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John McEnroe Narziss und Goldhand

02.06.2008 ·  John McEnroe war ein Gigant des Tennis. Auch zwei Jahrzehnte nach seinen großen Erfolgen lebt sein Mythos. Auf dem Tennisplatz in der Senior's Tour - und in einem großartigen Buch von Tim Adams.

Von Tobias Rüther
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Kurz vor Weihnachten hat John McEnroe noch einmal in Deutschland Tennis gespielt. Es war ein banales Turnier, bezahlt von einem Sponsor, ausgestrahlt im Privatfernsehen, einigermaßen dämlich betitelt als „Masters of Legends“, es ging um nichts, aber McEnroe hat trotzdem den Schiedsrichter angebrüllt. Und den Oberschiedsrichter. Und die Linienrichter. Und seinen Schläger. Jenseits des Netzes stand ein teilnahmsloser und etwas aus dem Leim gegangener Boris Becker, der acht Jahre jünger als McEnroe ist, an diesem Abend aber fünfzehn Jahre älter aussah, mindestens. McEnroe, grau und drahtig und garstig, schlug ihn dann auch, aber eben nicht, ohne vorher noch ein paar Mal „You're shit!“ ins Düsseldorfer Publikum gebrüllt zu haben. Es war herrlich.

Denn es war fast wie früher. Wie im Jahr 1977, als McEnroe mit achtzehn Jahren zum ersten Mal in Wimbledon spielte, auf einem Rasen, den man altehrwürdig nennt, wann immer die Rede auf ihn kommt. McEnroe tritt damals bei seinem Debüt gegen den Australier Chris Dent an, aber es läuft nicht gut, McEnroe verliert sein Aufschlagspiel, kommt nicht in den Tritt, hadert mit sich und der Welt und biegt irgendwann vor Wut und Enttäuschung seinen Schläger so weit, dass er fast bricht.

Buhrufe - Das war Musik in seinen Ohren

„In diesem Moment“, schreibt Tim Adams in seinem großartigen Buch „Being John McEnroe“, das gerade auf Deutsch erschienen ist, in diesem Moment also hört McEnroe „etwas, was er bis dahin noch nicht gehört hatte - Buhrufe. Das war Musik in seinen Ohren. Er bog den Schläger noch etwas mehr, und das Buhen wurde lauter. Plötzlich fühlte er sich wohl. Bis dahin hatten die Zuschauer nur bei überraschenden Volleys leise geklatscht und beim Seitenwechsel gehustet und mit Sandwichpapier geraschelt. McEnroe kickte seinen Schläger von der Mitte des Platzes in Richtung seines Stuhls, und das Buhen wurde noch lauter.“

Das war, in all ihrer Schönheit, die Geburtsstunde von „Superbrat“ aus New York, jenem unflätigen jungen Kerl, der ein paar Jahre später an gleicher Stelle Björn Borg als Herrscher von Wimbledon entthronen würde, in diesem Augenblick aber das englische Establishment ungefähr so im Kern erschütterte wie zur gleichen Zeit Johnny Rotten von den Sex Pistols: Tennisschläger und Kanonen, das war der Sommer 1977.

Der Autor gewinnt jeden Satz

Tim Adams, Literaturchef des englischen „Observer“, hat über diesen historischen Augenblick, als McEnroe nach Wimbledon kam, ein Sportbuch geschrieben, wie es lange keines mehr gegeben hat. Wie es zuletzt vielleicht David Remnick mit „King of the World“ über den historischen Augenblick geschrieben hat, als aus Cassius Clay der Schwergewichtsweltmeister Muhammad Ali wurde. „Being John McEnroe“ ist hundertzweiundvierzig Seiten kurz, aber so klug und witzig, elegant und genau, dass man am liebsten hundertzweiundvierzig Zeilen lang daraus zitieren würde. Tim Adams gewinnt jeden Satz - und zwar, weil er sich exakt solche dürftigen Tennismetaphern spart.

Dafür schreibt er in einer Mischung aus Liebe, Mitleid und Faszination das Psychogramm eines Sportlers, der sich aus Gegenwehr ernährte. So wie vor ihm das genialische Großmaul Muhammad Ali, so wie Johnny Rotten, wie Baudelaire und Rimbaud. „Épater la bourgeoisie!“ - darum ging es, und damit das Bürgerschrecken noch mehr Spaß machte, bauten sich all diese Jahrhundertfiguren ihre Gegner immer größer auf, als sie in Wirklichkeit waren.

Wimbledon war versnobt und ritualisiert und näselte, sicher - aber es gab schon damals genug Zuschauer, die John McEnroes enormes Talent erkannten und sich in Leserbriefen an den „Daily Telegraph“ über den Mob beklagten, der ihn reizte und provozierte, bis er anfing zu toben. Egal, was McEnroe brauchte, um zu glänzen, war nicht Fairness, sondern Feindschaft. „Ihr zwei seht aus wie Pickel an einem Baum“, beschimpfte McEnroe zum Beispiel seine Schiedsrichter. Die viktorianische BBC dämpfte den Ton der Platzmikrofone, damit man es nicht richtig verstand, es fand aber trotzdem seinen Weg in die Öffentlichkeit, weil die Boulevardpresse sich darüber sehr freute.

McEnroe demokratisierte Wimbledon

Der frustrierte, moderne Narziss John McEnroe, das zeigt Tim Adams, demokratisierte Wimbledon. Als er kam, war es ein englisches Museum, durch das John Betjemans ewige Zeilen hallten: „Strenuous singles we played after tea / We in the tournament - you against me!“ Als er ging, war „Fuck!“ auf dem Centre Court alltäglich geworden. Als er ging, hatte Tennis ein menschliches Antlitz. Als er ging, hatte McEnroe Wimbledon einige der atemberaubendsten Duelle in seiner Geschichte hinterlassen: Das kurze Buch steuert von Beginn an auf das Finale vom 5. Juli 1980 zu, wo McEnroe gegen den Tennisstoiker Björn Borg verliert - in fünf Sätzen, nach sieben vergebenen Matchbällen Borgs und einem der längsten Tiebreaks aller Zeiten.

Die ganze Welt schaut dem Spiel zu. Nelson Mandela darf es in seiner Gefängniszelle auf Robben Island im Radio hören, Andy Warhol steht extra früh auf, der junge Tim Adams verfolgt es mit seinen Eltern auf einem tragbaren Fernseher im walisischen Sommerurlaub. McEnroe gewinnt den ersten Satz leicht, bestimmt das Spiel im zweiten, bis Borg sich endlich in den Griff kriegt, ausgleicht - und im dritten Satz mit 3:0 in Führung geht. Da fängt McEnroe, der so souverän begonnen hatte, zu flattern an. „Beim Seitenwechsel“, schreibt Adams, „zieht er beide Schuhe aus und starrt hinein, als wolle er dort eine Erklärung für den Spielverlauf finden.“ Borg sitzt nur da, steht wieder auf - und gewinnt den dritten Satz. „Die Zuschauer scheinen jetzt auf besondere Weise zu atmen“, notiert seine Verlobte Mariana Simionescu auf der Tribüne bei sich, sie will ein Buch über das Match schreiben und es Borg zur Hochzeit schenken. „So, als würde sich jeder auf Björns Puls einstellen.“

Seufzen und Wehklagen

Schlag auf Schlag geht es in den vierten Satz, bei 5:4 hat Borg den ersten Matchball. Tim Adams sagt: „Wirklich große Sportler treibt weniger der rauschende Erfolg an als die Angst vor der schmerzenden Niederlage.“ Also schlägt McEnroe zwei perfekte Passierbälle, gleicht aus, er ist einundzwanzig Jahre alt und kurz davor, Borg am fünften Titelgewinn in Wimbledon zu hindern. Die beiden gehen in den Tiebreak, er wird zweiundzwanzig Minuten dauern. Vom Finale 1980 gibt es mittlerweile eine DVD. Und wer sie sich anschaut, sich auf das leise Murmeln der Moderatoren einlässt, auf ihr Seufzen und Wehklagen darüber, dass es weiter, immer weiter geht, wer hört, wie den beiden irgendwann zwischen 11:11 und 15:15 klar wird, dass sie in diesem Augenblick Geschichte bezeugen, und die gleiche Erkenntnis in den Augen der Zuschauer sieht - der kann zwar nachträglich Teil dieses verzauberten Publikums werden und zu Warhol und Mandela und Tim Adams im walisischen Wohnwagen gehören. Der wird aber nie die existentielle Einsamkeit der Kontrahenten auf dem Platz begreifen.

Von ihr erzählt „Being John McEnroe“. Oder eben davon, wie unmöglich es ist, John McEnroe zu sein - er selbst hat es ja kaum geschafft. Hat mit sich gerungen, ringt mit sich bis heute, warum würde er sonst Düsseldorfer im Polohemd anpöbeln? McEnroe gewinnt 1980 dank einiger unfassbarer Schläge den Tiebreak, nur um dann den fünften Satz an Borg zu verlieren, der zwar etliche Matchbälle vergibt, aber trotzdem wieder auf den Platz geht, als sei nichts gewesen, und seine letzten fünf Aufschlagspiele zu null gewinnt. Nach der letzten versenkten Rückhand sinkt Borg in sich zusammen, als sei er erledigt worden, und nicht McEnroe.

„Wo ist Borg? Und wer ist Jarryd?“

Ein Jahr später ist es andersherum, erst in Wimbledon, dann bei den US Open. Da tritt Borg ab. Und McEnroe, der neue Champion, zerfällt, siegt aber weiter, mit Phantomschmerzen. „Ich war quasi am Boden zerstört“, erklärte der Amerikaner später. Weil sein Gegner nicht mehr da war, oder besser: Weil der Partner weg war, der sein Spiel bereichert und perfektioniert hat. Irgendwann 1984 steht McEnroe dann in einem Halbfinale gegen einen anderen Schweden und denkt: „Wo ist Borg? Und wer ist Jarryd?“

Tim Adams, der Literaturkritiker, interpretiert McEnroes Tennisspiel wie einen Dialog. Nicht nur mit den Zuschauern und Schiedsrichtern, die McEnroe anpöbelt, um sich an ihrer Reaktion zu stärken: auch mit dem Gegner, mit Connors, Lendl, Boris Becker. Er beschreibt den Helden als halben Menschen, der ganz werden will, aber nicht erwachsen werden kann. Der sich vor laufenden Kameras mit seinen Eltern zankt und einen Kinderfilmstar heiratet, Tatum O'Neill. Aber auch das hilft nicht. Nichts hilft. Die Wahrheit ist irgendwo auf dem Platz geblieben. John McEnroe sucht dort immer noch nach ihr.

Tim Adams: „Being John McEnroe“. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Berlin-Verlag, 142 Seiten, 16 Euro

Tim Adams: „Being John McEnroe“. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Berlin-Verlag, 142 Seiten, 16 Euro

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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