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Jane Austens Sidekicks (III) : Seht da, Frau Knauserig!

Nicht in meinem Haus! Mrs. Norris zeigt sich im Gespräch mit Lady Bertram entsetzt von der Idee, dass sie Fanny Price ein Zimmer überlassen könnte. Bild: Getty

Vom Pfarrhaus durch den Park zur Hölle: Mrs. Norris, Tante in „Mansfield Park“, ist die vollkommene Studie eines boshaften Charakters. Aber Jane Austen spielt mit der Idee eines anderen Endes.

          An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Mrs. Norris, die Schwägerin von Sir Thomas Bertram, dem Hausherrn von Mansfield Park, hat an der Stallmauer des Pfarrhauses einen Aprikosenbaum gepflanzt, wenige Monate vor dem Tod ihres Gatten, dem Sir Thomas die Pfründe übertragen hatte. Zu einem edlen Baum ist der Setzling herangewachsen, der sich nicht einfach „so gut macht“, wie Ursula und Christian Grawe in der Reclam-Ausgabe von „Mansfield Park“ ungenau übersetzen, sondern „such perfection“ erreicht hat: Er ist ein Inbild der Vollkommenheit – in den Augen von Mrs. Norris.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Sie richtet diese Worte an Dr. Grant, den Nachfolger von Mr. Norris in Amt, Würden, Wohn- und Gartennutzungsrechten des Pfarrers. Mrs. Norris will mit dem Lob ihrer Züchtung belegen, dass auch sie, hätte ihr kränkelnder Gatte ihren Handlungsradius nicht auf null reduziert, alles Menschenmögliche für das „improvement“ getan hätte, die Veredelung der baulichen Umwelt mit den Mitteln der Landschaftsgärtnerei, die Jane Austen in ihrem 1814 veröffentlichten Roman wie Goethe in den fünf Jahre älteren „Wahlverwandtschaften“ als Leitsymbol für die Manipulation des Vorgegebenen verwendet, das Spiel mit dem Schicksal. Leider muss sich Mrs. Norris von Dr. Grant darüber aufklären lassen, dass die Aprikosen ungenießbar sind.

          Das Patenkind bekam kein Gebetbuch

          Mit dem Bild vom Indizienwert der Früchte warnt Jesus die Jünger in der Bergpredigt vor den falschen Propheten. Im anglikanischen Kirchenjahr wird die Stelle aus dem siebten Kapitel des Matthäus-Evangeliums am achten Sonntag nach Trinitatis vorgelesen. Wie sämtliche Lektionen ist sie im Book of Common Prayer der Kirche von England abgedruckt. Die Patentochter von Mrs. Norris, ihre Nichte Betsey, kann die Worte Jesu dort nicht nachlesen. Jedenfalls hat sie von ihrer Patin kein Gebetbuch zum Geschenk bekommen, obwohl eine solche Gabe üblich war und man sie von der Gattin eines Pfarrers hätte erwarten müssen.

          Mrs. Norris hat zwei Schwestern. Maria heiratete den reichen Sir Thomas und verbesserte mit dieser Partie den Status ihrer Familie, Frances gab ihr Jawort aus Trotz einem Marineoffizier ohne Karrierechancen namens Price und zahlte für diesen Eigenwillensakt den in ihrem Ehenamen angekündigten Preis: Verbannung aus dem Paradiesgarten des Parks von Mansfield, in dessen Bezirk die dritte Schwester nach der Vermählung mit einem Jugendfreund von Sir Thomas Aufnahme fand. Die Prices mit ihren vielen überzähligen Kindern wohnen in der Hafenstadt Portsmouth; nach Mansfield in Northamptonshire besteht lediglich eine briefliche Verbindung, reduziert auf Geburts- und Todesanzeigen.

          Eines Tages stand im Salon von Mansfield für einen Augenblick die Frage im Raum, ob es nicht schicklich wäre, der religiösen Unterweisung der kleinen Betsey, die ja nichts dafür kann, dass sie die nach Lastern riechende Hafenluft atmen muss, mit einem Buchgeschenk die von der Kirche vorgeschriebene Grundlage zu verschaffen. Mrs. Norris nahm in ihrer Witwenklause zwei Gebetbücher aus dem Nachlass von Mr. Norris aus dem Bücherschrank. Als sie die Bände in der Hand hatte, verflüchtigte sich ihr Anflug von Großzügigkeit. „Das eine Buch eignete sich nicht, weil es für die Augen eines Kindes zu klein gedruckt war, das andere wurde für zu schwer befunden.“

          Als Thema nannte die Autorin die „Weihe“

          Nicht einmal Dubletten kann Mrs. Norris erübrigen, Bücher, die im Pfarrerswitwenhaushalt keine Seele mehr erreichen, nur Staub fangen. So wenig ist ihr an der Verbesserung des sittlichen Bewusstseins des Patenkindes gelegen, dem einzigen „improvement“, das den Weg zur Vollkommenheit weist im Kosmos des Romans, als dessen Thema die Autorin in einem Brief „ordination“ bestimmte, die Weihehandlung, die einen Weltmann wie Dr. Grant, Mr. Norris oder Edmund Bertram, den jüngeren Sohn von Sir Thomas, in den geistlichen Stand versetzt.

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