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Interview Walter Kempowski : Der Mensch muß uns doch für verrückt halten!

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„Ich bin ungetröstet”: Walter Kempowski Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

Späte Geständnisse sind seine Sache nicht - Zeugnis ablegen auf wahrhaftige und durchaus unterhaltsame Art hingegen schon. Mit der F.A.Z. sprach Walter Kempowski über den Schmerz des Unterschätztwerdens, Günter Grass und seinen neuen Roman.

          Späte Geständnisse sind seine Sache nicht - Zeugnis ablegen auf wahrhaftige und durchaus unterhaltsame Art hingegen schon. Walter Kempowski spricht über Günter Grass und den deutschen Humor.

          Herr Kempowksi, Sie beklagen sich in Ihren Tagebüchern darüber, daß Sie lange an den Rand des Betriebes gedrückt wurden. Hängt das damit zusammen, daß Sie nicht diesen schwermütigen Stil haben? Sie schreiben sehr eingängig.

          Das ist in Deutschland riskant. Unsere Publikumsschulmeister wollen sich nicht beim Lachen ertappen. Was sie verstehen können, ist nichts wert. Mit dem Wort „Heiterkeit“ kann bei uns niemand etwas anfangen. Da denken sie an Rudi Carell. Und „Heiterkeit“ hat doch mit „lustig“ nichts zu tun. Aber das verstehen die Deutschen nicht. Ich bin im Grunde heiter gestimmt. Alles, was mir passiert, nehme ich von der grotesken Seite. Das ist unverzeihlich in einem Lande, in dem schwarz schwarz ist und weiß weiß. Robert Gernhardt hat nie den Büchner-Preis bekommen. Über etwas lachen zu müssen ist den Deutschen verdächtig. Bis heute hat ein Wilhelm Busch keine Daseinsberechtigung in unserem böllgeschädigten Bildungssystem. Die junge Generation wurde von Achtundsechzigern erzogen, und Revolutionäre können keinen Sinn für Humor haben.

          Sie haben doch in den meisten Punkten recht behalten: Ende des Kommunismus, Wiedervereinigung . . .

          Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Das verzeiht einem niemand. Krebs ist nicht heilbar. Das „Echolot“ hat vorübergehend das Bild, das der Öffentlichkeit von mir an die Wand gemalt wurde - eine Art Popanz am Stock mit Glöckchen an den Ohren -, revidiert. Einige Preise habe ich bekommen, dann merkten die Kulturrevolutionäre aber schnell auf. Kempowski? Hat der sich nicht gegen den Sozialismus vergangen? Hat da in Bautzen gesessen? Ist das nicht ein Feind der Arbeiterklasse? Und selbst die kleinste Buchhändlerin zog die Hand zurück, wenn sie ins Regal greifen sollte. Sie hätte sich hinterher waschen müssen.

          Ist es einem erfolgreichen Schriftsteller nicht egal, was der Betrieb sagt?

          Das klingt gut. Aber wir leben nicht in der Zeit des Idealismus, wir leben hier und heute,wo jeder Maurer gegen Lohnkürzungen auf die Straße geht. Ich habe Mitarbeiter, die ich bezahlen muß, und ein großes Archiv, das Unsummen verschlingt. Geld kann ich immer gebrauchen.

          Aber Sie sind doch Bestsellerautor.

          Schön wär's. Diese hermetische Eingeschlossenheit - daß es zum Beispiel nur drei Dissertationen über mein gesamtes Werk gibt. Ich habe fünfunddreißig Bücher geschrieben, und dies ist das ganze Echo auf mein Werk: in Tasmanien, Kairo und Amerika. Meine Bücher werden in keiner Schule gelesen, und Goethe-Institute laden mich nicht ein. Das alles ist tödlich. Ich habe die Folgen zu tragen, sie grenzen an Körperverletzung.

          Sie meinen seelische Verletzung.

          Nein, körperliche. Daran gehe ich zugrunde. Typen wie ich wurden damals in das KZ Wolfleben im Harz geschickt. Ich habe es nur dem Umstand zu verdanken, daß der Rostocker Bannführer der Sohn eines Studienrats war, den meine Eltern gut kannten. Sonst würde ich heute hier nicht sitzen. Ich habe Plakate gegen die Kommunisten geklebt und war in der Widerstandsgruppe mit Arno Esch, den sie erschossen haben. Aber das zählt alles nicht.

          Das ändert sich doch mittlerweile.

          Nein, da ändert sich nichts.

          Sind Sie Choleriker?

          Ja. Ich bin ein sanguinischer Choleriker. Leider.

          Bei Kleinigkeiten schon oder erst, wenn sich etwas über Jahre angestaut hat?

          Kleine Ursachen, große Wirkung. Neulich war der Lions Club hier, vierzig Leute, die wollten einen Schriftsteller aus der Region begucken, alles betuchte Leute. Da habe ich feststellen müssen, daß nicht einer eine Zeile von mir gelesen hat. Kommen aber zu mir. Ich war wirklich kurz davor, sie alle rauszuschmeißen.

          In Ihrem jüngsten Tagebuch „Hamit“ steht sinngemäß: Komisch, überall, wo ich bin, liegt Mobbing in der Luft. Sie scheuen sich nicht, Ihren Lesern gegenüber zuzugeben, daß Sie sich schlecht behandelt fühlen.

          Du lieber Himmel, ganze Generationen haben ihr Schicksal beklagt, nur ich darf das nicht. Ernst Jünger, mit dem sie es noch ganz anders trieben, hätte das nicht getan, er hätte nur gelacht und vielleicht mit den Zähnen geknirscht. Er hat sich nie über schlechte Presse beklagt, er hat immer nur darüber gelacht. Das war ein ganz anderer Typ. Er wußte um seinen Wert.

          Wissen Sie nicht um Ihren Wert?

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