http://www.faz.net/-gqz-t22m

Joachim Fests Memoiren : Auch wenn alle mitmachen - ich nicht

  • -Aktualisiert am

Innenansicht einer oppositionellen Familie: Joachim Fest Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Es ist nach Günter Grass' Memoiren das zweite mit Spannung erwartete Erinnerungsbuch des Jahres: Joachim Fests „Ich nicht“, im Feuilleton der F.A.Z. vorabgedruckt. Eine Einführung.

          Die vielleicht aussagekräftigste Episode dieses an vielsagenden, denkwürdigen Episoden, Unterhaltungen und Ereignissen so reichen Buches liegt siebzig Jahre zurück. Anfang 1936 - der Verfasser ist gerade neun Jahre alt - belauschen sein Bruder Wolfgang und er eine seltene Auseinandersetzung zwischen den Eltern. Der Vater war bereits vor einiger Zeit vom Schuldienst suspendiert worden, selbst das Erteilen von Nachhilfestunden hatte man ihm untersagt: Unliebsame Kritiker erkannte das Regime sofort. Die Familie war in dieser Notlage enger zusammengerückt in der Wohnung in Berlin-Karlshorst, es gab kein Kindermädchen mehr, und zum Zeitpunkt des abendlichen Gesprächs war die Mutter im Begriff, die bereits mehrfach geflickten Sachen der Kinder erneut in Ordnung zu bringen.

          Behutsam schildert der sich erinnernde Sohn den Verlauf der Unterhaltung. Die Mutter fragt den Vater zögerlich, ob er nicht doch noch überlegen wolle, in die Partei einzutreten, „und um das Ende ihres Vorbringens anzudeuten, setzte sie nach längerem Innehalten ein einfaches ,Bitte!' hinzu“. Der Vater nimmt sich Zeit für seine Antwort. „Er sagte etwas über die Umstellungen, zu denen sie, wie viele andere, genötigt seien. Über die Gewohnheit, die nach zumeist schwierigen Anfängen einigen Halt vermittle. Über das Gewissen, das Vertrauen in Gott.“ Die Mutter, die sich ohnehin bereits weiter vorgewagt hat, als es sonst ihre Art ist, bleibt hartnäckig und bemerkt, „daß ein Parteieintritt doch nichts ändere: ,Wir bleiben schließlich, wer wir sind!' Ohne langes Nachdenken erwiderte mein Vater: ,Das gerade nicht! Es würde alles ändern!'“

          Die Familie als verschworene Gemeinschaft

          Warum sich dem Knaben, der Joachim Fest damals war, dieser Disput so unauslöschlich eingeprägt hat, wird im weiteren Verlauf des Gesprächs deutlich. Die Mutter sagt, die Heuchelei, die der Parteieintritt bedeuten müßte, nähme sie in Kauf: „Die Unwahrheit sei immer das Mittel der kleinen Leute gegen die Mächtigen gewesen; nichts anderes habe sie im Sinn. Das Leben, das sie führe, sei so entsetzlich enttäuschend! Nun schien die Überraschung auf seiten meines Vaters. Jedenfalls sagte er einfach: ,Wir sind keine kleinen Leute. Nicht in solchen Fragen!'“

          Aufrecht in der Welt stehender Nichtmitläufer: Joachim Fest bei der Einschulung
          Aufrecht in der Welt stehender Nichtmitläufer: Joachim Fest bei der Einschulung : Bild: privat

          Die Skrupel, Zweifel und Gewissensfragen, mit denen sich der von den Nationalsozialisten zur Tatenlosigkeit verdammte Vater von fünf Kindern ständig auseinandersetzte, dürften exemplarisch sein für viele Deutsche, die sich nach 1933 vor die Wahl zwischen Armut, Ächtung, ständiger Wachsamkeit und Repressalien oder der Anpassung und dem Mitläufertum als vermeintlich kleinerem Übel gestellt sahen. In der Konsequenz, mit der Johannes Fest sich ihnen stellte, für seine Überzeugungen rhetorisch kämpfte und seine Familie zum Hinschauen aufforderte, wirken sie indes einzigartig. Es fällt Joachim Fest nicht ein, seinen Vater zum Helden zu stilisieren - daß dessen unerschrockene Art, dem Regime zu begegnen, alles andere als selbstverständlich war, mag man indes auch den Erinnerungen von Hubertus Prinz zu Löwenstein entnehmen, der in „Abenteurer der Freiheit“ schrieb, Hans Fest habe „zu den mutigsten katholischen Widerstandskämpfern“ gehört, die ihm überhaupt begegnet seien. Die Familie Fest bildete eine verschworene Gemeinschaft, was zumal den Söhnen an jenem Abend deutlich wurde, als der Vater ihnen den Satz „Etiam si omnes - ego non“ aus der Ölberg-Szene im Matthäus-Evangelium mit auf den Weg gab, den Joachim Fest nun im Titel wieder aufgreift.

          Weitere Themen

          Franks Horrorshow

          TV-Kritik zu Wahlsendungen : Franks Horrorshow

          Kurz vor der Wahl wird es hektisch – jeder hat noch etwas zu sagen. Während sich Martin Schulz in der „Wahlarena“ Einzelschicksalen stellt, hat Frank Plasberg seine „hart aber fair“-Fragen offenbar aus einem AfD-Chat abgeschrieben.

          Per Fahrrad in fast 80 Tagen um die Welt Video-Seite öffnen

          Guinness-Rekord : Per Fahrrad in fast 80 Tagen um die Welt

          Der britische Ausdauersportler Mark Beaumont hat den Guinness Weltrekord für die schnellste Erdumrundung per Fahrrad gebrochen, er schaffte es in nicht einmal 79 Tagen, die rund 29.000 Kilometer zu radeln. Der Radler aus Schottland wurde im Ziel von seiner Mutter empfangen, die zugleich seine Managerin ist. Und auch Ehefrau und beide Töchter begrüßten den neuen Weltrekordler.

          Topmeldungen

          Aufstieg bei den Konservativen : Der britischste aller Briten

          Jacob Rees-Mogg war schon immer anders. Mit fünf Jahren wurde er Mitglied der Tories, doch niemand sagte ihm eine große Karriere voraus. Nun steht er plötzlich im Rampenlicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.