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Jenny Erpenbeck Gretel am Seil: „Der gescheite Hans“ von den Brüdern Grimm

20.02.2006 ·  Am Anfang ist die Geschichte vom „gescheiten Hans“ noch zum Lachen. Dann aber wandelt sich seine Dummheit in Bosheit. Das Lieblingsmärchen der Autorin Jenny Erpenbeck ist das wohl grausamste der Gebrüder Grimm.

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Der gescheite Hans, eingespannt zwischen seine Braut und seine Mutter. Hans geht hin, läßt sich von seiner Braut beschenken, Hans geht zurück, und die Mutter erklärt ihm, wie er mit den Geschenken umgehen muß. Nur, daß er immer um eins zu spät ist.

Die Nadel steckt er in den Heuhaufen, das Messer aber an den Ärmel, die Ziege legt er in die Tasche, wo sie erstickt, bindet dafür den Speck an ein Seil, wo die Hunde ihn abfressen, hernach tut er sich ein Kalb auf den Kopf, das zertritt ihm sein Gesicht, als aber die Gretel sich ihm am Ende selber schenken will, bindet er sie an ein Seil, führt sie in den Stall und wirft ihr Heu vor.

Am Ende trifft sein Fehler die Welt

„Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest ihr freundliche Augen zuwerfen“, spricht die Mutter. Da geht Hans in den Stall, sticht allen Kälbern und Schafen die Augen aus und wirft sie der Gretel ins Gesicht.

Zum Lachen ist der Hans am Anfang, zum Lachen ist sein ewiges Unterwegssein, sein vieles Habenwollen, zum Lachen, daß er alles wörtlich nimmt, zum Lachen, daß er selbst immer in Bewegung bleibt, aber sein Kopf so starr ist.

Bis er am Ende, so scheint es, unser Lachen doch gehört hat, und da wird aus seiner Dummheit auf einmal Bosheit, da hat am Ende unser Lachen das lächerliche Kind in ein grausames Wesen verwandelt. Am Ende trifft sein Fehler die Welt, die ihn fehlgehen ließ.

Wo ist Hans Vater?

Ist die Verzweiflung sein Geschenk? Oder ist sie vielmehr sein Geschenk an die Braut? Läßt er seine Mutter an sich verzweifeln? Oder sie ihn an den Prüfungen? Erschöpft den Hans die Jagd nach dem Selbstverständlichen? Oder ist er es, der Hans, der immer haben will, der seine Frauen erschöpft? Lachen die Frauen über ihn, oder weinen sie? Stellt Hans sich dumm, um seine Freiheit zu erkämpfen? Hat er am Ende verloren oder gewonnen? Auf wessen Seite sind Lachen, Verzweiflung, Erschöpfung?

Darüber wird in diesem Märchen nichts erzählt. Seine Mechanik macht mich lachen, seine Grausamkeit erschreckt mich, aber die Moral, die zu beidem gehört, kann ich mir selbst aussuchen, sie wird mir nicht geschenkt, und wo der Vater von Hans ist, kann mir auch keiner sagen.

Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm kosten in der dreibändigen Ausgabe des Reclam Verlags 29,90 Euro.

Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck, geboren 1967, veröffentlichte zuletzt den Prosaband „Wörterbuch“.

Quelle: F.A.Z., 21.02.2006
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