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Veröffentlicht: 28.09.2015, 14:36 Uhr

Islamismus Salafisten machen die bessere Sozialarbeit

Wer Islamismus erst bekämpft, wenn er in Gewalt umschlägt, der kommt zu spät. Wir müssen in den Schulen anfangen, ihm das Wasser abzugraben – und zwar schnell. Ein Gastbeitrag.

von Ahmad Mansour
© dpa Manche schaffen das Umdenken – aber wir müssen in ihrer Sprache mit ihnen reden: Junge Slafismus-Sympathisanten jubeln in Frankfurt dem umstrittenen Prediger Pierre Vogel zu.

Beinahe täglich erreichen uns Meldungen über die Verbrechen des „Islamischen Staates“. Der radikale Islamismus hat durch die Gewalttaten dieser Terrorgruppe eine neue Dimension erreicht. Seit langem ist klar, dass wir auch in Deutschland von der Gefahr des islamischen Radikalismus betroffen sind. Nicht nur, weil die Möglichkeit von innereuropäischen Anschlägen immer präsenter wird. Betroffen sind wir aber vor allem deshalb, weil der Islamismus auch bei uns Wurzeln schlägt.

Die Anzahl junger Menschen, die bereit sind, für ihre radikalen Überzeugungen in den Krieg zu ziehen, steigt beständig. Auch die Zahl der Salafisten ist gestiegen. Sie liegt derzeit meiner Einschätzung nach bei etwa 10.000 Menschen. Das sympathisierende Umfeld ist aber noch um ein Vielfaches größer. Es liegt nahe, nun an die aktuellen Flüchtlingsströme zu denken, doch darum geht es hier nicht. Das ist ein humanitäres Thema. Valides Zahlenmaterial hierzu gibt es noch nicht, und seriöse Prognosen sind derzeit unmöglich. Mir geht es um Entwicklungen, die ich seit mehreren Jahren in Deutschland beobachte, bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund, und denen wir entgegentreten müssen und können.

Die „Generation Allah“ bildet die Basis für Radikalismus

Blickt man auf die Radikalen, ist zwischen drei Gruppen unterscheiden: Ganz oben stehen Gruppierungen wie Al Qaida und der IS. Eine Stufe darunter stehen die Muslimbrüder. Auch ein Islamverständnis, wie es der türkische Staatspräsident Erdogan vertritt, gehört in diese Kategorie. Sehen müssen wir vor allem aber, was ganz unten an dieser Pyramide das Fundament bildet. Das sind diejenigen, die ich die „Generation Allah“ nenne. Menschen, die unter uns leben, Jugendliche, die vielleicht sogar den Salafismus ablehnen, deren Denken und mitunter auch Handeln aber nicht mit den Werten unserer Gesellschaft übereinstimmen und nicht mit der Demokratie vereinbar sind. Diese „Generation Allah“ bildet die Basis für den Radikalismus. Und diese Basis ist breit.

Wenn ich von dieser Generation spreche, meine ich diejenigen, die vielleicht nicht im Fokus des Verfassungsschutzes sind, für die aber ideologische Inhalte und Werte Teil ihrer Identität geworden sind. Mitunter mögen es nur Teilideologien sein, aber bereits diese legen den Grundstein für ein Denken, das allzu leicht in Islamismus umschlagen kann.

Mit all jenen, die Geschlechtertrennung befürworten, die Gleichberechtigung ablehnen, die an Verschwörungstheorien glauben, die antisemitische Einstellungen haben, die jeden Zweifel und jedes Hinterfragen des Glaubens ablehnen, mit all jenen, die Andersdenkende abwerten, müssen wir uns auseinandersetzen, auch wenn sie sich nicht explizit zum Islamismus bekennen. Gefährlich sind auch jene schleichenden Prozesse der Radikalisierung, die unsere Gesellschaft unterwandern. Von den Sicherheitsbehörden wie auch in der allgemeinen Wahrnehmung werden sie unterschätzt, weil sie sich nicht explizit eines Jargons der Gewalt bedienen. Demokratiefeindlich sind die von diesen Radikalen propagierten Inhalte aber dennoch. Wenn wir erst dort ansetzen, wo der Islamismus sich in gewalttätigen Aktionen zeigt, haben wir bereits verloren. Wir müssen uns mit der „Generation Allah“ auseinandersetzen! Sie ist der Pool, aus dem die Islamisten fischen.

Wir müssen endlich angstfrei reden

Die Debatte über Islamismus ist zwar allerorten präsent. Verharmlosung ist aber an der Tagesordnung, wenn es darum geht, den Gründen für die Ursprünge des Radikalismus auf die Spur zu kommen. Konzeptlosigkeit herrscht, wo man diesen Entwicklungen entgegentreten will. Und nicht zuletzt tritt blinder Aktionismus auf den Plan, wo Panikmache betrieben wird.

Eine Debatte und eine daran anknüpfende erfolgreiche Präventionsarbeit, die künftigen radikalen Tendenzen entgegenwirkt, kann aber nur gelingen, wenn zum einen die Auseinandersetzung über den Islamismus ohne falsche Tabus geführt wird, ohne Verharmlosung und ohne eine Diffamierung desjenigen, der Dinge beim Namen nennt und auf Missstände hinweist. Sie kann darüber hinaus auch nur dann Wirkung zeigen, wenn sie als eine gesamtgesellschaftliche Diskussion geführt wird. Wir werden dem Islamismus keinen Riegel vorschieben, wenn wir eine Ihr-wir-Debatte führen. Ihr: die Muslime, wir: die demokratische Mehrheitsgesellschaft. Wir müssen angstfrei reden, und wir müssen dieses Reden in der Mitte unserer Gesellschaft fest verankern.

Radikale Prediger gehen auf Kinderfang

Meiner Überzeugung nach besteht eine grundlegende Gefahr des Radikalislam nicht in den Unterschieden zu einem moderaten Islamverständnis, sondern gerade in den Gemeinsamkeiten. Es gibt immer wieder Punkte, an die radikale Islamisten anknüpfen können. Immer wieder treffe ich in meiner Arbeit auf patriarchalisch geprägte Familien, in denen nach wie vor eine auf striktem Gehorsam beruhende Erziehung stattfindet. Dies geht einher mit der Unterdrückung und der Tabuisierung von Sexualität. Hinzu kommt Gewalt in der Erziehung – auch verbal. Das alles sind Aspekte einer einschüchternden Pädagogik, die für Radikale eine ideale Ausgangsbasis bildet.

Radikale islamische Prediger gehen gezielt auf Kinderfang. Und sie stoßen oftmals auf soziale und mentale Verfasstheiten, die ihnen in die Hände spielen: Jugendliche, deren familiärer, sozialer und schulischer Hintergrund nicht vermag, einen gesicherten, identitätsstiftenden und Werte vermittelnden Lebenskontext herzustellen - bei Jugendlichen mit familiären Einwanderungsgeschichten nicht selten auch deswegen, weil wir ihnen in Deutschland eine echte Anerkennungskultur verwehren. Aber es sind eben nicht nur diejenigen, die sich zur Versagerseite zählen, die von den Radikalen geködert werden. Auch jene sind verführbar, deren Biographie sich von außen als Erfolgsgeschichte liest.

Wir müssen die Pädagogik verändern

Die Gesellschaft ist mit diesen Jugendlichen überfordert. Wir sind mit dem, was unseren Jugendlichen droht, überfordert. Weil wir die Psychologie dahinter bislang zu wenig verstehen. Wie aber erreichen wir diese Jugendlichen, bevor sie mit unserer Gesellschaft abschließen?

Im Augenblick sind die Salafisten die besseren Sozialarbeiter. Sie bedienen die Bedürfnisse der Jugendlichen. Sie holen sie dort ab, wo sie zuweilen orientierungslos stehen. Sie machen sich die Mühe, in einer Sprache zu sprechen, die diese Jugendlichen verstehen. Warum tun wir das nicht? Warum lassen wir sie tatenlos in die Fänge von Radikalen laufen? Wir müssen die Präventionsarbeit zu einer politischen Angelegenheit erklären. Wir müssen die gesamte Pädagogik verändern. Und wir müssen das gängige Islamverständnis da reformieren, wo es Anknüpfungspunkte für den Islamismus bietet. Wir müssen in unserer Gesellschaft ein Bewusstsein für einen erweiterten Gewaltbegriff schaffen. Gewalt fängt nicht erst da an, wo sie physisch unmittelbar angewendet wird. Auch bei Polygamie handelt es sich um eine Form der Gewalt. Wenn Kindern mit Hölle und Dämonen gedroht wird, dann sehe ich darin die Ausübung von Gewalt. Wenn Frauen verurteilt werden, weil sie kein Kopftuch tragen, handelt es sich ebenso um Gewalt.

Ein ideologisch aufgeladenes Islamverständnis gehört nicht zu Deutschland

Ein zentraler Ort, an dem in dieser Hinsicht Aufklärung stattfinden kann, vielmehr muss, ist die Schule. Aber gerade in den Schulen bietet sich ein desolates Bild. Nicht nur die einzelnen Lehrer, auch die Lehrpläne sind nicht vorbereitet auf die gesellschaftliche Aufgabe, die sich ihnen stellt: die Sorge dafür, dass die „Generation Allah“ sich nicht immer weiter von der Mitte der Gesellschaft entfernt.

Falls wir an dieser Situation nichts Grundsätzliches ändern, werden solche Szenen, mit denen ich regelmäßig konfrontiert werde, weiter zum Alltag gehören: ein achtjähriger Junge etwa, der als eine Art Amulett eine Erkennungsmarke um den Hals trägt, wie sie normalerweise Soldaten tragen. Auf Nachfrage erklärt er, dass es schön sei, als Soldat zu sterben. Oder jene Schülerinnen, die Kinder ihrer Lehrerin abschätzig als „Bastarde“ bezeichnen, weil die Lehrerin nicht verheiratet ist.

Derzeit scheint es, als sei es der politische Islam, der den Islam in Deutschland repräsentiert. Dieser Islam hegt einen universellen Wahrheitsanspruch, und er erhebt eine alleinige Deutungshoheit, die von Machtinteressen geleitet ist. Diesem Islam darf man nicht das Feld überlassen. Kontraproduktiv ist es deshalb, undifferenziert davon zu sprechen, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Das tut er nicht. Ein Islamverständnis, das mit den Werten der Demokratie vereinbar ist, gehört zu Deutschland. Die Muslime gehören zu Deutschland. Nicht aber das ideologisch aufgeladene Islamverständnis.

Ich habe das Umdenken geschafft

Denn dieser politische Islam ist nicht der Islam des Ingenieurs aus dem bürgerlichen Berlin-Zehlendorf, der mit seiner Familie das Opferfest feiert. Er ist auch nicht der Islam einer kritischen jungen Intellektuellen, die an der Universität studiert. Er ist auch nicht der Islam all jener aufgeklärten Menschen, die am Freitag in die Moschee gehen und beten, aber ihre Religion als Privatsache verstehen.

Der ideologische Islam ist und war übrigens auch nie der Islam meiner Mutter, die noch immer in dem kleinen arabischen Ort in Israel lebt, in dem ich geboren bin. Und es ist nicht mein Islam. Aber es gab eine Phase in meinem Leben, in der mein Denken von einem radikalen Islam geprägt war, in der ich Menschen, die meinen Glauben mit all seinen Regeln, Verboten und Überzeugungen nicht geteilt haben, abgelehnt und verachtet habe. Gerade deshalb weiß ich, wovor ich warne. Ich habe das Umdenken geschafft. Und ich weiß, dass ich mit meinem Islam, wie ich ihn heute verstehe, nicht allein bin. Das macht Hoffnung. Aber es liegt viel Arbeit vor uns, wenn wir ein Umdenken erreichen wollen. Wir sollten beginnen.

Glosse

Klingt nach Rohrkrepierer

Von Edo Reents

Männer in der Bredouille können sich in ihrer Zeitbewirtschaftung nicht die geringste Nachlässigkeit leisten. Warum nur hat sich Martin Schulz im SPD-Papier „Mehr Zeit für Gerechtigkeit“ das Wort im Titel umdrehen lassen? Mehr 13 53

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