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Inquisition : Einblick in den Giftschrank des Vatikans

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Vorsicht vor dem Verderben: Bücher hinter Gittern Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Einige Gedanken sind frei: Hubert Wolf knackt nach jahrelangem Studium in erstmals zugänglichen Archiven die Geheimnisse der römischen Inquisition. Und gibt den Blick in den Giftschrank des Vatikans frei.

          Professoren forschen nicht mehr, Professoren lassen forschen. Zu diesem Zweck versuchen sie, Geld zur Beschäftigung von Mitarbeitern zu beschaffen, und erhalten bisweilen millionenschwere Leibnizpreise der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ob diese in den Naturwissenschaften geborene quasiindustrielle Forschungsorganisation sich generell erfolgreich auf die Kulturwissenschaften übertragen läßt, wird man der aktuellen Forschungspolitik zum Trotz bezweifeln dürfen.

          Es gibt aber Ausnahmen, Fälle, in denen die Aufgabe so groß, das zu bewältigende Material so riesig ist, daß tatsächlich auch hier nur der geballte Einsatz von Mitteln und Personal unter energischer Führung zum Ziel führt. Ein solcher Fall ist anzuzeigen. Hubert Wolf, katholischer Kirchenhistoriker in Münster, Mitgestalter eines dortigen Sonderforschungsbereiches und Leibnizpreisträger, hat mit zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Geheimnisse der römischen Inquisition „geknackt“.

          133 Todesurteile - und 6000 zensierte Bücher

          Seit 1998 ist das offiziell möglich, denn Papst Johannes Paul II. hat ungeachtet seines massiven Konservatismus der Forschung in jenem Jahr eines der bestgehüteten Geheimnisse der römischen Kirche, das Archiv der Inquisition, heute Kongregation für die Glaubenslehre, offiziell zugänglich gemacht, unter maßgeblicher Mitwirkung des damaligen Behördenvorstands Ratzinger, der sein Nachfolger geworden ist. Aber Hubert Wolf durfte schon einige Jahre vorher mit Sondergenehmigung in jenem Archiv forschen. Außerdem konnte er auf die jahrzehntelangen Vorarbeiten und den Sachverstand eines früheren Mitarbeiters der Glaubenskongregation, des Archivars Herman Schwedt, zurückgreifen, der sich für das Projekt gewinnen ließ und Hauptautor eines großenteils von ihm bestrittenen Doppelbandes in dem von Wolf veröffentlichten Werk wurde.

          Um welche Inquisitionsgeheimnisse handelt es sich? Es geht um die Buchzensur, die römische Gedankenpolizei gegenreformatorischen Ursprungs, deren Verurteilungen im bildlichen Sinn viel mehr „Scheiterhaufen“ errichtet haben, als in Rom jemals wirkliche Verbrennungen von Menschen stattgefunden haben. Denn die römische Inquisition verhängte in 400 Jahren „nur“ 133 Todesurteile, die spanische demgegenüber Zehntausende. Hingegen wurden in Rom knapp 6000 Druckwerke verurteilt, deren Autoren deswegen zwar nicht mehr ihr Leben verloren, aber häufig schwere Nachteile in Kauf nehmen mußten, vor allem wenn sie als katholische Theologen von der Kirche abhängig waren.

          Verurteilte hatten höchstens Gelegenheit zur Unterwerfung

          Eine verurteilte Veröffentlichung gelangte auf den Index der verbotenen Bücher, der erstmals 1557, zum letzten Mal 1948 erschien und 1966 abgeschafft wurde. Überwiegend handelte es sich um Einzelwerke, nur wenige Autoren mußten die pauschale Verurteilung ihres Gesamtwerkes erleben. Zuständig war 1571 bis 1917 eine „kleine Schwester“ der 1542 gegründeten Inquisition, die Indexkongregation, deren Archiv sich in erfreulicher Vollständigkeit im ansonsten eher lückenhaften Inquisitionsarchiv erhalten hat. Denn die Inquisition selbst konnte sich ebenfalls mit der Bücherzensur befassen, hatte diese Aufgabe vor 1571 wahrgenommen und übernahm sie nach Auflösung der Indexkongregation im Jahr 1917 aufs neue.

          Das Verfahren begann häufig mit einer Denunziation, daraufhin wurden Gutachten erstellt, dann von Theologen, anschließend den zuständigen Kardinälen diskutiert, deren Entscheidung schließlich vom Papst bestätigt werden mußte, was in der Regel auch stattfand. Alles blieb streng geheim; katholische Verurteilte bekamen höchstens Gelegenheit zur Unterwerfung. Die Begründung der Verurteilung im einzelnen wurde aber ebenfalls nicht veröffentlicht. Der römische Versuch zur Kontrolle des Wissens beschränkte sich keineswegs auf die Glaubenslehre, sondern war grundsätzlich universal angelegt, auch wenn seine Vorkämpfer sich damit in der Moderne als überfordert erwiesen.

          Voll von bisweilen grotesken Fehlern

          Die römischen Indices waren von Anfang an voll von bisweilen grotesken Fehlern, so daß bereits die durchgängige Identifizierung ihrer Autoren und Buchtitel, wie sie schon früher von Franz Heinrich Reusch, Joseph Hilgers und Jesus Martinez de Bujanda unternommen wurde, eine Herkulesarbeit darstellte. Wolfs Riesenprojekt geht aber weit darüber hinaus, denn es will durch detaillierte Inventarisierung die gesamte Aktivität der römischen Buchzensur von den Anfängen bis zur Zeitgrenze der Archivöffnung, derzeit 1922, erschließen. Die ersten sieben Bände, von denen sechs vorliegen, sind dem langen neunzehnten Jahrhundert von der Wiedererrichtung des römischen Herrschaftssystems 1814 bis zum Ende der selbständigen Indexkongregation gewidmet. Das achtzehnte Jahrhundert befindet sich in Arbeit, die Erschließung der vorhergehenden Jahrhunderte soll folgen.

          Der Einleitungsband von Wolf behandelt den historischen Rahmen, die Forschungslage und die Quellen, vor allem aber Vorgehensweise und Aufbau der einzelnen Teile. Dem epochemachenden Charakter des Werkes entsprechend, erfolgt diese „Gebrauchsanweisung“ parallel in deutscher, italienischer, englischer und spanischer Sprache. Teil I ediert die 247 gedruckten Verfügungen (Bandi), mit denen die beiden Kongregationen ihre Verurteilungen bekanntmachten. Teil II präsentiert in zwei Bänden die Kongregationssitzungen samt Nachweis der jeweiligen Akten, insbesondere der Gutachten, die zu den einzelnen Veröffentlichungen erstattet wurden. Hier tauchen auch Bücher auf, die diskutiert, aber nicht verurteilt wurden. Teil III, der wie schon Teil I großenteils auf Schwedts Vorarbeiten beruht, bietet Kurzbiographien aller Kongregationsmitglieder mit Literaturangaben. Vor allem aber sind hier ebenfalls sämtliche Gutachten mit ihren Fundstellen verzeichnet, die von einer dieser Personen erstattet wurden.

          D'Annunzio, Dumas, Heine

          Vollständig benutzbar wird das Riesenwerk allerdings erst dann sein, wenn im nächsten Jahr ein Indexband erscheint, mit dem vor allem die Autoren und ihre Werke rasch zu finden sein werden, die man jetzt mühsam suchen muß. Doch schon beim Durchblättern stößt man auf viele interessante Namen, mit denen sich die beiden Kongregationen auseinandergesetzt haben, zunächst natürlich bekannte Theologen wie Ehrhard, Hermes, Kraus, Loisy, Merkle, Newman, Rosmini, Sailer, Schell. Sogar Heilige der Kirche wie Theresia von Jesus sind zu finden. Daneben dann ein bunter Strauß von verschiedensten Autoren, Philosophen, Schriftsteller, Politiker, Esoteriker und andere mehr: Acton, Bergson, Bloy, Claudel, D'Annunzio, Dumas, Gregorovius, Heine, Kardec (der „Kirchenvater“ der Spiritisten), Maeterlinck, Maurras, Murri (einer der ersten italienischen „Christdemokraten“), Ranke, Renan und besonders oft Zola. Gelegentlich handelt es sich um Neuauflagen, etwa von Machiavelli, Pascal und Savonarola, oder es geht um Zeitschriften wie die „Action francaise“ oder das „Hochland“.

          Wolfs Großprojekt hat erfreulicherweise die zusätzlichen Mittel, solche Fälle aufzugreifen und parallel zur Inventarisierung im Detail zu untersuchen. Eine ganze Reihe höchst aufschlußreicher Veröffentlichungen dieser Art liegen an anderen Stellen bereits vor, darunter zur Indizierung von Rankes „Päpsten“ und zu Heine, bei dem ein Zusammenspiel der römischen Zensur mit der von Wien ausgehenden des Deutschen Bundes zu beobachten ist, aber auch, daß Rom ihn nur zur Kenntnis nahm, weil er in der „Kultursprache“ Französisch veröffentlicht wurde. Wolf und sein Team erschließen der Forschung offensichtlich für viele Jahre eine „Goldmine“ an Quellen zum Thema katholisches Christentum und moderne Welt, die ihren stolzen Preis wert ist.

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