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Jane Austens Sidekicks (III) : Seht da, Frau Knauserig!

Mrs. Norris hält sich für die Nächstenliebe in Person, doch die Umsetzung des guten Willens in die karitative Tat vereitelt stets die Einsicht, dass sie als arme Witwe sparen muss. Die Zuwendung, die sie der abwesenden Nichte vorenthält, für die sie kraft der Taufe Verantwortung trägt, verschwendet sie an die Nichten, mit denen sie täglich Umgang hat, Maria und Julia Bertram. Sie nimmt der Mutter die Erziehung ab und verdirbt die törichten Jungfrauen, denen sie alle Wünsche von den hübschen Lippen abliest.

Unrast des Geistes, Trägheit des Herzens

Wie im allerersten Absatz steht, verkörpert Mrs. Norris „a spirit of activity“, einen Geist des ruhelosen Einmischens, der Wichtigtuerei und des Organisierens um seiner selbst willen: eine durch und durch moderne Qualität – der Historiker Thomas Babington Macaulay, ein großer Bewunderer Jane Austens, führte alle „vices“ der Regierung Friedrichs des Großen auf „the spirit of meddling“ zurück.

Dagegen begegnet uns Lady Bertram, die in ihren Kissen thront, ewig mit Handarbeiten beschäftigt ist, bei den simpelsten Verrichtungen Hilfe braucht und nach Gesellschaft verlangt, weil ihr der Schoßhund nicht genügt, den sie den Töchtern vorzieht, als Allegorie der Todsünde der acedia, der Trägheit des Herzens. In so vielen witzigen Vignetten variiert Jane Austen die komplementären Charakterporträts der Schwestern, dass Q. D. Leavis, die mit ihrem Mann F. R. Leavis das gestrenge kritische Journal „Scrutiny“ redigierte, schon 1944 beklagte, dass Mrs. Norris und Lady Bertram offenbar die Lieblingsfiguren der meisten Leser seien, obwohl sie eine rein ornamentale Funktion hätten, ohne Bedeutung für die Struktur des Romans.

Sie bringt die Handlung erst in Gang

Vladimir Nabokov demonstrierte in seinen Vorlesungen an „Mansfield Park“ einen anderen Strukturbegriff: Strukturell wichtig sind die Momente der Handlung, durch welche die Autorin die Handlung voranbringt. Mrs. Norris bringt die Handlung überhaupt erst in Gang. Die erste Tat ihres Geistes der Aktivität ist die Anregung, man möge in Mansfield zum Zweck der Entlastung der bedauernswerten Schwägerin in Portsmouth eines von deren Kindern aufnehmen. So wird Fanny Price nach Mansfield geschickt, der ihre Tante Mrs. Norris sogleich mit unfasslich systematischer Bosheit jegliche Fürsorge vorenthält.

Überrascht stößt der Leser im dritten Band auf die Erwägung, dass Mrs. Norris, hätte die Vorsehung sie anstelle ihrer Schwester in den Trinkerhaushalt am Meer versetzt, eine achtbare Mutter hätte abgeben können. Jesus sagt: „Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.“ Der noble Aprikosenbaum im Pfarrgarten von Mansfield widerlegt diesen Fatalismus. Es kommt immer auch auf den Boden an. Und auf das Wetter: Fanny hätte statt des braven Edmund auch den unsteten Henry Crawford heiraten können. Neu ist an diesem Roman Jane Austens, dass er einen solchen alternativen Ausgang als möglich hinstellt und als realistisch darstellt.

Im reich gesegneten Mansfield, zu dessen Vollkommenheit, wie Lionel Trilling beobachtete, sogar Lady Bertram beiträgt, weil der Park wie der Himmel kein Ort der Tätigkeit ist, blieb Mrs. Norris, die Kinderlose, furchtbarerweise in ihrer gesamten Existenz fruchtlos. Sie wird am Ende verbannt.

Fanny bei sich wohnen zu lassen, hatte die Knauserige abgelehnt, und gemäß poetischer Gerechtigkeit nimmt sie in ihrem neuen Häuschen in einer anderen Grafschaft ihre Lieblingsnichte Maria auf, die sich als Ehebrecherin unmöglich gemacht hat. Wie Dantes Verbannte Strafen ausführen müssen, die ihre Laster nachäffen, so erhält Mrs. Norris in kleinstem Kreis ein neues Feld für ihren Geist der Aktivität.

Jane Austens Sidekicks

Die Nebenfiguren in den Romanen von Jane Austen sorgen nicht nur für komische Erleichterung im romantischen Plot. In diesen markanten Charakteren charakterisiert Austen zugleich ihre Zeit. Eine Feuilleton-Serie zum 200. Todestag der Schriftstellerin.

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