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Joachim Unseld : Der Inbegriff eines Verlegers

Hat „den schönsten Beruf der Welt”: Verleger Joachim Unseld Bild: Frankfurter Verlagsanstalt

Joachim Unseld ist aus dem Schatten seines Vaters getreten. Mit zwei Angestellten und einem Volontär hat der Verleger die Frankfurter Verlagsanstalt zum Erfolg geführt. Nur das mediale Dauerfeuer für die Boulevardliteratur macht ihm zu schaffen.

          Es liegt nicht nur daran, daß der Stand der Frankfurter Verlagsanstalt auf der Frankfurter Buchmesse direkt an einem Knotenpunkt in der Halle 3.1. liegt, daß die Literaturkritiker, Agenten und Autoren immer wieder hier vorbeikommen. Auf fünf Quadratmetern, eingezwängt zwischen großen Publikumsverlagen, finden sie, worum es auf der Messe wirklich geht: den Informationsvorsprung. Ein Autor fragt den Verleger Joachim Unseld, wo denn die wichtigste Party des Abends stattfinde, in Offenbach habe er gehört, ob das denn überhaupt sein könne?

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Literaturkritiker lästert über Tratsch, den man eigentlich nicht mehr verbreiten dürfte, weil er schon zu oft erzählt worden sei, um dann doch genüßlich zu berichten, daß der Autor Christian Kracht von der Rowohlt-Party geworfen worden sei. Joachim Unseld hört zu, kommentiert, nimmt teil. Nur das Zucken seines rechten Beines und der Blick, der immer wieder ausbricht, um unruhig hin und her zu schweifen, lassen darauf schließen, daß er an die Termine denkt, die ihn in diesen Tagen noch erwarten. 82 sind es insgesamt, vermerkt auf einem DIN-A4-Zettel, mit unterschiedlichen Abstufungen in Grau unterlegt.

          Romanhafte Lebensgeschichte

          Joachim Unseld ist nicht nur Verleger eines kleinen renommierten Verlages, sondern auch Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft deutscher Publikumsverlage. Und Sohn. Wird über ihn gesprochen, dann klingt immer seine Lebensgeschichte mit. Sie ist zu romanhaft, als daß der Literaturbetrieb sie einfach ausblenden könnte. Er ist das einzige Kind des legendären Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld, galt als der Kronprinz. Er saß auf Adornos Schoß, lernte als Kind Frisch und Beckett kennen. Nach dem Abitur studierte er Germanistik, Soziologie und Philosophie, hospitierte bei französischen, spanischen und amerikanischen Verlagshäusern. Aus dieser Zeit stammt auch sein Faible für spanische und französische Literatur, die er hin und wieder auch noch selbst übersetzt, wie den Roman „Das Badezimmer“ von Jean-Philippe Touissant.

          Die regenbogenfarbigen Cover der „Edition Suhrkamp” ließ Unseld hinter sich

          1978, mit 25 Jahren, überschrieb ihm sein Vater 10 Prozent des Suhrkamp-Verlages, sechs Jahre später wurde der Anteil auf 20 Prozent erhöht. Die Nachfolge wurde dem jungen Unseld vom Vater schriftlich zugesichert. Doch es kommt anders. Siegfried Unseld lernt die Autorin und ehemalige Schauspielerin Ulla Berkéwicz kennen, verläßt Joachims Mutter, es kommt 1990 zum Bruch zwischen Vater und Sohn, der bis zum Tod Siegfried Unselds 2002 nicht mehr gekittet wird. Der Kronprinz ist entlassen. 1994 übernimmt Joachim Unseld die traditionsreiche, aber wirtschaftlich angeschlagene Frankfurter Verlagsanstalt. Dank Autoren wie Bodo Kirchhoff, die ihm von Suhrkamp folgen, aber vor allem aufgrund seines Gespürs für literarische Talente und einem Mut, der auch vor Veröffentlichungen von Neuentdeckungen nicht zurückschreckt, führt er den Verlag zum Erfolg.

          Blick richtet sich nach vorne

          Wer mit Joachim Unseld spricht, ist erstaunt, wie wenig sich die Person und die öffentliche Figur, deren Bild vor allem durch die tragische Lebensgeschichte bestimmt wird, zu ähneln scheinen. Unseld blickt nach vorne. Als Verleger setzt er sich mit der Zukunft des Buches und seines Marktes auseinander und kämpft auch durchaus für seine Interessen. Es sei immer schwieriger, mit Büchern Geld zu verdienen, da die Margen an allen Enden wegbröckelten, sagt Unseld, um dann zu betonen, daß er jedoch „keineswegs klage, sondern nur analysiere“.

          Als Beispiel nennt er den Roman „Infanta“ von Bodo Kirchhoff, den er schon 1990 bei Suhrkamp verlegte und nun neu aufgelegt hat. Ihm sei gesagt worden, mehr als 20 Euro könne er nicht verlangen. Also koste der Roman heute 19,90. Neulich habe er einmal nachgeschaut, wieviel der Roman 1990 gekostet habe. Es waren 39,90 Mark. Der Preis sei also der Inflation zum Trotz konstant geblieben. „Und heute wollen noch mehr Leute mitverdienen. Wo soll denn da noch etwas übrigbleiben?“ fragt Unseld.

          Boulevardliteratur stiehlt die Aufmerksamkeit

          Den schwindenden Erträgen könne er nur trotzen, weil er die Kosten so niedrig wie möglich halte. Die Frankfurter Verlagsanstalt besteht aus zwei Mitarbeitern, einem Volontär und dem Verleger. Es gibt kaum Ausgaben für Werbung, die Bücher müssen durch Rezensionen bekannt werden. Doch dieser Weg sei in Zeiten, in denen man erst einen Prominenten suche, dem dann ein Buch auf den Leib geschneidert werde, immer schwieriger.

          Durch das mediale Dauerfeuer klaue die Boulevardliteratur den anderen Neuveröffentlichungen die ganze Aufmerksamkeit. Als Folge gebe es nur noch riesige oder Mini-Auflagen, die Mitte breche weg. Allerdings profitiert auch Unseld vom Fernsehen. Seit Elke Heidenreich den Roman „Und da kam Frau Kugelmann“ von Minka Pradelski in ihrer Sendung hochgehalten hat, ist die Auflage in die Höhe geschossen. „Ich habe den schönsten Beruf der Welt“, sagt Unseld und grinst zum ersten Mal an diesem Nachmittag.

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