01.07.2003 · Inka Parei hat in Klagenfurt nicht nur den mit 22.500 Euro dotierten Bachmann-Preis gewonnen, sondern auch den Publikumspreis. Das Porträt einer Schriftstellerin, die keinen Moden folgt.
Von Felicitas von LovenbergIn Frankfurt-Rödelheim möchte man nicht beerdigt sein, und auch zum Leben gibt es schönere Orte. Jener Mann, der im Alter aus Berlin zum Sterben hergezogen ist, fühlt sich fremd, vermutet sein Bett oder die Türen an den falschen Stellen, hat aber auch nichts mitgebracht, was ihm die neue Umgebung vertrauter machen könnte: Seine Möbel hat er vertrödelt, seine Bücher verschenkt, als wolle er den letzten Lebensabschnitt unbefrachtet beginnen. Das Haus, ein Nachkriegsbau am westlichen Stadtrand von Frankfurt, hat er geerbt, sehr zu seinem Erstaunen: "Im ersten Moment hatte er sich an den früheren Besitzer nicht mehr erinnern können." Das plötzliche Eigentum verstört den ehemaligen Postbeamten eher, als daß es ihn freut.
Er ist nicht nur in dem Haus in Rödelheim nicht zu Hause, sondern ein Fremder im eigenen Leben. Die Welt betrachtet der Mann nur durchs Fenster, mit dem Fernglas. Seine Nachbarn kennt er nicht; wenn er ihnen zusieht, nennt er sie "den Wirt", "den Metzger" oder "die Kinder vom Wirt". Der Mann ist müde, so müde, daß er beobachtet, ohne recht zu verstehen, was er sieht. "Er konnte das zischende Geräusch hören, mit dem das Leder des Gürtels aus den Schlaufen rutschte. Die Jüngere der beiden Mädchen riskierte einen Blick nach draußen, der plötzlich lang wurde, zögerlich, als ob sie ihn gesehen hätte. Dann wandte sie sich um und rannte zur Tür, und jemand löschte das Licht."
Zwei Preise
Das Fernglas kommt nicht von ungefähr. Auch Inka Pareis Sprache holt die Einzelheiten ganz nah heran, betrachtet die Dinge, ohne sie verstehen oder erklären zu wollen, und eröffnet so der Vorstellung eigene Raumfluchten. Ihre Schreibbewegung ähnelt der eines Muschelsuchers, der langsam voranschreitet, immer wieder etwas aufhebt, es genau ansieht, einsammelt oder behutsam zurücklegt. Als die sechsunddreißigjährige Autorin am letzten der Klagenfurter Bachmann-Tage ihren Text vortrug, Anfang eines noch namenlosen Romans, war der Wettbewerb entschieden, bevor die Jury überhaupt zur Abstimmung schritt. Der Verleger Klaus Schöffling stand strahlend neben seiner Autorin, die unmittelbar nach ihrem Vortrag bereits von Anfragen bestürmt wurde. Am Sonntag gewann die Schriftstellerin dann nicht allein den mit 22 500 Euro dotierten Bachmann-Preis, sondern auch den Publikumspreis.
In gewisser Weise ist Inka Parei mit diesem neuen Text nach Hause, nach Frankfurt, zurückgekehrt, wo sie 1967 geboren wurde. Die studierte Germanistin, Politikwissenschaftlerin und Sinologin arbeitet seit sechs Jahren als freie Schriftstellerin in Berlin. 1999 erschien ihr von den Rezensenten gefeiertes Debüt "Die Schattenboxerin". Sie läßt sich Zeit zum Schreiben, folgt keinen Moden. Lakonie und Sparsamkeit zeichnen ihre Prosa aus. Konzentriert auf Bildausschnitte und Gedankenfetzen, vermißt sie die Landkarte einer brüchigen Gegenwart. War es in der "Schattenboxerin" das mysteriöse Verschwinden der Nachbarin, das die Protagonistin verstörte, ist es diesmal just die Präsenz einer anderen Person, die den alten Mann beunruhigt. Wer Inka Parei in Klagenfurt unmittelbar vor ihrem Auftritt beobachtete, die Unaufgeregtheit, die Zurückhaltung, aber auch die Selbstsicherheit, die aus jedem ihrer Sätze spricht, nimmt ihr den Respekt vor ihren Figuren ab.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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