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Jelineks Internetroman „Neid“ : Frauen, Männer, Klischees

Tragödien und Farcen des Welttheaters: Szene aus Jelineks Stück „Über Tiere” am Deutschen Theater Berlin Bild: picture-alliance/ dpa

Ein Buch, das kein Buch ist, weil es nicht gedruckt, sondern allenfalls ausgedruckt wird, ein Roman, der kein Roman ist, sondern ein „Privatroman“: Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat ihr 936 Seiten starkes Werk „Neid“ im Internet abgeschlossen.

          Ein Resümee? Nein, ein Resümee möchte Elfriede Jelinek nicht ziehen. 936 Seiten umfasst „Neid“, der erste Roman der Nobelpreisträgerin, der im Internet und für das Internet geschrieben wurde, ein Buch, das kein Buch ist, weil es nicht gedruckt und gebunden, sondern allenfalls ausgedruckt wird, ein Roman, der kein Roman ist, sondern ein „Privatroman“. „Neid“, das ist eine Geschichte, die keine Geschichte erzählt, sondern Geschichte verhandelt: Privatgeschichte und Zeitgeschichte, Wassertropfen aus der alltäglichen Nachrichtenflut bis hin zu Amstetten und Natascha Kampuschs Schicksal.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Sterben der Städte, das Verschwinden der Arbeit, Frauenschicksale und Männerklischees, der Hass auf Österreich, die verkommene Touristenkulisse und perfekte Probebühne für die Tragödien und Farcen des Welttheaters, das sind in etwa die wichtigsten Themen dieses Projekts, das im vergangenen Jahr begonnen und vor kurzem abgeschlossen wurde, als die Autorin dem Wörtchen „Ende“ noch eine Nachbemerkung folgen ließ: „Unvollständige oder fehlerhafte Sätze bitte (jeder für sich selbst) ergänzen bzw. korrigieren.“ Das Lektorat ist an die Leserschaft übergegangen.

          „Wahrscheinlich“ wird kein Buch mehr von ihr erscheinen

          Ein Resümee der Schreiberfahrung der vergangenen zwölf Monate möchte sie nicht ziehen, sagt Elfriede Jelinek im Gespräch, „weil ich mich ja durch diese Form der Veröffentlichung (gleichzeitig privat, aber für jeden Zugriff frei) davor schützen wollte, irgendwelche Resümees ziehen zu müssen“. Allerdings sei sie nach wie vor „völlig überzeugt“ von dieser Veröffentlichungsform: „Wahrscheinlich, wissen kann man's nie“, werde kein Buch mehr von ihr erscheinen.

          Offenbar hat Elfriede Jelinek im Internet die Arbeitsbedingungen gefunden, die ihr am ehesten gemäß sind: Frei von jeglichen Verwertungszwängen herrschen hier autonome Innerlichkeit und Privatheit in ihrer denkbar öffentlichsten Form. So ist ein Werk entstanden, das die Mittel des Blogs benutzt, um nahezu sämtliche Fesseln des Romans abzustreifen. E. Ruge, die Verlegerin der Nobelpreisträgerin, geht dennoch davon aus, dass „Neid“ ein „Sonderfall“ bleibt, und zeigt sich gelassen: Zwar sei sie traurig um jedes nicht gedruckte Buch, aber sie habe gemeinsam mit dem Lektor Delf Schmidt die Entscheidung ihrer Autorin akzeptiert: „Wir haben nicht einmal versucht, sie umzustimmen. Ich habe nie etwas davon gehalten, unsere Autoren zu etwas zu bewegen, was sie nicht wollen.“

          „Es ist da, für jeden - und gleichzeitig weg, das gefällt mir

          Die Seite elfriedejelinek.com, erstellt am 4. Mai 1996, zuletzt aktualisiert am 12. Mai 2008, verzeichnet seit dem 1. Februar 1998 fast sechshunderttausend Besuche. Etwa dreitausend Druckseiten sowie um die 750 Bilder umfasst diese Homepage, die zugleich eine virtuelle Werkausgabe in immerwährendem Status Nascendi ist. Denn Änderungen sind jederzeit möglich. Damit tritt ein, was Autoren Traum und Albtraum zugleich ist: Kein Text ist jemals fertig. Alles bleibt vorläufig, fließend, in potentiell jederzeit zu beschleunigender Bewegung. Dass ein Text keine Bearbeitung erfährt, muss keineswegs bedeuten, dass er als abgeschlossen oder gar vollendet betrachtet wird. Der nicht mehr bearbeitete Text kann genauso gut ein vernachlässigter oder verstoßener Stief-Text sein.

          So wird die Aushöhlung des klassischen Werkbegriffs, die in Elfriede Jelineks Schaffen immer schon angelegt war, im Netz auf die Spitze getrieben. Immer schon glichen ihre Theaterstücke Materiallagern, aus denen sich die Regisseure bedienen konnten, und immer mehr überließen sich ihre Prosatexte dem freien, betont arbiträren Spiel der Assoziationen. Die Aufgabe der Sinnproduktion im Text wurde von der ordnenden Autorinnenhand gern an eine sich scheinbar selbst organisierende Sprache und an die ordnend-assoziierende Lektüre der Leser delegiert.

          Wo die Sinnstiftung an sich schon als Machtausübung verstanden wird, wo jede Organisation des Textes unter dem Verdacht der hierarchischen Handlung steht, wird Flüchtigkeit als Freiheitsgewinn verbucht: „Mir gefällt der Gedanke, dass jeder, der will, sich etwas von mir herunterladen kann, es irgendwo zerstreut, ein paar Seiten, auch auf dem Handy konsumiert, und dann verschwindet es wieder im Netz. Es ist da, für jeden“, sagt Elfriede Jelinek über ihr Projekt, „und gleichzeitig weg, das gefällt mir.“ Dass der Roman sich nicht zwischen zwei Buchdeckeln materialisieren darf, könnte man fast als Sühne dafür nehmen, dass auch dieser Text seine Existenz einem Schöpfungsakt verdankt.

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