, als könnte die Holzfällersfrau sich durchsetzen. Die umstandslos abgeschlachteten Töchter des Menschenfressers wirken seltsam ambivalent: Sie haben einen schönen Teint, jedoch kleine, graue Augen und scharfe Zähne, sind „noch nicht wirklich bösartig“, knabbern aber schon gern an anderen Kindern. Auch der petit poucet selbst räsoniert auf der Türschwelle des Menschenfressers schon wie ein Sorbonne-Primaner, ob es besser sei, von einem vernunftbegabten Ungeheuer oder von einem Wolf verschlungen zu werden. Und die Moralzeilen am Schluß verstrahlen wie in den Fabeln La Fontaines jene sanfte Ironie, ohne die es in der Märchenwelt schnell stickig wird.