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Interview : Der Tag, als Philip Roth anrief

  • Aktualisiert am

Hallo, hier ist Philip Roth Bild: AP

Philip Roth meidet eigentlich die Medien. Dann aber meldete sich der Schriftsteller plötzlich am Telefon - und gab Auskunft über seine Bücher, Ruhm, den Irakkrieg, Günter Grass und das Internet.

          Philip Roth ruft eigentlich eher selten an, und schon gar nicht bei uns. Er lebt sehr zurückgezogen, er meidet die Medien und den Kulturbetrieb, und anders als etwa Thomas Pynchon macht er daraus kein Drama.

          Wir wollten trotzdem mit ihm sprechen, wir haben immer wieder angefragt und nachgehakt und seinen Verlag und seine Agentur genervt. Und dann, es war Samstag, spätnachmittags, hat in der Redaktion das Telefon geklingelt.


          Hier Minkmar, hallo?

          Meidet die Medien: Philip Roth


          Hallo. Hier ist Philip Roth. Wollen Sie reden?


          Ja.


          Dann reden wir. Wir reden über ... Ist es „Der menschliche Makel“, der bei Ihnen veröffentlicht wird?


          Nein. Verschwörung gegen Amerika.


          Ich bin also ein Buch hintendran.


          Jetzt bin ich mit meiner ersten Frage in Schwierigkeiten, denn eigentlich wollte ich fragen, ob Verschwörung gegen Amerika durch den 11. September inspiriert wurde.


          Nein. Ich habe es vorher begonnen ... Wann hab' ich es noch mal begonnen? Es hat mit dem 11. September überhaupt nichts zu tun. Es gab da einen konkreten Anlaß. Wir haben in Amerika einen großen Historiker, Arthur Schlesinger ... kennen Sie den Namen?


          Ja.


          Ein wunderbarer Mann. Wir sind auch miteinander bekannt. Vor einigen Jahren hat er den ersten Band seiner Autobiographie veröffentlicht, im Dezember 2000. Die habe ich dann gleich gelesen. Irgendwo, in einer Passage über die späten 1930er Jahre, schreibt Schlesinger von dem Vorhaben eines extrem rechten Flügels der Republikaner, Charles Lindbergh 1940 als Präsidentschaftskandidaten zu nominieren. Das war nur ein Satz, aber mir war es neu. Ich schrieb also an den Rand: Was, wenn sie's getan hätten? Ich konnte ja nicht wissen, daß ich die nächsten zwei Jahre damit verbringen würde, diese Frage dann zu beantworten.

          Als ich ein Junge war, war Lindbergh eine große Figur. Bei mir zu Hause wurde viel über ihn gesprochen, er war uns verhaßt. Als ich „Das sterbende Tier“ fertiggestellt hatte, ließ mich die Frage nicht mehr los, das war im Januar 2001, da begann ich. Ich fragte Arthur Schlesinger dann noch mal, aber es gab eigentlich nicht so viel zu erzählen, denn Lindbergh war ja nie ein ernstzunehmender Kandidat gewesen. So begann dann mein Buch.

          Sie haben in diesem Buch die Geschichte des 20. Jahrhunderts umgeleitet - so wie man Flüsse umleitet -, um Ihre Familie in den Mittelpunkt dramatischer historischer Ereignisse stellen zu können. Kann man das so sagen?


          Ich habe den Verlauf der Geschichte nur in einem Punkt umgeleitet, nämlich daß Lindbergh statt Roosevelt Präsident geworden wäre. Das war meine Prämisse, und von der aus habe ich dann meine Schlüsse gezogen. Als ich das entschieden hatte, habe ich mich zugleich dagegen entschieden, Personen zu erfinden. Ich wollte bei denen bleiben, die da waren, vor allem bei meiner Familie. Ich habe meine Familie in dieses Laboratorium versetzt, um zu sehen, wie sie sich unter diesen Umständen verhalten hätte. Um uns herum habe ich weiter erfunden: die Tanten, die Nachbarn, alles erfunden. Die Stadt habe ich natürlich beibehalten.


          Können Sie sich denn noch daran erinnern, wie Sie als Siebenjähriger waren?


          Natürlich nicht. Ich erinnere mich da an kaum noch etwas. Ich weiß aber noch, was ich für ein Kind war. Ein schnelles, manchmal freches, normales, schlaues Kind. Ich erinnere mich an meine Familie, die Nachbarschaft, die Stadt sehr gut. Woran soll man sich als Kind auch erinnern? Man ist es eben.


          Es gibt in Verschwörung gegen Amerikaeine sehr bewegende Szene, in der ein Junge allein zu Hause sitzt; seine Mutter ist bei einem Pogrom ums Leben gekommen, und Ihre Mutter versucht, den Jungen per Telefon zu beruhigen und ihn durch das Frühstück zu lotsen. War es schwer, diese Szene zu schreiben?


          Nein, ich habe es geliebt, diese Szene zu schreiben. Ich mußte nur an meine Mutter denken, was sie in so einer Lage getan hätte. Ich glaube, ich habe ziemlich genau darstellen können, was meine Eltern in so einer Lage getan hätten. Aber ich könnte mich natürlich auch völlig irren.


          Reden Sie manchmal noch mit Ihren Eltern?


          Wo haben Sie das denn her?


          Stand im Guardian.


          Ja. Al Alvarez hat den Text im „Guardian“ geschrieben, nicht? Der ist so ein guter Freund. Ich habe ihm zuviel erzählt. Also ... ich fühle mich meinen verstorbenen Eltern sehr nahe. Ich möchte es so sagen: Ihre Anwesenheit ist stärker als ihre Abwesenheit.


          Ich hab' noch eine Frage zu Lindbergh.


          Ja, das ist gut.


          Wußten Sie denn beim Schreiben von seinen beiden anderen Familien in Deutschland und in der Schweiz?


          Nein, das kam erst heraus, nachdem der Roman fertig war. Sehr interessant. Moment - ich wußte von der deutschen Familie, aber noch eine dritte?


          Ja, in der Schweiz.


          Gut, er war ja immer sehr systematisch. Ich habe da eine Theorie: Er war so von der Idee des Ariertums fasziniert, daß ihm seine wunderbare Frau in den Vereinigten Staaten einfach nicht arisch genug war. Er brauchte eine deutsch sprechende Frau und deutsche Kinder. Oder was glauben Sie?


          Neulich waren seine deutschen Söhne im Fernsehen, und sie vermuten, Lindbergh habe auch in Afrika bei den Massai noch Kinder gezeugt.


          Wirklich? Damit geht meine Theorie zum Teufel.


          Vielleicht nicht ganz. Leni Riefenstahl war ja auch von bestimmten edlen Wilden fasziniert, allerdings von den Nuba.


          Schwarze Arier sozusagen. Er war vielleicht doch interessanter, als ich dachte. Ein seltsamer Mensch. Er war ja nicht darauf vorbereitet, die Weltbühne zu betreten, er war ja nur ein Testpilot. Er war kein Denker. Das hat ihn, glaube ich, an der Nazi-Ideologie angezogen: Das war intellektuelles Leben für Arme.


          Es gab genug deutsche Intellektuelle, die diese Ideen auch teilten.


          Ja, das weiß ich ... Und sein Gönner Henry Ford, der ebenfalls sehr mächtig war, hatte ja ähnliche Ideen. Später im Leben hatte Lindbergh allerdings interessante Umweltschutzgedanken. Und es war sicherlich sehr beeindruckend, ihm gegenüberzustehen. Er war gutaussehend, selbstbewußt ...


          Manche haben Verschwörung ... auch als Kommentar zur politischen Lage in den Vereinigten Staaten gelesen.


          Nein, das entbehrt jeder Grundlage. Ich habe beim Schreiben an die 1940er Jahre gedacht und nicht ein einziges Mal an George Bush. Wer so etwas schreibt, ist an Schlagzeilen interessiert, das bin ich aber nicht.


          Sie begreifen sich nicht als öffentlich wirkenden Intellektuellen?


          Nein. Ich schreibe Bücher, und ansonsten wirke ich als normaler Staatsbürger. Während des Vietnamkriegs war ich sehr wütend. Da haben wir demonstriert, ich habe ein paar Sachen geschrieben. Aber ich fühle mich jetzt nicht mehr dazu hingezogen. Das ist auch keine amerikanische Tradition. Es gibt immer Ausnahmen, aber hier würde niemand auch nur dreißig Sekunden hinhören, was ein Schriftsteller zu sagen hat. Wer ist denn der, würde man fragen. Es gibt keinen besonderen Respekt für Schriftsteller, keiner versteht, was sie genau machen. Sie haben keine größere moralische Autorität als der Klempner ... Ja, es ist, als würde der Klempner plötzlich Statements zur Weltlage abgeben, da würden sich auch alle wundern ... Nehmen Sie das hier eigentlich auf?


          Ja.


          Ist okay.


          Warum bewirkt der Irakkrieg keine ähnliche Mobilisierung wie der Vietnamkrieg?


          Jetzt fragen Sie mich ja doch als öffentlichen Intellektuellen.


          Nein gar nicht, nur ...


          Nun, der Vietnamkrieg dauerte sieben Jahre. Dieser Krieg dauert erst zwei Jahre, und es ist etwas ganz anderes. Denn es gibt keine Wehrpflicht. Die Wehrpflicht hat die Söhne der Mittelklasse in die Armee gezwungen. Und die Familien nahmen natürlich an deren Schicksal Anteil. Heute kämpft eine Armee der Unterprivilegierten, eine Freiwilligenarmee. Wenn da jemand stirbt, machen die Leute zwar entsprechende Geräusche - Ohistdasnichtfurchtbar -, aber es ist ihnen egal. Es macht ihnen nichts aus, wenn Amerikaner getötet werden, und es macht nichts, wenn die Iraker getötet werden. Es ist ein ganz anderer Krieg. Die machthabende Partei ist völlig anders. Da haben Sie's.


          Und die Medien?


          Verfolge ich nicht. Ich bin draußen. Darum schreibe ich ja auch über 1942.


          Sie leben nicht in der Stadt.


          Ich wohne hundert Meilen außerhalb von New York. Ich bin so drei oder vier Tage im Monat in der Stadt. In letzter Zeit aber etwas mehr, aus rein persönlichen Gründen. Ich wohne hier seit 1972, im ländlichen Connecticut. Es ist völlig still hier. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, bei diesem schönen Wetter, höre ich nur das Zwitschern der Vögel und nicht das Zwitschern der Medien. Kennen Sie Amerika?


          Ein wenig.


          Aha. Also ich schreibe den ganzen Tag. Am späten Nachmittag mache ich einige Fitneßübungen. Ich schreibe. Ich sehe niemanden. Es gibt ein paar enge Freunde, die ich am Wochenende treffe, sonst niemanden. Ich habe mich in den letzten Jahren halt darauf beschränkt zu schreiben.


          Sie waren unglaublich produktiv und haben ein Meisterwerk nach dem anderen vorgelegt.


          Das ist sehr freundlich von Ihnen. Das kommt eben davon, daß ich nur den Vögeln zuhöre. Ich hab' auch mit dem Unterrichten aufgehört, also habe ich die Zeit und die Geduld, ein Manuskript wieder und wieder umzuschreiben.


          Günter Grass hat einmal beschrieben, wie ihm der Ruhm, der ihn nach der Blechtrommel heimsuchte, zu einem ständigen Begleiter wurde. Wie gehen Sie damit um?


          Anders als Grass. Er ist ja so ein lautstarker Fürsprecher ...eine starke Figur, er setzt seinen Ruhm ein, um seine politische Meinung zu befördern. Ich denke aber keine Minute an meinen Ruhm. Die Vögel hier wissen nicht, daß ich berühmt bin. In meinem Dorf leben zehn Leute, es gibt einen Laden, eine Bank und einen Schnapsladen. Da lassen mich alle in Ruhe. Es ist komischerweise anonymer als in der Großstadt. In New York werde ich auch in Ruhe gelassen. Ab und zu erkennt mich jemand oder will ein Foto. Aber ich versuche, das Defizit des Ruhms zu umgehen. Es ist kein Thema mehr in meinem Leben. Das war mal anders, nach „Portnoys Beschwerden“. Ich mußte ein Buch dagegen schreiben, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Das war aber schon 1969.


          Sie sind früher so viel gereist. Vermissen Sie das?


          Früher bin ich viel gereist, stimmt. Bevor ich nur noch schreiben wollte. Ich hab' auch mal in London gelebt aus persönlichen Gründen. Von dort aus fuhr ich oft nach Paris, Freunde treffen, oder nach Jerusalem. Und nach Prag, jedes Jahr zwei oder drei Wochen. Das hat mir viel Spaß gemacht. Das war eben mein europäisches Leben, von London aus. 1989 bin ich in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, und ich reise kaum noch. Neulich hab' ich meinen Reisepaß angesehen, und da fiel mir auf, daß er längst abgelaufen ist. Vor drei Jahren war ich zuletzt außerhalb des Landes, da gab es in Aix-en-Provence eine sehr schöne Tagung über meine Bücher.


          Googeln Sie manchmal Ihren Namen?

          Nein, ich benutze das Internet gar nicht. Das gehört zu den Dingen, die ich nicht in meiner Nähe haben möchte. Ich habe eine Steinzeit-Software. Die Leute lachen, wenn sie meinen PC sehen. Er hat einen blauen Bildschirm. Junge Leute haben so etwas noch nie gesehen, die fallen vor Staunen um. Ich habe alles aus dem Haus herausgehalten, was meine Arbeit nicht voranbringt. Ich benutze Bücher statt des Internets. Ich kaufe viele Bücher.


          Muß man unglücklich sein, um zu schreiben?


          Nein, nichts geht besser, wenn man unglücklich ist. Ich hasse es, unglücklich zu sein. Um zu schreiben, muß man robust, unabhängig und gesund sein.


          Hatten Sie je solche Schmerzen, daß Sie dachten, Sie könnten nie wieder schreiben?


          Oh ja, ich habe schon gewaltige Schmerzen ausgehalten. Schmerzen und Schreiben geht nicht zusammen. Das kann keiner. Außer vielleicht Solschenizyn, aber der ist ja auch so eine Naturgewalt. Zum Schreiben muß man gesund sein und so glücklich, wie es geht.


          Verfolgen Sie die deutsche Literatur?


          Nein, gar nicht. Früher mal, als Böll und Grass im Mittelpunkt standen. Es gab noch andere. Aber ich habe ihre Namen vergessen. Ich kenne Herrn Enzensberger. Wir sind uns in den Sechzigern begegnet, und vor einigen Monaten habe ich ihn wiedergetroffen. Es war sehr schön. Ich fürchte, ich könnte Ihnen nicht einen einzigen deutschen Schriftsteller nennen. Das ist zwar nicht schön, aber ich könnte es wirklich nicht.


          Elfriede Jelinek?


          Den Namen hab' ich gehört, aber nichts von ihr gelesen.


          Hier hat ein amerikanisches Autorentrio für einige Furore gesorgt: Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides und Jonathan Safran Foer. Verfolgen Sie deren Arbeit?


          Ich muß gestehen: Nein. Obwohl, Franzen hab' ich mal im „New Yorker“ gelesen. Aber ich lese nicht soviel Literatur. Ich lese vor allem Geschichtsbücher und Biographien.


          Was schreiben Sie denn gerade?


          Eine lange Kurzgeschichte ... oder einen kurzen Roman, ich weiß nicht. Ich arbeite langsam. Es verändert sich so schnell. Ich sitze daran schon eine ganze Weile und ... Das ist alles, was ich dazu sagen kann.


          Danke sehr. Das war toll.


          Danke für Ihre Hilfe.

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