20.04.2007 · Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer („Alles ist erleuchtet“) lebt zurzeit in Berlin. Im Interview erzählt er, was Berlin New York voraus hat, warum Romane unnütz sind und warum Berlins Zoo „ein schlimmer Ort“ ist.
Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer lebt zurzeit in Berlin. Im Interview erzählt er, was Berlin New York voraus hat, warum Romane unnütz sind und warum Berlins Zoo „ein schlimmer Ort“ ist.
Sie leben gerade für ein paar Monate in Deutschland. Gefällt es Ihnen hier?
Ja. Ich war früher schon ein paar Mal hier, auch in München, Hamburg und Frankfurt. Berlin ist ganz anders. Offensichtlich. Ich meine, das weiß jeder. Es erinnert mich daran, wie New York mal war oder wie man sich New York erträumt, also als einen Ort, an dem echte Menschen leben, die versuchen, echte Dinge zu tun, im Gegensatz zu einem kommerziellen Zentrum, in dem sich alles nur ums Geld dreht. Dazu wird New York gerade.
Hat sich Ihr Eindruck von Deutschland im Vergleich zum ersten Mal verändert?
Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, war ich - nicht eingeschüchtert, aber ich wusste nicht, was ich erwarten sollte. Meine Familie hat keine sehr guten Erinnerungen an Deutschland, historisch gesehen. Ich glaube, meine Großmutter wollte nicht, dass ich fahre. Aber ich habe so gute Erfahrungen gemacht, und je länger ich hier bin, desto besser gefällt es mir. Berlin ist einer der wenigen Orte, an denen ich mir vorstellen könnte zu leben. Das sagen auch alle.
Viele sagen das wahrscheinlich nur aus Höflichkeit.
Ich nicht. Ich würde zum Beispiel niemals nach München ziehen. Ich könnte auch nicht in Hamburg oder Frankfurt leben. Hier herrscht eine sehr großzügige Stimmung, eine großzügige Einstellung.
Schreiben Sie hier an einem neuen Buch?
Ich versuche es. Das Problem ist, Schreiben ist wirklich schwierig. Es ist schwierig, zu unterscheiden, was eine gute Idee ist und was nicht. Im Moment habe ich das Gefühl, mich dem Schreiben noch nicht ganz hingegeben zu haben.
Wodurch werden Sie inspiriert?
Es hat nichts damit zu tun, was einen interessiert oder was man schön findet. Es ist das, was unter die Haut geht. Das muss kein gutes Gefühl sein. Es muss nur unter die Haut gehen. Danach suche ich.
Und was ist das gerade bei Ihnen?
Ich kann das nicht beschreiben. Der Punkt ist, was ein Buch ausmacht, ist das Buch selbst. Die Art, wie es geschrieben ist, der Ton, die Bilder. Wenn man ein Buch schreibt, ist das kein Code für etwas anderes. Es ist, was es ist. Wenn ich also darüber nachdenke, was mich interessiert oder woran ich arbeiten will, weiß ich es nicht, bis ich es tue.
Erzählen Sie von Ihrem Leben hier. Waren Sie schon bei Knut im Zoo?
Schon etwa zehn Mal. Ich habe einen Sohn. Ich glaube, wir waren sogar am ersten Tag da. Er ist wirklich niedlich. Ich weiß nicht - wahrscheinlich bekomme ich Todesdrohungen, wenn ich das sage -, aber ich weiß nicht, ob er so niedlich ist, dass er die ganze Aufmerksamkeit verdient hat. Aber er ist trotzdem süß.
Ein großes Thema zurzeit.
Es ist verrückt. Es verweist auch auf die paradoxe Weise, wie Menschen über Tiere denken. Jeden Tag gehen 30.000 Besucher mehr in den Zoo als sonst, aber dann verkauft da jemand direkt neben Knuts Gehege Bratwurst, die „Knutwurst“ heißt oder so ähnlich. An einem Abend war Francesco Clemente, der Künstler, in der Stadt. Meine Frau und ich kennen ihn aus New York, und wir waren gemeinsam essen. Nach dem Essen haben wir alle gekifft und uns betrunken und sind dann zu „Dr. Pong“ gegangen, kennen Sie das?
Diese Bar in Prenzlauer Berg, in der man Tischtennis spielen kann?
Genau. Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Es war meditativ. Es war so wunderbar. Mit diesen ganzen Jugendlichen, das hat mich erinnert an - nicht meine eigene Jugend, aber an eine Idee von Jugend. Wir waren bis zwei Uhr morgens da. Das war ein Höhepunkt.
Hatten Sie auch negative Erlebnisse?
Heute Morgen habe ich zwei große Flaschen Milch fallen lassen. Aber das könnte überall passieren, dafür kann ich Berlin nicht verantwortlich machen. Diese wahnsinnigen Tiere im Zoo zu sehen war ziemlich schlimm. Die die ganze Zeit vor und zurück schreiten und nach einem Fluchtweg suchen. Schlimm. Ein schlimmer Ort. Ich wurde aber nicht von Neonazis angegriffen oder so etwas.
Werden Sie auf der Straße erkannt?
Tatsächlich kam gestern jemand auf mich zu und sagte: „Ich habe dein Buch gelesen.“ In New York passiert das selten. Vielleicht alle zwei Monate mal. Was öfter passiert, ist, dass ich mein Buch irgendwo erkenne. Zum Beispiel in der U-Bahn sitzt dann jemand und liest es. Ich weiß nie, ob ich etwas sagen soll oder nicht. Und wenn, was ich sagen sollte. Also, wie kann ich nicht gruselig wirken, wie kann ich vermeiden, ein Arschloch zu sein.
Und?
Meistens sage ich nichts. Manchmal sage ich, oh, das ist seltsam, ich sitze neben Ihnen und habe zufällig dieses Buch geschrieben. Und die sagen: „Wirklich?“, und dann sage ich: „Ja, ja, ja, gehen Sie zur Seite mit dem Autorenfoto.“ Die schlagen die Autorenseite auf und halten es neben mich und sagen: „Ja, ja, ja, du hast das Buch geschrieben.“ Und dann ist es, als hätte man jemanden gezwungen zu sagen, dass er es mag.
Sie sind gerade dreißig geworden, verheiratet, Vater, haben zwei Weltbestseller geschrieben. Sind Sie glücklich?
Sie haben meinen Hund nicht erwähnt. Das ist der beste Teil meines Lebens.
Das wusste ich nicht.
Ich habe einen wunderbaren Hund. Das ist das, was ich wirklich hasse an Berlin. Dass mein Hund nicht hier ist.
Also?
Ich hatte viel Glück. Viele Leute schreiben gute Bücher, und die werden niemals veröffentlicht. Ich bin einfach froh, dass ich so viel Zeit habe, im Prinzip unnütze Dinge zu tun. Ich habe sozusagen den Jackpot des Lebens geknackt. Wir vergessen das oft, aber Romane und Kunst, das ist alles unnütz. Ich bin sehr dankbar dafür, mein Leben im Wesentlichen damit zu verbringen, nichts zu erreichen.
Weil Sie schon so viel erreicht haben?
Nein, nein, überhaupt nicht. Weil der Punkt von Romanen eben nicht ist, irgendetwas zu erreichen. Klar ist es schön, gute Kritiken zu bekommen und gut bezahlt zu werden. Aber darum geht es nicht. Jeder, der aus diesem Grund Künstler wird, ist kein wirklicher Künstler. Der ist ein Gauner.
In Ihrem letzten Buch schreiben Sie aus der Sicht eines kleinen Jungen, der seine Beziehung zu seinem toten Vater erforscht. Hat sich Ihr Schreiben verändert, seit Sie selbst Vater geworden sind?
Glauben Sie mir oder nicht - Vater zu sein hat meine Art zu schreiben überhaupt nicht verändert. Ich bin froh darüber, denn das heißt, dass es beim Schreiben etwas gibt, was unabhängig von den Lebensumständen ist. Schreiben ist nicht Leben. Es geht nicht darum, eine realistische Welt zu erschaffen, es geht darum, eine glaubwürdige Welt zu erschaffen. Wenn etwas realistisch ist, heißt das noch nicht, dass es glaubwürdig ist. Menschen glauben an Gott, aber Gott ist nicht realistisch. Etwas zu erleben spielt keine Rolle - es geht darum, was ich schreibe.
Dazu braucht man Phantasie.
Nicht einmal Phantasie. Es gibt Dinge, die alle Menschen wissen. Wenn jemand zu mir kommt und sagt: „Sie haben diesen alten Mann geschrieben, der ist so glaubwürdig, woher wissen Sie, wie es ist, ein alter Mann zu sein?“ Und die Person, die mich fragt, ist eine dreißig Jahre alte Frau. Dann frage ich, woher wissen Sie, dass ich den alten Mann präzise beschrieben habe? Lesen und Schreiben sind sich sehr ähnlich. Klar muss man beim Schreiben etwas herstellen, man muss sich vorstellen können, wie es wäre, jemand anderer zu sein. Zum Lesen braucht man aber diese Fähigkeit auch, wie sollte man sonst unterscheiden können, was gut ist und was schlecht.
Nach allem, was Sie erreicht haben - ist es jetzt schwierig, sich neue Ziele zu setzen?
Oh nein, um Gottes willen. Für einen Schriftsteller ist das, was man gerade nicht schreibt, vollkommen tot. Es ist, als hätte man es nie geschrieben. Ich habe zwei Bücher geschrieben, aber deswegen setze ich mich heute nicht an den Schreibtisch und fühle mich gut. Ich war gerade mit einem Freund unterwegs, der unglaublichen Erfolg hat . . .
Ihr Freund Jonathan Franzen?
Ja. Und der sagt: „Ach, was soll's, ich kann kein einziges Wort schreiben.“ Und man will ihn packen und schütteln, Gott, du hast dieses wunderbare Buch geschrieben. Wenn man nur ein so tolles Buch schreiben würde . . . Aber so fühlt es sich eben nicht an.