Home
http://www.faz.net/-gr0-quqt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

John Le Carré Wir ernten, was wir säten

29.07.2005 ·  Zu einer Filmpremiere war John Le Carré nach den Anschlägen nach London gekommen. Ein Interview mit dem Thriller-Autor über die Ausbeutung der Dritten Welt, den globalisierten Terrorismus und die fatalen Fehleinschätzungen des Westens.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Schon unmittelbar nach dem 11. September ist der britische Schriftsteller John Le Carré in den letzten Jahren als Kritiker des amerikanischen "Kriegs gegen des Terror" und der Außenpolitik George W. Bushs und Tony Blairs hervorgetreten. Auch sein jüngster Roman "Absolute Freunde" (2004) war von dieser amerikakritischen Position geprägt. Vergangene Woche kam Le Carré, der in Cornwall lebt, in das von islamistischen Terroranschlägen in Atem gehaltene London.

Anlaß war Fernando Mereilles' Verfilmung seines vorletzten Roman "Der ewige Gärtner", der die Machenschaften westlicher Pharmakonzerne in Afrika anklagt. Unter dem unmittelbaren Eindruck der Londoner Anschläge äußert sich Le Carré im Gespräch mit der spanischen Zeitung "El Pais" zur Ausbeutung der Dritten Welt, den Ursachen des globalisierten Terrorismus und den fatalen Fehleinschätzungen des Westens.

Was erwarten Sie von der Verfilmung von "Der ewige Gärtner"?

Ich sehe eine Verfilmung eines meiner Bücher nie mit dem Gefühl, Eigentümer der Idee zu sein. Ich will nicht den Film zum Buch, sondern den Film als Film sehen, als eine Arbeit, die ganz andere Grundlagen hat. Fernando hat seine ganz eigene Sichtweise, hat teilweise die Stimmung seines letzten Film "City of God" übertragen, mit einem großen Gespür für die furchtbare Vergeudung vieler Menschenleben. Die Kinder in den Elendsvierteln von Nairobi gehen niemals in die Schule und essen niemals eine richtige Mahlzeit. Unter ihnen könnten sich die Goethes, Thomas Manns oder Dantes der künftigen afrikanischen Zivilisation befinden, aber sie haben keine Chance, ihr Talent zu entwickeln. Der Film kommt zur richtigen Zeit, jetzt, wo die G8-Länder sich darauf konzentrieren, die Armut zu bekämpfen. Er könnte wirklich erreichen, daß die Leute aufhorchen, hinschauen und nachdenken.

Im Moment schaut jeder vor allem auf die Londoner Anschläge.

Ich glaube, daß die Menschen die Ursprünge des Terrorismus nicht von der Notwendigkeit trennen, die Armut abzuschaffen. Der normale Mensch begreift, wenn er nachdenken darf, daß die Ausbeutung einer Gesellschaft über eine lange Zeit hinweg nicht Haß, sondern Rachegelüste heraufbeschwört, so geisteskrank und falsch diese auch seien. Die Intelligenz verbietet heute, eine Logik im Terrorismus zu sehen, weil ihm das eine gewisse Würde verleihen würde. Aber die Öffentlichkeit unterscheidet kaum zwischen der einen und der anderen Privatsphäre. Die Allgemeinheit begreift langsam, daß wir ernten, was wir gesät haben.

Wie erklären Sie sich dann, daß die mutmaßlichen britischen Terroristen relativ gutsituiert waren?

Es gibt keine Entschuldigung, aber wenn jemand dich umbringen will, sollte man in Erfahrung bringen, weshalb. Meiner Erfahrung nach sind die islamischen Gemeinden von dem tiefverwurzelten Kollektivbewußtsein beherrscht, daß sie erniedrigt, ausgebeutet, betrogen werden und gegeneinander aufgehetzt worden sind. Aus der Intelligenz, der Mittelklasse stammen die Erben dieser kollektiven Bürde, und wenn sie einer radikalen und systematischen Gehirnwäsche unterzogen werden, fühlen sie sich als Auserwählte, die diese Terrorakte begehen müssen.

In Ihren letzten Romanen und öffentlichen Auftritten zeigt sich ein gewisser politischer Radikalismus. Sind sie enttäuscht?

Wütend bin ich, aber ich verstehe nicht, warum Sie radikal sagen. Die Verlogenheit in der Politik hat inakzeptable Ausmaße angenommen. Die Blair-Bush-Allianz ist eine Katastrophe. Ich schrieb schon vor einiger Zeit, daß sie unsere nationale Sicherheit in Gefahr bringt. Das ist keine radikale Position, sondern die aller liberaler Briten. Der Mangel an Wahrheit ist alarmierend, beleidigend und gefährlich. Man wirft der Jugend in Großbritannien vor, daß sie sich von der Politik immer mehr abwendet, statt sich über das Versagen der politischen Parteien zu beklagen. Die Parteien haben sich nicht diversifiziert und vertreten uns nicht, in dem, was wir wirklich denken.

Sehen Sie eine Alternative?

In England und in den Vereinigten Staaten existiert keine parlamentarische Opposition. Das ist ein Übel, mit dem wir umgehen müssen. Und das Gewicht dieser Verantwortung tragen wir Schriftsteller und die Medien. Es klingt nach moderner Ketzerei, heute anzudeuten, daß der Irak-Krieg für die schrecklichen Taten der Terroristen verantwortlich sein könnte. Ich sage nicht, daß der Krieg sie entschuldigt, aber es ist eine Beleidigung der Intelligenz zu leugnen, daß der Irak-Krieg die Flammen des Terrorismus höherschlagen ließ.

"Der treue Gärtner" zeigt diese neue Verantwortung der Schriftsteller?

Er ist ein Semidokumentarfilm, er vermittelt Information über ein Thema in Zeiten, in denen man uns belügt, betrügt und die Information nach politischer Zweckmäßigkeit filtert. In dieser Welt virtueller Nachrichten bringt uns der fiktive Dokumentarfilm der Wahrheit näher und füllt eine Wissenslücke, die entstanden ist, weil uns Informationen vorenthalten wurden.

Weshalb haben Sie die Pharmaindustrie zum Gegenstand Ihrer Kritik gemacht?

Sie dient mir als Metapher für die Ausbeutung der Dritten Welt und der Schwellenländer. Das Motiv ist sehr publikumswirksam, ich hätte genausogut die Erdölindustrie in Nigeria oder eine andere Adresse wählen können, die zeigt, wie absurd diese Hilfen sind, die die Auslandsverschuldung senken sollen, wenn sie nicht von einer verantwortungsbewußten Kontrolle der Globalisierung begleitet werden. Man spricht von der Korruption in Afrika. Aber wer hat die Afrikaner korrumpiert?

Trauern Sie Ihren Jahren als Spion nach?

Das waren außergewöhnliche Zeiten. Faszinierend sogar für einen kleinen Fisch, der in der Pfütze der Geheimnistuerei schwamm. Das ist die Welt, wo die Entscheidungen getroffen werden, dort näherst du dich dem Mittelpunkt deines Landes. Ich glaube aber nicht, daß es ein geheimes Zentrum gibt, sondern daß nach der letzten Tür die Leere kommt. Ich weiß nicht, was es heißt, heute Spion zu sein. Im Kalten Krieg war die Spionagewelt streng strukturiert, es gab Verhaltensregeln, die alle befolgten. Es war in erster Linie ein europäischer Zeitvertreib, nicht sehr blutig, außer einem gelegentlichen Mord oder der Entführung eines Agenten. In der heutigen Situation hätte ich dazu keinen Zugang mehr.

Weshalb nicht?

Ich könnte einen Jungen anwerben, der in eine dubiose Moschee geht, und ihn bitten, sich von einem radikalen Imam oder Mullah indoktrinieren zu lassen. Aber was kann man darüber hinaus machen? Der Geheimagent nutzt die menschlichen Rivalitäten, die politischen und wirtschaftlichen Ambitionen derjenigen, die Schutz suchen oder Rache wollen... Wie kann man sich in diese neuen Zellen einschleusen? Wie erhält man Zugang zu einer so zersplitterten und in der Regel völlig unbestechlichen Welt?

Ist der Islam der Motor des modernen Terrorismus?

Militanter Extremismus zeigt sich nicht nur im Islam, sondern auch auf der extremen Rechten des Christentums und des Zionismus. Herr Bush insistiert, daß der moderne nordamerikanische Lebensstil der einzig ist, der sich zu leben lohnt. Das ist für mich eine fundamentalistische Behauptung, und die Vorstellung, daß diese Lebensweise exportiert wird, ist obszön. Wir sollten uns etwas zurückhalten, wenn wir meinen, Islamismus bedeute Extremismus. Man suggeriert uns, daß eine bestimmte Form des Extremismus immer weitere produziert, aber ich bin mir sicher, daß jede Vereinfachung das ebenfalls tut. Wenn wir das Orwellsche Konzept: "Amerika ist gut, der Islam ist schlecht" übernehmen, dann besteht kein Raum für Flexibilität.

Aus dem Spanischen von Clementine Kügler.

Quelle:
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel