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Jo Lendle folgt Michael Krüger : Der Hanser Verlag im Generationswechsel

  • -Aktualisiert am

Unbekümmert und intensiver Blick: Jo Lendle, Jahrgang 1968 Bild: dpa

Nach langem Rätselraten ist sie nun endlich verkündet: die Regelung der Nachfolge des Hanser-Verlegers Michael Krüger. Ihm folgt 2014 Jo Lendle von DuMont nach.

          Ausgerechnet am Ende einer Woche, da die Zukunft des Suhrkamp Verlags unklarer scheint denn je, macht der andere große Literaturverlag im Land klar Schiff. „Hanser regelt die Nachfolge von Michael Krüger“: Das ist die eigentliche Nachricht, an die nach Jahren wilder Gerüchte und immer wieder verlängerter Verträge für den legendären Hanser-Chef fast schon niemand mehr glauben wollte. Damit ist die Befürchtung, Hanser könne (auch ohne Witwe in den Kulissen) einen ähnlichen Weg wie Suhrkamp nehmen, abgewendet. Der künftige Verleger heißt Jo Lendle, ist vierundvierzig Jahre alt und hat sein bisheriges Berufsleben beim Kölner DuMont Verlag verbracht, wo er 2010 vom Programmleiter Literatur zum verlegerischen Geschäftsführer aufstieg. Nicht bloß nebenbei ist der gebürtige Osnabrücker Familienvater und ein erfolgreicher Romancier. In gut zwölf Monaten soll er in der Münchner Hanser-Zentrale übernehmen.

          Längst ist man gewohnt, dass neue Besen, kaum bestellt, auch schon kräftig kehren. Darum mutet es zunächst geradezu wahnwitzig an, diese wichtige Personalie derart früh bekanntzugeben - wie, so fragt man sich, soll der designierte Nachfolger bis dahin weiter konzentriert und glaubwürdig seine jetzige Arbeit tun, und warum mutet man Krüger zu, sein letztes Jahr schon im Schatten eines Kronprinzen zu verbringen? Die Antwort kann nur lauten: weil es nicht so sein wird. Bereits daran lässt sich erkennen, dass hier eine überzeugende Wahl getroffen wurde.

          Mit literarischem Sachverstand statt Summen punkten

          Denn so überraschend der Zeitpunkt der Verkündung erscheint, so einleuchtend ist die Entscheidung selbst. Das will im Fall Krüger etwas heißen. Seit langem herrschte die Befürchtung, nach Michael Krüger käme lange nichts, dann wieder nichts und dann ein Vakuum. Sein Posten schien nicht besetzbar, denn Krüger ist in der literarischen Welt eine Übergröße, ein charismatischer Verleger-Tausendsassa, der die Tugenden des umfassend gebildeten Lesers mit den Erfahrungen eines Schriftstellers und Dichters von Rang sowie mit unermüdlichem Arbeitsfuror, hoher Empathie und anziehender Melancholie verbindet. Über diesen Mann, der seit mehr als vierzig Jahren im Hanser-Dienst ist und das Haus seit einem Vierteljahrhundert leitet, hört man in der sonst so klatschsüchtigen Branche nie ein schlechtes Wort.

          Hanser, wozu auch Nagel&Kimche in der Schweiz, Zsolnay und Deuticke in Österreich, das Geschenkbuchlabel Sanssouci und seit kurzem Hanser Berlin gehören, ist der Traum eines jeden Verlegers; die Nachfolge Krügers anzutreten hingegen ein absoluter Albtraum. Wer das wagt, kann praktisch nur den Kürzeren ziehen. Und während man Krüger und Siegfried Unseld, so wenig wie Gary Cooper und Richard Burton nie miteinander verglich, drängen sich nun die Ähnlichkeiten zwischen Krüger und seinem designierten Nachfolger geradezu auf. Wie Krüger hat Lendle als Lektor begonnen und ist auch, nachdem er die Leitung bei DuMont übernommen hat, nah an der Literatur geblieben. Im Herbst gelang es ihm, den wichtigsten amerikanischen Roman des Jahres, Chad Harbachs „Kunst des Feldspiels“, zu DuMont zu holen, und das nicht allein des Geldes wegen.

          Seine Fähigkeit, mit literarischem Sachverstand statt Summen zu punkten, dürfte indes in Verhandlungen etwa mit Andrew Wylie, dem mächtigen Literaturagenten, noch auf manch harte Probe gestellt werden. Wie Krüger ist Lendle kein Krawattentyp, aber ein Autorenverleger im doppelten Sinn: Einer, der das eigene Schreiben im Gespräch als „Grundbedingung, ohne die ich nicht existiere“, bezeichnet und somit von Gleich zu Gleich mit den Schriftstellern spricht, und einer, der Anspruch vor Umsatz setzt und das Programm wohl nicht mit artfremden Büchern verwässern wird. „Er ist einer von uns“, bringt es ein Beobachter auf den Punkt. Insofern verspricht der Generationswechsel auch Kontinuität.

          Mitten in einer historischen Umwälzung des Buchmarkts

          Lendle verlässt DuMont nicht mit fliegenden Fahnen. „Mir liegt viel an diesem Verlag“, sagt er am Telefon. „Ein solches Team werde ich nie wieder finden.“ Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit. Am Donnerstagabend platzte die Nachricht seines Weggangs ausgerechnet in die Weihnachtsfeier. Aber Hanser ist eine so gute Adresse, dass sich bei den Kölnern auch Stolz ins Bedauern mischen dürfte. Zumal DuMont, wo man sich nun nach einigen Wechseln abermals auf Verlegersuche machen muss, in extrem schwierigen Buchhandelszeiten gut dasteht. Was DuMonts Zukunft angeht, mache er sich keine Sorgen, sagt Lendle. „Wir haben gute Leute, gute Pläne und gute Projekte.“ Um über seine Visionen für Hanser zu sprechen, ist es noch zu früh; dass er ans digitale Buchgeschäft offener und optimistischer herangeht als der notorisch skeptische Krüger, ist evident. Lendle, so die Prognose, wird vieles anders machen, aber das Allerwichtigste ähnlich.

          Der Wechsel kommt mitten in einer historischen Umwälzung des Buchmarkts. Gerade ein Verlag wie Hanser bekommt den Umsatzeinbruch bitter zu spüren. Kein anderer hat so viele Nobel- und Büchnerpreisträger im Programm, macht schönere Klassikerausgaben, engagiert sich so für die darbenden Disziplinen Dichtung und Literaturwissenschaft. Michael Krüger hat all das stets trügerisch leicht geschultert. Noch geht der geniale Verleger nicht in den unvorstellbaren Ruhestand.

          Quelle: F.A.Z.

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