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John Ashbery wird 90 : Jam-Session der Götter

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Bild: Picture-Alliance

Man verliest sich, man verliebt sich in seine magischen Gedichte, in denen „jedermann“ zu Wort kommen soll. Dem amerikanischen Lyriker John Ashbery zum neunzigsten Geburtstag.

          Sobald an irgendeinem amerikanischen College oder an einer Universität die Rede auf ihn kommt, überschlagen sich die Anekdoten, weiß jeder irgendeine verrückte Begebenheit zu berichten, die mit ihm im Zusammenhang steht. Ich selbst stand zum ersten Mal 2001 vor seinem Haus in Hudson im Staat New York; John Ashbery riss die Tür auf und bat mich hinein, er hatte es eilig, denn im Fernsehen lief gerade seine Lieblingsserie „Everybody loves Raymond“, und er wollte den Schluss nicht verpassen. Er galoppierte vor mir her in die Küche, wo er mir stolz – so viel Zeit musste sein – zwei gigantische Cocktailgläser mit Zebrastreifendekor zeigte, ein Geschenk seiner Kollegin Ann Lauterbach, die die Gläser auf dem Flohmarkt entdeckt hatte und sofort dachte, sie gehörten unbedingt in Johns Haushalt.

          Während John plauderte, mixte er besorgniserregend große Martinis und schüttete sie in die Zebragläser. Im Fernsehzimmer saßen David Kermani, Johns langjähriger Lebenspartner, sowie die Dichter Dara Wier und James Tate. Wir sahen die letzten Minuten von „Everybody loves Raymond“, und ich dachte wohl zum ersten Mal: „Everybody loves Ashbery.“ In den Folgejahren folgte dafür Beweis auf Beweis: Einen kontaktfreudigeren, vergnügteren und neugierigeren Dichter als John Ashbery kann man sich kaum vorstellen. Und wer ihn nicht persönlich kennt, den zieht der unverwechselbar magische Stil seiner Gedichte in Bann.

          Die Befreiung von uns allen

          Die Leser, die Dichter, die Übersetzer, die Kritiker, selbst die Türhüter des literarischen Establishments in den Vereinigten Staaten, Helen Vendler und Harold Bloom, haben sich Ashberys Wandlungsfähigkeit ergeben. Das war nicht immer so. Der heute vor neunzig Jahren in Rochester, New York, geborene Farmerssohn galt zu Beginn seiner Karriere als schwierig; selbst sein Förderer W. H. Auden stimmt im Vorwort zu Ashberys erstem Gedichtband „Some Trees“ (auf Deutsch: „Bäume“) von 1956 eine Tirade gegen die Privat-Mythologie des Surrealismus an. Inzwischen gehört Ashberys Lyrik zum poetischen Inventar. Und wie das bei Möbeln so ist, manchmal muss man sie nur neu arrangieren, um sie noch einmal mit anderen Augen zu sehen.

          Ihn selbst habe das Autobiographische nie interessiert, betont Ashbery immer wieder, ein Gedicht solle möglichst repräsentativ sein. Seiner Vorstellung nach müsse „jedermann“ zu Wort kommen, aber dieser jedermann sei weniger als Nationalallegorie denn als Projektionsfläche für frei flottierende, abstrakte bis abstruse Idiosynkrasien zu verstehen. Wir alle konstruieren ja permanent Autobiographisches – erinnern, erzählen, deuten, beichten, rechtfertigen, entschuldigen uns. „Und wenn ihnen unsere Regeln nicht passen, was dann? / Na, dann lassen wir uns etwas einfallen“, heißt es im Langgedicht „Mädchen auf der Flucht“ (1999) nach Motiven des Außenseiterkünstlers Henry Darger, der merkwürdige Penismädchen durch bürgerkriegsverwüstete Alice-im-Wunderland-Landschaften jagt.

          „The United States themselves are essentially the greatest poem“ (Die Vereinigten Staaten sind vom Wesen her selbst das größte Gedicht), schrieb Walt Whitman. Und John Ashbery arbeitet mit seinen Texten an einer Allzweck-Autobiographie für alle, verschränkt den auktorialen mit dem fiktiv-autobiographischen Diskurs, oszilliert zwischen dem „Ich“, dem „Du“, dem „Wir“ und wechselnden dritten Personen, um zu einer Erkundung, einer Kartierung, einer Befragung und der Befreiung seiner und all unserer „Schicksale“ zu gelangen. Als er seine Leser 1991 mit „Flow Chart“ (Flussbild) überraschte, seinem vierzehnten Buch, zeigte sich, wie zentral dieser mäandernde Strang von Ashberys Schreiben für die ästhetische und poetologische Entwicklung, aber auch seine Wahrnehmung als Autor war.

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