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Interview : Große Einsamkeit in der Politik

  • Aktualisiert am

Autorin Ulrike Sommer Bild: Kay Herschelmann

Ulrike Sommer kennt den politischen Betrieb aus nächster Nähe: Erst berichtete sie für die Nachrichtenagentur AP, dann heiratete sie den DGB-Vorsitzenden Michael Sommer. Jetzt schreibt sie Krimis über das politische Berlin.

          Ulrike Sommer, Jahrgang 1957, kennt den politischen Betrieb seit Jahren aus nächster Nähe. Erst berichtete sie für AP über die Themen Terrorismus, Geheimdienste und Gewerkschaften, dann heiratete sie den heutigen DGB-Vorsitzenden Michael Sommer. Sie ist eine der wenigen deutschen Autorinnen, die sich auf das Genre des Politthrillers spezialisiert haben.

          Eine Frau als Bundeskanzlerin, ist das eine Inspiration für eine Autorin politischer Thriller?

          In meinen Romanen bleibt der Kanzler auch weiterhin ein Mann, denn ich schreibe nicht über real existierende Menschen. Ich möchte Berlin und das Prinzip der Macht beschreiben, wie beispielsweise Informationen weitergegeben, Themen lanciert werden. Ich hab' mal einen Roman begonnen, in dem die Kanzlergattin einen Geliebten hat. Das wäre doch spannend, nicht? Aber der Verlag wollte es nicht, weil wir ja in Deutschland noch nicht so viele Kanzler hatten und dann der Wiedererkennungseffekt zu groß ist. Hierzulande müssen wir eine solche Tradition erst noch entwickeln. In den USA erfinden sie ja laufend Geschichten rund um den Präsidenten, nicht um Clinton oder Bush vorzuführen, sondern um das Prinzip zu beschreiben.

          Ihr erstes Buch „Wer dreimal lügt“ wurde als deutsches Pendant zu „Primary Colors“ von Joe Klein angekündigt. Dort geht es um Clinton und seine Affären, lange vor dem Lewinsky-Skandal. Und in Ihrem Roman hat nun wieder der Kanzler eine heiße Affäre ...

          Das war nur der Ausgangsskandal, von dem aus ja noch weitere, ungeheure Dinge passieren. Es ging mir um die Frage: Was erwarten wir eigentlich von denen, die uns regieren? Müssen die moralisch einwandfrei sein, und wenn ja, was sind das dann für Menschen, die sich nie eine Verfehlung zu Schulden kommen lassen? Und wie gehen die Journalisten - damals zählte ich dazu - damit um?

          Die Rolle der Geheimdienste ist ein weiteres zentrales Thema in Ihren Romanen. Das wurde ja gerade wieder durch die Affäre der Bespitzelung von Journalisten durch den BND aktuell.

          Mich wundert das nicht. Geheimdienste handeln mit Informationen, Journalisten handeln mit Informationen. Daß sich der eine für den anderen interessiert, ist doch klar. Schon immer wurden Journalisten als Agenten oder Teilzeitagenten geworben. Daß sie Ziel von Bespitzelung sind, ist nur logisch. Und daß es dann mal rauskommt, das ist - ganz niedlich. Allerdings möchte ich auch dazu beitragen, daß sich Leser fragen, weshalb bestimmte Interna aus den Diensten an die Öffentlichkeit gelangen. Wer hat an einer Veröffentlichung ein Interesse? Bestimmte Fragen werden von Journalisten ja gar nicht mehr gestellt. Da kann der Roman noch richtig aufklärerisch wirken, weil er größere Freiheiten hat und nachhaltiger wirkt. Klar könnte ich jedes Jahr einen Essay zur Moral im Journalismus schreiben. Aber es wirkt besser, wenn ich Figuren habe, mit denen man sich identifiziert, eine Geschichte, ein moralisches Problem, denn dann erinnern sich die Leser auch am nächsten Tag noch an die Zusammenhänge.

          Als frühere politische Journalistin und nun als Ehefrau des DGB-Vorsitzenden haben Sie natürlich gute Einblicke in das Gefüge der Macht in Berlin. Hat die Öffentlichkeit, die die Medien nutzt, eigentlich eine zutreffende Vorstellung von den Verhältnissen - oder sind Journalisten zu naiv?

          Beides. Zum Teil bin ich fasziniert davon, wie gut informiert Journalisten sind, und zum Teil bin ich ziemlich erschüttert darüber, was sie alles nicht merken.

          In den letzten Monaten war viel los auf der politischen Bühne. Haben Sie das Geschehen als engagierte Zeitgenossin verfolgt oder Stoff gesammelt für Ihre Romane?

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