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Sonntag, 19. Februar 2012
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Jonathan Franzen Kostproben reinsten Mistkerlentums

19.09.2006 ·  Mit dem autobiographischen Buch „The Discomfort Zone“ läßt uns Jonathan Franzen hinter die Kulissen seines großen Romans „Die Korrekturen“ blicken. Erstaunlich, daß sich in den Beifall in Amerika unüberhörbare Buhrufe mischen.

Von Jordan Mejias, New York
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Deutsch zu lernen war für ihn von Anfang an ein vielschichtiges und beziehungsreiches Unterfangen. Wenn es nur um die Grammatik und dann, an Universitäten auf beiden Seiten des Atlantiks, um die Literatur, um die kanonischen Dichter und Denker gegangen wäre, hätte es für ihn kaum etwas zu klagen gegeben. Aber schon als Zehnjähriger, als ihn Elisabeth, eine regelrecht voluptuöse Wienerin auf Sommerbesuch in Webster Groves, Missouri, in die Anfangsgründe der Sprache einführen sollte, mußte er erleben, wie sich eine unwillkommene Intimität und daraus erwachsende Widerstände und Ablenkungen hinzugesellten.

Es wurde nicht besser. Am feinen Swarthmore College, wo Gene Weber seine Studenten „Bambini“ nannte und Frau Plaxton ihn nicht ohne freundliches Amüsement mit „Herr Franzen“ ansprach, und in München, wo er sich vor allem mit Goethes Dichtung infizieren ließ, und nach einem Jahr wieder in Swarthmore, wo ihn George Avery mit Nietzsche, Schnitzler, Hofmannsthal, Rilke, Kafka, Robert Walser, Karl Kraus, Mann und Döblin bekanntmachte, ging er auch dem gewaltigen und arbeitsintensiven Projekt nach, sich seiner Keuschheit zu entledigen.

Selbst eine Person geworden

Das klappt schließlich doch noch, und zwischendurch, wenn die Geschichte den Deutschunterricht fast ganz aus dem auktorialen Blick verliert, erfahren wir auch noch einiges über die Gepflogenheiten des jungen und sehr jungen Herrn Franzen beim Masturbieren, ein quasischelmischen Hosenrunterlassen beim Studium pornographischer Schriften. Nichts davon kann jedoch das Erlernen der deutschen Sprache dauerhaft verhindern, im Gegenteil, der Autobiograph vermeldet einen bemerkenswerten, weit übers Linguistische hinausgehenden Erfolg seiner Mühen: „Zum ersten Mal in meinem Leben begann ich, meine Familienangehörige als Menschen zu sehen, nicht nur als Verwandte, weil ich deutsche Literatur gelesen hatte und selbst eine Person geworden war.“ Was ihn wiederum veranlaßt, seinen Hauptprofessor Avery in einem geradezu berührenden Porträt zu verewigen.

Es fehlt weder an drastischer Komik noch ergreifenden bildungsromanhaften Einsichten und Verwicklungen in „The Foreign Language“ und den fünf anderen Rückblenden, die Jonathan Franzen unter dem Titel „The Discomfort Zone“ (Farrar, Straus and Giroux, New York) gesammelt und soeben veröffentlicht hat. Der amerikanische Literaturstar legt damit so etwas wie ein autobiographisches Begleitbändchen zu seinem Welterfolg „The Corrections“ und eine Ergänzung zum bekenntnishaften Essayband „How to be alone“ vor. Er läßt uns hinter die Kulissen seines großen Romans blicken, gleichsam auf eine Hinterbühne, deren spannungsgeladene Familienszenen aus dem Mittleren Westen direkt die Galavorstellung in fiktiver Aufmachung widerspiegeln. Um so erstaunlicher, daß sich in den Beifall diesmal unüberhörbare Buhrufe mischen.

Kostproben reinsten Mistkerlentums

Niemand protestiert und kritisiert lauter als Michiko Kakutani, die Literaturchefin der „New York Times“, die uns daran erinnert, daß schon die Protagonisten der „Corrections“ ein „besonders unangenehmer Haufen“ gewesen seien. Jetzt aber nehme Jonathan Franzen sich selbst ins unversöhnliche Visier und warte mit dem Selbstporträt des Künstlers als Kotzbrocken auf: gereizt, aufgeblasen, zwanghaft, eigennützig und über alle Maßen von sich eingenommen. Während Frau Kakutani also das „solipsistische Buch“ nur Lesern empfiehlt, die sich klaustrophobisch und dem Ersticken nah fühlen wollen wie das Ehepaar Franzen in seiner dem Untergang geweihten Ehe, stimmen ihre Kollegen überschwengliche Lobeshymnen an.

Allen voran preist Lev Grossman im Nachrichtenmagazin „Time“ den „wunderbaren und zutiefst persönlichen“ Memoirenband, und vom „New York Observer“ bis zur „Sun“ fallen Worte wie „gekonnt gestaltet“, „zum Nachdenken anregend“ und „absolut herrliche Prosa“. Sogar „O“, das Hochglanzmagazin der Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey, der Franzen vor einigen Jahren einen Korb gab, als er nicht in deren einflußreichen Buchclub kommen mochte, feiert ihn nun zumindest auf Hochglanzpapier.

Wer hat richtig gelesen? Manchmal hält sich die Wahrheit ja wirklich irgendwo in der Mitte auf. Franzens Erinnerungen, die er durchaus großspurig mit dem Untertitel „A Personal History“ versehen hat, bieten in der Tat wenig Gelegenheit zum komplizenhaften Einfühlen. Bis er in der letzten Geschichte versöhnlichere Töne gegenüber seiner Mutter anschlägt, die dann aber schon todkrank ist, gibt er viele Kostproben kühler Überheblichkeit und reinsten Mistkerlentums. Längst schon in der Gegenwart angekommen, drückt sich der siebenundvierzig Jahre alte Memoirenschreiber immer noch in verschnupfter Teenagerlaune ums Erwachsensein und erhebt dementsprechend seinen halbausgegorenen Mißmut zum Programm - Eigenschaften, die den Lektüregenuß nicht gerade steigern.

Ein Sündenkatalog, elegant ausgebreitet

Aber auch formal gibt es Probleme. Franzen macht sich einen Spaß daraus, Geschichten nicht nur mit Zweit- und Drittgeschichten zu komplizieren, sondern mit ganzen Essays, ob über das Personal der „Peanuts“ oder die Tücken und Vorzüge der Vogelbeobachtung, sein liebster Zeitvertreib. Dazu kommen gegenwartskritische Anmerkungen, die auch, in voraussehbarer Zielrichtung, die aktuelle Politik nicht meiden. Solche Exkursionen bieten manch schöne Aussicht und finden oft sogar wieder zum Ausgangspunkt zurück, aber nicht ohne Umwege über holpriges Terrain.

Aus all der Fahrigkeit, den unverwüstlichen Neurosen und der fast genießerisch inszenierten Selbstentblößung entsteigt wie Venus der Muschel unser vertrauter Meistererzähler, der in lässiger Eleganz seinen Sündenkatalog ausbreitet und mit Vignetten über Bubenstreiche in der kirchlichen Jugendgruppe und adoleszente Entdeckerfreuden und -ängste im Naturschutzgebiet brilliert. Wir erfahren, daß er sich einst in eine „Peanuts“-Welt sehnte, in der auch die Wut noch komisch und jede Ungewißheit noch liebenswert war. Aber deswegen verlangen wir jetzt nicht, daß Jonathan Franzen sich in Charles Schulz verwandelt. Nur gegen einen etwas angenehmeren Weggefährten hätten wir nichts einzuwenden gehabt. Selbst 195 kleinformatige Seiten sind sonst eine lange Strecke.

Quelle: F.A.Z., 19.09.2006, Nr. 219 / Seite 35
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