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Veröffentlicht: 12.02.2008, 11:43 Uhr

Jorge Luis Borges Der blinde Prophet des Cyberspace

Im Werk von Jorge Luis Borges gibt es unendliche Bibliotheken, erträumte Menschen und Bücher, die stets auf weitere Bücher verweisen: Hat Argentiniens literarisches Genie das Internet vorweggenommen?

von , Madrid
© picture-alliance / dpa Geistiger Vater des Internets? Jorge Luis Borges

Bücher transportieren so manches, doch eine Voraussetzung zur Teilnahme am Austausch von Ideen sind sie nicht mehr. Ideen sind heute schon allein dadurch in der Welt, dass jemand ein paar Sätze in den Computer tippt, sie in seinen Blog stellt, vielleicht noch seine Kumpels benachrichtigt und dann der Verbreitung zuschaut. Das Netz ist wie Packeis ohne Klimawandel: Nichts verdirbt, vergammelt oder geht verloren. Niemanden scheint das zu erschrecken.

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Und doch existiert in der Internet-Gemeinde eine Sehnsucht nach der Distinktion der Bücherwelt, gerade unter jenen, die beteuern, das Netz sei doch bloß das Medium, nicht die Botschaft. Den Bedürftigen sei's verkündet: Eine argentinische Literaturwissenschaftlerin namens Perla Sassón-Henry behauptet in ihrem Buch „Borges 2.0: From Text to Virtual Worlds“, der argentinische Schriftsteller habe in seinen Erzählungen den Hypertext, Blogs und Wikipedia vorweggenommen, kurz: Jorge Luis Borges (1899 bis 1986) sei der Prophet unseres Internet-Universums.

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Die vorhersehbare Zukunft

Die rasche Karriere dieses Gedankens lässt sich rekonstruieren. Am 1. Oktober 2007 erschien die hundertdreißig Seiten lange Studie der Hispanistikprofessorin an der United States Naval Academy, Maryland, im Peter Lang Verlag, ein Werk, das niemand gelesen zu haben scheint.

Der entscheidende PR-Schub erfolgt am 6. Januar 2008 in der „New York Times“. Noam Cohen, der regelmäßig über Netzwelten und Blogsphären berichtet, veröffentlicht in der Bücherrubrik einen Artikel mit der Überschrift „Borges und die vorhersehbare Zukunft“, in welchem (nach einem flüchtigen Nicken in Richtung Umberto Eco) der Name Perla Sassón-Henry fällt. Ihr soeben erschienenes Buch „Borges 2.0: From Text to Virtual Worlds“, so Cohen, erforsche „die Verbindungen zwischen dem dezentralisierten Internet von YouTube, Blogs und Wikipedia - dem sogenannten Internet 2.0 - und Borges' Erzählungen, welche ,den Leser zu einem aktiven Teilnehmer machen'“. Frau Sassón-Henry, so heißt es weiter, beschreibe Borges als „Mann aus der Alten Welt mit einer futuristischen Vision“.

Ein Nachwort von Gibson

Das klingt schon mal toll. Den größeren Teil des Artikels bestreitet Cohen aber nicht mit den Ideen der Assistenzprofessorin an der United States Naval Academy, sondern mit Indizien, die Borges in die Aura des Cyberspace hüllen. Zum Beispiel dadurch, dass die amerikanische Neuausgabe des Borges-Auswahlbandes „Labyrinthe“ nicht mehr das alte Nachwort von André Maurois enthält, sondern höchst symbolträchtig ein neues des Cyberpunk-Autors William Gibson („Neuromancer“). Übrigens solle im Laufe des Jahres, so Cohen, in der Bucknell University Press eine Essaysammlung mit dem „provokanten“ Titel „Cy-Borges“ erscheinen: Zeichen, wohin man blickt.

Die zweite Hälfte seines Artikels füllt der Mitarbeiter der „New York Times“ mit Belegen aus Borges' Erzählungen. Und es fällt nicht schwer, in der allumfassenden „Bibliothek von Babel“ (1941) aus Borges' Phantasie schon jenen ehrgeizigen Plan eines vollständig digitalisierten und allgemein verfügbaren Mega-Textkorpus zu erkennen, von dem einige Professoren der Computerwissenschaften träumen. Nach demselben Muster geht es weiter: In „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“ aus dem Jahr 1940 werde die anonyme Wissensgemeinschaft der Wikipedia vorweggenommen, in „Funes“ (1942) die Idee des „Life-Loggers“ Gordon Bell, der mit einem Audiorecorder und einer winzigen Kamera um den Hals, die alle sechzig Sekunden ein Bild produziert, ein manisches Alltagsprotokoll erstellt, um es in digitalen Speichern aufzubewahren. Keine Frage, es ist etwas daran, in Borges einen Vorausdenker unserer virtuellen Gegenwart zu sehen, und es ist mehr als ein metaphorischer Schimmer. Aber was ist es genau?

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