16.06.2005 · Vor vierzig Jahren zog sich J.D. Salinger, Autor des „Catcher in the Rye“, in die Einsamkeit einer Waldhütte zurück und verstummte. Seine letzte Novelle ist nie in Buchform erschienen - doch sie findet sich im Internet.
Von Reinhard HellingNur wenige Schriftsteller können es sich erlauben, jahrzehntelang kein Buch zu veröffentlichen, ohne dabei in Vergessenheit zu geraten. Im Falle des Amerikaners Jerome David Salinger bewirkte sein völliger Rückzug aus der Welt sogar das Gegenteil: Er wurde für seine Fans immer interessanter.
Am 1. Januar 1953, anderthalb Jahre nach dem Erscheinen seines einzigen Romans, „The Catcher in the Rye“, am 16. Juli 1951, entfloh er dem Rummel um seine Person, indem er sich aus dem geschäftigen New York, wo er 1919 geboren wurde, in die Einsamkeit einer Waldhütte in Cornish, New Hampshire, zurückzog.
Keine Fotos, keine Lesungen
Mit gerade mal 34 Jahren hatte er beschlossen, dem Literaturbetrieb als Person nicht länger zur Verfügung zu stehen. Folglich gab es keine Interviews, keine Fotos, keine Lesungen. Vertreten durch die Agentur Harold Ober Associates Inc. in New York, gingen Anwälte sogar juristisch gegen jeden Eingriff in seine Privatsphäre vor und ließen dem unerwünschten britischen Biographen Ian Hamilton 1987 das Zitieren aus Salingers Briefen verbieten.
Gleichwohl versorgte dieser die Leser des Magazins „The New Yorker“, bei dem er 1948 mit „A Perfect Day for Bananafish“ debütiert hatte, weiter mit Geschichten, zeugte mit seiner Frau Allison Claire Douglas die Kinder Margaret Ann (geboren 1955) und Matthew Robert (geboren 1960) und veröffentlichte - wieder bei Little, Brown and Company in Boston - drei weitere Bücher: „Nine Stories“ (1953), „Franny and Zooey“ (1961) und „Raise High the Roof Beam, Carpenters; and Seymour: An Introduction“ (1963). Auf deutsch erschienen die „Neun Erzählungen“, „Franny und Zooey“ und „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute, und Seymour wird vorgestellt“ bei Kiepenheuer & Witsch.
Lang anhaltendes Schweigen
Des Dichters Verstummen vor vierzig Jahren kam also nicht ohne Vorwarnung, letztlich aber doch unerwartet: Als Salingers Hausblatt „The New Yorker“ in seiner Ausgabe vom 19. Juni 1965 die Novelle „Hapworth 16, 1924“ aus dem Zyklus über die Glass-Familie abdruckte, ahnte niemand, daß dies bis heute seine letzte literarische Wortmeldung sein sollte. Seitdem hören wir aus Cornish nur noch ein lang anhaltendes Schweigen des heute sechsundachtzigjährigen Autors.
„Ich schreibe nur noch zu meinem eigenen Vergnügen“, gestand Salinger 1974 in einem seiner raren Statements gegenüber Lacey Fosburgh von der „New York Times“ und brachte seinen Kummer über den Raubdruck seiner frühen Geschichten zum Ausdruck. „Ich wollte, daß sie eines perfekten natürlichen Todes sterben.“ Im Telefongespräch mit der Reporterin betonte er, daß im Nichtveröffentlichen „ein wunderbarer Friede“ liege. Wie ein Niesen in der Kirche störten in den vergangenen Jahren allein seine Ex-Geliebte Joyce Maynard und seine Tochter Margaret Ann mit Erinnungsbüchern über ihre Zeit mit dem Eremiten diese Ruhe.
Gespreizte Gedanken
Die Titelseite des „New Yorker“ schmückte an jenem Samstag im Juni 1965 eine romantische hellblau-rosafarbene Zeichnung des Kinderbuchillustrators William Steig. Inmitten hüfthoher Blumen lehnt ein verliebtes Paar an einem Baum. Der innige Kuß, den sich die beiden geben, läßt sie die Welt ringsum vergessen. Auch der Autor scheint zu diesem Zeitpunkt - er ist jetzt 46 Jahre alt und seit 25 Jahren im Geschäft - kaum mehr an seine Leser gedacht zu haben. Bei „Hapworth“ handelt es sich um einen einzigen langen, kaum enden wollenden, abschweifenden Brief von Seymour Glass, ergänzt allein um eine kurze Vorbemerkung seines zwei Jahre jüngeren Bruders Buddy. Von der saloppen Sprache Holden Caulfields aus dem „Fänger im Roggen“, der so gern fluchte, sind Seymours gespreizte Gedanken weit weg.
„Hapworth“ füllt fast das gesamte Heft aus und erstreckt sich über fünfzig Seiten. Angesichts der Textmenge von 26.000 Wörtern, die das Magazin hier seinen Lesern zumutet, bekommt die Widmung, die Salinger „Franny und Zooey“ vorangestellt hatte, eine ganz neue Bedeutung. Darin nannte er William Shawn, der 35 Jahre lang, von 1952 bis 1987, Chefredakteur des Intelligenzblattes war, seinen „Lektor, Mentor und - (Gott stehe ihm bei!) - engsten Freund“ und lobte ihn als einen Mann, „der das Weitgesteckte liebt, die Unergiebigen beschützt, die Wortreichen verteidigt“. Der Abdruck von „Hapworth“ war sicher Shawns kühnste Tat.
Ein überlanger Brief
Verfasser des überlangen Briefes ist also der siebenjährige Seymour Glass, den dieser 1924 aus dem Ferienlager „Camp Simon Hapworth“ in Maine an seine Familie - namentlich an die Eltern Bessie und Les, die Schwester Beatrice, genannt Boo Boo, und die Zwillinge Walter und Walker - geschrieben hat. (Die jüngeren Geschwister Franny und Zooey Glass, denen Salinger je eine eigene Geschichte gewidmet hatte, wurden erst später geboren; Seymours fünfjähriger Bruder Buddy ist mit in Maine.) Strenggenommen aber ist der Brief eine Wort-für-Wort- und Komma-für-Komma-Abschrift, ausgeführt von Buddy Glass am 28. Mai 1965. Versehen mit einer doppelten zeitlichen Rückwärtsschraube, fügt Salinger diesen vorerst letzten Baustein zu den ineinander verzahnten Geschichten seines Zyklus über die New Yorker Variete-Familie Glass, die neben den Caulfields seine zweite große Schöpfung ist.
Von den sieben Kindern der hochintelligenten und „etwas zu groß geratenen“ Familie wurde Seymour, der Erstgeborene, der Berühmteste. Seinen ersten kurzen Auftritt hatte er 1948 in der Geschichte „Ein herrlicher Tag für Bananen-Fisch“ und wurde von seinem Erfinder gleich mit einem Knalleffekt ausgelöscht: Seymour setzte seinem Leben mit 31 Jahren auf seiner Hochzeitsreise in Florida mit einem Kopfschuß ein Ende.
Hochzeit ohne Bräutigam
Doch damit war der Fall für Salinger keineswegs erledigt. Er verschaffte Seymour - dabei in der Chronologie zurückgehend - weitere Auftritte: „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“ schildert seine Hochzeit 1942 mit Muriel Fedder, bei der der Bräutigam durch Abwesenheit glänzt, und am ausführlichsten 1959 in „Seymour wird vorgestellt“. Verfasser war in beiden Fällen Familienchronist Buddy, den man getrost als Alter ego von Salinger deuten darf: Beide sind 1919 geboren, haben keinen Schulabschluß, waren im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Europa, wurden Schriftsteller und Verfasser eines einzigen Romans, und beide stammen von einem jüdischen Vater ab, der eine Irin geheiratet hat.
In „Hapworth“ nun kommt Seymour, „unser blaugestreiftes Einhorn, unser doppellinsiges Brennglas, unser beratendes Genie, unser transportables Gewissen (...), unser alleiniger und einziger Volkspoet“, wie Buddy seinen Bruder einmal charakterisiert hat, erstmals selbst zu Wort. Ausgehend von tiefempfundenem Trennungsschmerz, mischt er in seinen Bericht über das Essen im Lager und die anderen Kinder Assoziationen über die Liebe und den Tod, die Literatur und das Telefonieren.
Das frühe Ende seines Lebens
Immer wieder gibt er Anweisungen, wie der Brief zu lesen ist. Außerdem berichtet Seymour, daß Buddy „sechs neue, stellenweise ausgesprochen humorvolle Geschichten geschrieben hat“ und er selbst „fünfundzwanzig einigermaßen vernünftige Gedichte fertiggestellt“ habe, „die ich nicht sehr hoch einschätze, gefolgt von zehn Gedichten, die einige Vorzüge haben“. Schüchtern und ein wenig stolz gesteht er, auf Mrs. Happy, die schwangere Frau des Camp-Managers, Eindruck gemacht zu haben. Schließlich sagt er noch das frühe Ende seines Lebens voraus. Wie gesagt: Seymour ist sieben Jahre alt, als er all dies von sich gibt. Aber es kommt noch besser.
Man könne Seymours Namen auch „see-more“ schreiben, hieß es in „Ein herrlicher Tag für Bananen-Fisch“. Einer, der mehr sieht als andere. Er könnte aber auch Readmour heißen, lies mehr. Das letzte Drittel von „Hapworth“ besteht aus einer grotesk umfangreichen Liste von Büchern, die die in der Stadt gebliebene Familie bei Fräulein Overman von der New Yorker öffentlichen Bücherei für die beiden Jungs im Ferienlager zur Ausleihe bestellen soll. Darauf finden sich nicht nur die Namen von Tolstoi, Dickens, Eliot, Tackeray und Austen, sondern auch die der Franzosen Hugo, Flaubert, Balzac, Maupassant und Proust. Dazu fordert er „jedes Buch über Gott von Autoren von H bis Z, um sicherzugehen auch die mit h, obwohl ich glaube, daß ich die ziemlich vollständig aufgesogen habe“.
Schlußpunkt im doppelten Sinn
„Hapworth“ markiert in der Entwicklung von Salingers Werk einen Schlußpunkt im doppelten Sinn: Waren die frühen Arbeiten vorwiegend dialogisch geprägt und trotz ernster Themen humorvoll aufbereitet, greift er bei den späteren, vom Zen-Buddhismus geprägten Geschichten zu immer statischeren Erzählmustern mit dem fast gänzlichen Verzicht auf Spannung und Handlung, womit auch Salingers selbstgewählte Isolation von der Gesellschaft zum Ausdruck kommt.
Gut dreißig Jahre nach der Veröffentlichung von „Hapworth“ im „New Yorker“, zur Jahreswende 1996/97, machte das Gerücht die Runde, Salinger würde ein neues Buch veröffentlichen. Doch schon bald stellte sich heraus, daß der Autor mit Roger Lathbury, dem Chef des Kleinverlags Orchises Press in Alexandria, Virginia, lediglich übereingekommen war, seine letzte Magazingeschichte als Buch zu veröffentlichen. Eine harsche Vorabkritik in der „New York Times“ mag Salinger veranlaßt haben, von dem Plan abzurücken. Chefkritikerin Michiko Kakutani ging im Februar 1997 mit „Hapworth“ hart ins Gericht: Sie fragt, warum Salinger nach so langer Zeit eine alte Geschichte als Buch herausbringen will. „Will er uns daran erinnern, daß er noch lebt? Hat er Geldsorgen? Fällt ihm nichts Neues ein?“
Völlig reizlose Geschichte
Die Kritikerin konstatierte, daß der Autor „mit dem feinen Ohr für gesprochene Sprache und der genauen Kenntnis von Jugendlichen“ mit „Hapworth“ eine „bittere, unlogische und - traurig, dies sagen zu müssen - völlig reizlose Geschichte“ produziert habe. Auch wenn man anderer Meinung ist - wie etwa Eberhard Alsen, der mit seiner Studie „Salinger's Glass Stories As a Composite Novel“ 1983 die einzige umfassende und detaillierte Deutung von „Hapworth“ geliefert hat -, muß man sich der Tatsache fügen: Bis heute ist „Hapworth“ nicht in Buchform erschienen.
Wer die Novelle dennoch lesen möchte, wird am ehesten im Internet fündig. Auf langen Fluren und in versteckten Kammern ist der komplette Text dieser und weiterer 21 nicht in Buchform veröffentlichter früher Salinger-Geschichten, die zwischen 1940 und 1948 in dem Magazin „Story“, der „Saturday Evening Post“ sowie in „Esquire“ und „Cosmopolitan“ erschienen waren, hinterlegt. Natürlich verstoßen die Betreiber der Internetseiten gegen das Urheberrecht und gegen Salingers Wunsch, diese Geschichten „eines perfekten natürlichen Todes sterben“ zu lassen. Aber den Kampf gegen das Internet haben die Mitarbeiter von Harold Ober wohl aufgegeben.
Der an „Hapworth“ Interessierte kann aber auch Japanisch lernen. Fast alle Geschichten von Salinger, sogar die nur in Zeitschriften veröffentlichten, sind ins Japanische übersetzt und in Buchform erschienen. Wer ausschließlich Deutsch versteht, geht leer aus. Es ist zu schade, daß Eike Schönfeld, der uns vor zwei Jahren eine erstklassige, erstmals auf dem Originaltext basierende Übersetzung des „Fängers im Roggen“ geschenkt hat (siehe auch: „Der Fänger im Roggen“ in neuer Übersetzung), sich nicht an „Hapworth“ versuchen darf. Er wäre der richtige Mann für Salingers bislang letzte Worte.