14.08.2006 · Warum wurde Günter Grass' Mitgliedschaft in der Waffen-SS nicht längst aufgedeckt? Im Interview mit der F.A.Z. spricht der Historiker Hans-Ulrich Wehler über moralische Autorität und kritisiert Grass' langes Schweigen.
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Grundsätzlich habe ich gegen die Aussagen Herrn Wehlers nchts einzuwenden, allerdings ist ihm ein Fehler unterlaufen, den er als Historiker eigentlich nicht begehen sollte.
Herr Wehler sagte wörtlich (Zitat): "Aber von der SS-Division „Frundsberg“, zu der er gehörte, sind keine Gemetzel überliefert, das war eine reine Nachhut-Division."
Das ist so definitiv nicht korrekt. Die 10. SS-Panzerdivision "Frundsberg" war keine "Nachhut"-Division, solche Divisionen gab es nicht. Es gab höchstens Ausbildungsverbände, die kommen allerdings nicht in Frage. So kämpfte die Division "Frundsberg" beispielsweise im Oktober 1944 in Arnheim als Teil des II. SS-Armeekorps. Sie war seit ihrer Gründung am 3.Oktober 1943 dauerhaft im Einsatz und kapitulierte erst im April 45 vor russischen Truppen in Schönau.
Als Historiker sollte Herr Wehler es besser wissen und nicht solche Halbwahrheiten unter die Bevölkerung bringen, die zu weiterer Geschichtsverklärung führen. Der größte Teil der deutschen Bevölkerung kennt ja nicht einmal den Unterschied zwischen der SS und der Waffen-SS!
Wehler, der zwar renommiert, aber in seiner fachlichen Arbeit nicht polit. neutral ist, urteilt nicht ehrlich. Er will nicht eingestehen, daß es zum Thema Waffen-SS ein irrationales Syndrom gibt, an dem auch seine "Bielefelder Schule" mitgestrickt hat.
Das Syndrom hätte Grass aus praktischen Gründen veranlassen können, Teile seiner Vergangenheit zu verschweigen. Somit ist das Verschweigen auch nicht seltsam. Bei früher Kenntnis seiner Vergangenheit hätte Grass niemals seine kulturelle Position und Ehrungen erlangt. Impulsgeber derartiger Ausgrenzungen sind Organisationen, die in solchem Zusammenhang schicklicherweise nicht zu erwähnen sind.
Wehler meint, daß Grass Probleme mit seinem einwandfreien Militäreinsatz nicht hätte befürchten müssen. Wie erklärt sich dann der Fall Kurt Waldheim? Bei ihm genügten einst schon Fragen, was er in seiner Dienstzeit hätte wissen können, sowie ein in den Medien lanciertes Bild auf dem Pferd in der "Reiter-SS", um ihn bis heute aus Politik und Öffentlichkeit zu verdrängen.
Kurios ist nur, daß Grass wohl irrig meinte, selbst über diesen Umtrieben stehen zu können, weil auch der Müller schließlich nicht selbst gemahlen wird.
Ist das denn so schwer zu kapieren???
...warum ein Mensch, der im Blick der Öffentlichkeit steht und viele Neider und Kritiker hat, so lange mit einem solchen Geständnis zögert? Ja, dass er auch (wie verwerflich!) Sorge um seine "Karriere" hat? Oder warum er gerade gegen das hart angeht, was er bei sich selbst so verabscheut? Ist doch alles nur nachvollziehbar!
Die völlig überzogenen Reaktionen von all denen, die es wohl immer besser wissen und vermutlich moralisch unantastbar sind, zeigen doch nur, wie wichtig und richtig es für Grass war, so lange zu warten!
Vielleicht wäre eher der Schluss zu ziehen, dass auch aus vermeintlichen Übeltätern großartige Persönlichkeiten werden können...
Ob Grass wohl auch über Jahrzehnte hätte eine so bedeutende Rolle spielen können, wenn er deutlich früher "reinen Tisch" gemacht hätte?!
von Ehrlichkeit, bei Grass, leider kein Tropfen. Schliesslich, was man nach 80 Jahren Leben u. Karriere hat, lässt sich ganz kurz zusammenfassen: Wahrheit u. Ehrlichkeit u. etwas Courage im Leben ehrlich zu sein. Das hat Grass nicht. Man fragt sich als Leser u. Beobachter seiner Werke, wer ist Günther Grass eigentlich? Dazu gibt es keine Antwort. Schade, er hat sich u. uns alle belogen u. betrogen.
Dieses biblische Zitat wird wohl immer wieder in den Mund genommen, jedoch nur sehr selten beherzigt. Man kommt nicht an der Tatsache vorbei, dass sich auch ein Moralist wie Herr Grass, Fehltritte leistet und zwar solche, die er sein halbes Leben lang bei anderen (teils karrierezerstörend) kritisiert hat. Jedoch ist mir der empörte Aufschrei in Politik, Medien und unter den sog. Intellektuellen (wer immer sich auch selbst dazu zählt oder gezählt wird) nicht recht verständlich. Hier ist von der Schleifung der Ikone Grass und vom Untergang einer moralischen Instanz die Rede. NEIN! Erst heute ist die Zeit reif zu solch einem Eingeständnis. Noch bis vor Kurzem wären die politischen und intellektuellen Saubermänner (noch schlimmer als heute) wie Hyänen über dieses Fressen hergefallen und hätten von einem Lebenswerk, wie dem Grass' nicht viel übrig gelassen. Und dies aus solch "noblen" Gründen wie Fernsehminuten oder eine Kolumne und, um sich selbst als Moralist zu empfehen.
Her Grass war ein Kind seiner Zeit, nicht besser, aber auch nicht schlechter. Er war ein Verführter, wie so viele mit und neben ihm. Darum: Jedem seine 2. Chance á la J. Fischer oder M. Friedmann. Denn: Keiner ist frei von Schuld, auch SIE nicht.
Für die Zukunft ist er beschädigt
Was soll man dazu sagen, dass derjenige, der nicht Müde wurde, die schlechte Aufarbeitung der Nazivergangenheit im Allgemeinen und personenbezogen zu kritisieren, eingestehen muss, dass er seine eigene Vergangenheit nicht aufgearbeitet hat. Dies halte ich nicht nur für einen politischen, sondern auch für einen moralischen Fehler.
Für die Zukunft beschädigt?! Gott kann alle Sünden vergeben!
Nur jene leere Flaschen, für die ihr Ruf vor den Menschen bis zum Ende alles ist, sind für die Zukunft beschädigt. Ab in den Altglaskontainer!
Im alten Großbritannien hätte man ihm drei weiße Federn geschickt - das Kainsmal für Feiglinge.
Nun ist nomen wieder einmal omen. Auf jedem seiner Bücher steht seine Vergangenheit buchstäblich: Gra ss.
Das Problem, welches Ich habe...
...ist noch nicht einmal, das er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hat. Aber wenn mann sich Grass' Werk anschaut (oder durch die Schule dazu gewzungen wird), ist es klar, daß seine gesamte Karriere auf dem moralischen Boden seiner öffentlich geäußerten politischen Positionen beruht. Stehen Bücher wie "Die Blechtrommel" allein als Prosa da, dann sind sie vernachlässigbar, da Grass es niemals geschafft hat, eine stringente Geschichte zu erzählen oder auch Charaktere zu entwickeln, die von sich aus real sind. Es sind zumeist, wie bei Brecht auch, politische Sprachrohre. Und sprachlich muß man ihn vor allem als Fäkal-Stilisten in Erinnerung behalten, beinahe in der Tradition von Joseph Beuys in der Kunstwelt. Ohne seine politische Haltung sind die Werke von Grass nur ein weiterer Beweis dafür, daß die so genannten "großen" deutschen Autoren keine Geschichtenerzähler sind...
Das Land der Taeter wartet (immer noch) auf den Messias
Es ist schon blamabel, was Feuilleton - und inzwischen auch einige wahlkaempfende CDU-Politiker - in der Causa Grass abliefern.
Ein Schriftsteller ist ein Schriftsteller und kein Politiker oder Richter, und schon gar nicht die oberste Moralinstanz der Nation.
Wer Grass jetzt anklagt, er haette neben seinem Werk, das an Aufklaerung und Botschaft ueber den Nationalsozialismus zu einem fruehen Zeitpunkt nichts zu wuenschen uebrig laesst, auch noch bitte schoen politische Erziehung der Deutschen am eigenen Beispiel leisten muessen, der lenkt von der bitteren Tatsache ab, dass sich die ueberwaeltigende Mehrheit der Kriegsgeneration bis heute nicht zu ihren Taten bekennt. Vielmehr muss bis heute die Wahrheit ans Licht gezerrt werden.
Vorschlag: anstatt troepfchenweiser Bekenntnisse weniger Mutiger, schauen wir doch einmal etwas analytischer in die bis heute bei den ehemaligen Allierten lagernden Mitgliedskarteien der Waffen-SS hinein. Dort lagert sicher noch manche Ueberraschung fuer die deutsche Gesellschaft.
Grass zeigt sich als schwache Person
Als junger Kriegsteilnehmer und als Schriftsteller in der Bundesrepublik folgte er dem Zeitgeist. Er zeigt sich nun als schwache, angepasste Person. Seine moralischen Überzeugungen können nicht mehr überzeugen. Kein schlechter Mensch, aber ein schwacher - als Person erschreckend weniger bedeutsam als viele dachten. Seine Bedeutung als Autor wird sich erst noch weisen müssen.