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Veröffentlicht: 10.07.2017, 22:47 Uhr

Jane Austens Sidekicks (II) Eine Dame verschwindet

Die Tante von Mr. Darcy will die Verbindung ihres Neffen mit Elizabeth Bennet um jeden Preis verhindern – und führt sie dadurch erst herbei.

von Birte Förster
© F.A.Z.-Archiv „I assure you I feel it exceedingly“: Lady Catherine nach der Abreise von Mr. Darcy und Oberst Fitzwilliam (Kapitel 37), gezeichnet von Charles E. Brock.

Lady Catherine war eine große, raumgreifende Frau, mit scharfen Zügen, die einst schön gewesen sein mochten. Ihr Auftreten hatte nichts Gewinnendes, und sie empfing ihre Besucher in einer Weise, die jene ihren niedrigeren Rang niemals vergessen ließ. Nicht durch Schweigen flößte sie Respekt ein; stattdessen schlug sie einen gebieterischen Ton an, der ihre Selbstgewissheit jedem kundtat.“

So stellt Jane Austen in „Stolz und Vorurteil“ Lady Catherine de Bourgh vor, eine der beiden Gegenspielerinnen ihrer Heldin Elizabeth Bennet. Sozial betrachtet, ist die Witwe von Sir Louis de Bourgh und Tante von Fitzwilliam und Georgiana Darcy der Star des Romans. Ein Schloss mit 64 Fenstern namens Rosings Park, einen unvorstellbar teuren Kaminsims, einen Vierspänner und nicht zuletzt einen unterwürfigen Pfarrer nebst Dorf und Gemeinde darf die Adelige ihr Eigen nennen.

Meisterin ohne Übung

Lady Catherine, das macht jeder ihrer Sätze deutlich, hat ein Anrecht darauf, im Mittelpunkt zu stehen. In die Machtspiele der Patronin schreibt Austen Komik und Absurdität ein. „I must have my share in this conversation“, verlangt die Dame, als Elizabeth am Klavier Mr. Darcy mit Charme und Witz den Kopf immer weiter verdreht. Sie selbst habe zwar das Klavierspiel nie erlernt, wäre aber zweifelsohne zur Meisterschaft gelangt, wenn sie es nur getan hätte.

Die Patronage der adeligen Dame ist jedoch aus Sicht ihrer Klienten ein wenig attraktives Angebot, denn sie nimmt sich heraus, fast wie eine Diktatorin in die privaten Belange ihres Pfarrers Mr. Collins hineinzuregieren – selbst die Höhe der Regalbretter im Gästezimmer des Pfarrhauses hat sie bestimmt. Auch bei der Brautwerbung ihres unterwürfigen Günstlings ist die Patronin verbal anwesend, war sie es doch, die ihn ungefragt zur Heirat gedrängt hatte. Eine bescheidene Frau aus dem Landadel habe er finden sollen, erzählt der höchst ungeschickt werbende Pfarrer seiner Kusine Elizabeth – sicher damit rechnend, gerade wegen seiner Patronin werde er nie einen Korb erhalten.

 
Eine große Lady macht Mikropolitik: Lady Catherine de Bourgh, die Anti-Heldin in „Stolz und Vorurteil“.
 
Lady Catherine de Bourgh glaubt, sie mache Angebote, die man nicht ausschlagen könne. Sie täuscht sich.
 
Klaviervirtuosin ohne Übung: @BirteFoerster erklärt das Paradoxon namens Lady Catherine de Bourgh.

Als unangefochtene Alleinherrscherin ihrer Besitzungen hat Lady Catherine das Dorf Hunsford und dessen Bewohner fest im Griff. Doch was in Hunsford recht und billig ist, lässt sich auf die weiteren Romanfiguren nicht mehr ohne weiteres übertragen. Den schlichten Sir William Lucas vermag sie zwar einzuschüchtern, aber ihr Versuch, Elizabeth Bennet zu beeindrucken und unter ihre Fittiche zu nehmen, scheitert.

Mr. Darcy hat seine Augen längst anderswo

Lizzy schlägt das Angebot der Patronage aus: Sie ist nicht dankbar für die huldvolle Geste, Klavier im Zimmer der Gesellschafterin üben zu dürfen, und will sich auch nicht von Lady Catherine in deren Kalesche nach London fahren lassen. Mit scharfem Auge erkennt sie zudem, dass Lady Catherines Pläne, ihren Neffen mit ihrer kränkelnden Tochter und Erbin Anne zu verheiraten, nicht aufgehen. Eine treffende Beobachtung: Mr. Darcy hat Blick und Herz auf eine andere gerichtet und ringt bereits seine Zweifel an familiärem Hintergrund und sozialem Status nieder.

Elizabeth Bennet, darum kreist der Roman, ist eine moderne Frau, die sich Konventionen entzieht, für die sie keine moralische Begründung erkennt. Ihre Handlungsmaxime ist es eben nicht, sich um den Preis der Abhängigkeit einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. Sie will eigenständig Entscheidungen treffen – trotz jener drückenden materiellen Unsicherheit, die sie für Patroninnen und wohlhabende Gatten in spe zu leichter Beute machen müsste.

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