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Interview : Literatur als Schmerzmittel

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„Ich hätte jederzeit abgleiten können”: Carl Weissner Bild: F.A.Z.-Christian Thiel

Carl Weissner war Lektor, Übersetzer und Freund der Schriftsteller Bukowski, Burroughs und Ginsberg. Ein Gespräch über schreibende Überlebenskünstler, Drogen, Harry Rowohlt und Daniel Kehlmann.

          Carl Weissner war Lektor, Übersetzer und Freund der Schriftsteller Bukowski, Burroughs und Ginsberg. Ein Gespräch über schreibende Überlebenskünstler, Drogen, Harry Rowohlt und Daniel Kehlmann.

          F.A.S.: Sie wurden als Lektor literarisch verewigt, Jörg Fauser hat Sie als Lou Schneider in seinem Roman „Rohstoff“ porträtiert: „Er glich eher einem Kriminalreporter aus einem Gangsterfilm als dem Außenlektor eines deutschen Avantgarde-Verlags“, heißt es da.


          Ich kann Ihnen genau sagen, worin meine einzige Leistung beim Lektorat dieses Buches bestand: Ich hab' ihm Zeilen rausgeschmissen, die ein reines Else-Lasker-Schüler-Imitat waren. Er ist ja, wie wir alle, mit Bildungsballast durchs Leben gegangen, und den hat er ungeniert eingeflochten. Laß der Else ihr Ding, das ist nicht deins, hab' ich gesagt.


          Mehr hatten Sie nicht zu tun?

          Ich habe da überhaupt nichts lektoriert, der war so gut drauf.


          Mit Fauser waren Sie befreundet. Woher kannten Sie sich?

          Ich habe ihn durch meinen Freund Jürgen Ploog in Frankfurt kennengelernt, Ende der sechziger Jahre, als er grade anfing, seine Klartext-Gedichte zu schreiben. Bei Ploog hat sich immer alles getroffen, weil der im Westend die größte Wohnung hatte, und Fauser war gleich um die Ecke bei den Hausbesetzern. Da war er noch auf Heroin. Er hat mich sofort überzeugt. Er ist halt ab und zu ins Badezimmer verschwunden und kam mit glänzenden Augen wieder.


          Saß nicht still in der Ecke, wie man das aus Christiane F. kennt?

          Ach was, der hat geredet wie ein Wasserfall. Er war voller Ideen, er war happy, daß er endlich Leute gefunden hatte, die sich für dieselben Autoren interessierten.


          Sie haben zusammen die Literaturzeitschrift „Gasolin 23“ herausgegeben.

          Fauser hat Layout geklebt, jede Drecksarbeit gemacht, und ab und zu mußte er sich halt umtun in der Szene. Es gibt angenehme Junkies, die sehr zuverlässig sind. Die halten einen bestimmten Pegel, und solange man ihnen das nicht verwehrt, rasten sie nicht aus, beklauen dich nicht, kotzen dir nicht das Bad voll, nichts.


          Fauser ist 1987 unter nie geklärten Umständen gestorben. Ein Lkw hat ihn überfahren, als er zu Fuß eine Autobahn bei München überquerte. Glauben Sie, er wollte sich umbringen?

          Er hat zwei Leitplanken überklettern müssen, um an die Stelle zu kommen, wo ihn der Lkw erfaßt hat. Ich glaube, wenn man sich umbringen will, gibt es bessere Methoden. Deshalb gehe ich davon aus, daß er schon schwer einen sitzen hatte. Und da ging er immer den geraden Weg. Es ging darum, sich zehn Kilometer die Beine zu vertreten, um wieder klar zu werden. Da ging er dann auch querfeldein. Er ist in Berlin oft bis Reinickendorf gelaufen, und dann ist er in eine Telefonzelle und hat ein Taxi angerufen oder einen Freund, ich bin hier und hier, präzise Ortsangabe, würdest du mich abholen, ich hab' lahme Beine.


          Sie sind eigentlich vor allem als Übersetzer bekannt, von Bukowski, Burroughs, Ginsberg und anderen amerikanischen Schriftstellern, die dem Underground zugerechnet werden. Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit dieser Art Literatur?

          Ja. Das war wie bei so vielen diese Beat-Anthologie von Rowohlt, 1962.


          Da waren Sie Anfang Zwanzig und studierten Anglistik in Heidelberg.

          Die Universität habe ich meistens nur als Abkürzung zwischen dem Jazzclub und dem Zockerclub genutzt. In Heidelberg wurde Black Jack gespielt, bis in die Nacht. Das Studium war bedrückend - 1945 hörte für diese Anglisten die englischsprachige Literatur auf. Danach kam nichts.


          Sie haben während des Studiums angefangen, mit Burroughs und Bukowski zu korrespondieren. Wie kam das?

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